Thomas Müller hat sich begehrt gemacht in Europa. Sein Verbleib beim FC Bayern scheint ungewiss. Der Weltmeister steht vor einer Grundsatzfrage: Legende oder flügge werden?

Der Mann ist innerlich zerrissen, er hat die Qual der Wahl. Er spielt beim FC Bayern, die Bosse schätzen und die Fans lieben ihn - und theoretisch könnte er bis zur fußballerischen Verrentung bleiben.

Aber ist er mit diesem Klub nicht bereits Champions-League-Sieger geworden und zigfacher Meister? Was bindet ihn noch, wo er doch alles erlebt hat, auch die Tiefen, die der Sport mit sich bringt? Und lockt nicht die süße Versuchung Manchester United?

Ballon-d'Or-Titel gewinne wieder einer der "üblichen Verdächtigen".

Karl-Heinz Rummenigge verordnet sich einen Befehlston: "Selbst wenn wir 15 Angebote für ihn hätten, würden wir ihn nicht freigeben!"

Also spielt Oliver Kahn weiterhin für den FC Bayern.

Die Episode trägt sich 2003 zu, Kahn ist 34 Jahre alte und ringt mit sich, ins Ausland zu wechseln.

Thomas Müller stellt neuen Rekord auf

Zwölf Jahre später ist die Lage ähnlich, mit dem Unterschied, dass der Protagonist Thomas Müller heißt und noch nicht im Zenit seiner Schaffenskraft zu stehen scheint.

Wie zum Beweis stellt er nun beim 4:0-Erfolg über Olympiakos Piräus einen Rekord auf; nie war ein Spieler bei seinem 50. Champions-League-Sieg jünger.

Von einem normalen Spieltag kann an diesem Wochenende keine Rede sein. Auch in der Bundesliga sind die Anschläge von Paris allgegenwärtig. Und auch unsere Lehren des Spieltags sind dieses Mal ein wenig anders geraten, als sie es gewohnt sind. Sie haben vor allem eine ganz wichtige Botschaft: Wir lassen uns den Fußball und unser Leben nicht kaputt machen.

Anschließend sagt Müller, dessen Lebensalter an jenem Abend exakt 26 Jahre und 72 Tage zählt, ein paar schlaue Sätze: "Wir müssen als Mannschaft einen guten Werdegang vollziehen. Es liegt noch ein harter Weg vor uns."

Wie aber wird sein persönlicher Werdegang aussehen? Wohin führt sein Weg?

Thomas Müllers Vertrag soll verlängert werden

Der erfolgreichste deutsche Champions-League-Torschütze (32 Treffer) hat sich mit seinen Leistungen in den vergangenen Jahren äußerst begehrt gemacht.

Mit unverschämt hohen Beträgen will ihn Manchester United im Sommer ködern, Rummenigge lehnt rigoros ab: "Ich habe dem Kollegen bei Manchester gesagt, dass ich meinen E-Mail-Account zwar schlecht abstellen kann, aber er mir nichts mehr schicken braucht. Es gibt Spieler, die haben kein Preisetikett. Dazu gehört Thomas Müller."

"Seid gewarnt, ihr Abwehrketten! Diesen Müller stoppt man nicht!"

Angeblich will Bayern die Bezüge des Offensivspielers bei nächster Gelegenheit deutlich steigern. Nebenbei soll Müllers bis 2019 datierter Kontrakt um mindestens zwölf Monate ausgedehnt werden. Aktionismus?

Eher nicht. Die Überlegung erscheint sinnig, weil der Weltmeister keine Garantien aushändigen mag.

"Natürlich üben solche Gehälter ihren Reiz aus, alles andere wäre geheuchelt", hat er der "Welt" bezüglich eines Wechsels nach England gesagt. Und: "Ich habe schon mitgekriegt, dass Interesse bestand oder vielleicht auch noch besteht." Das "vielleicht" darf er streichen.

Folgt Thomas Müller den Beispielen von Michael Ballack und Co.?

So muss Müller für sich eine Glaubens- und Grundsatzfrage beantworten: sich endgültig einem Verein verschreiben, zum siebten, neunten, zwölften Mal Deutscher Meister werden und eine noch größere Legende werden, als er ohnehin schon ist?

Oder etwa Michael Ballack (FC Chelsea), Toni Kroos (Real Madrid) oder Bastian Schweinsteiger (Manchester United) folgen, Perspektiven und Persönlichkeit erweitern, flügge werden und den Jugend- und Herzensverein verlassen?

Na, eigentlich hat das Kätzchen doch gar nichts, worüber es sich Sorgen machen müsste.

Müller stammt aus Weilheim in Oberbayern, er ist seit 2000 bei Bayern, seit 2009 Profi und seit Schweinsteigers Abschied 2015 endgültig das bayerische Aushängeschild des Weltklubs.

Er ist derjenige, dessen Name von den Fans ein bisschen inbrünstiger geschmettert wird als die Namen der übrigen Spieler.

Er weiß, was er am FC Bayern hat, und der FC Bayern weiß, was er an ihm hat. Diesem herrlich aus allen Mustern ausbrechendem Profi, der so gewöhnlich heißt und so ungewöhnlich auftritt - auf und abseits des Rasens.

Javi Martinez: "Gibt keine bessere Adresse"

Letztlich könnte die Entscheidung von simplen rationalen Gesichtspunkten abhängen. "Für einen Fußballer gibt es im Moment keine bessere Adresse als den FC Bayern", findet Javi Martinez.

Die Münchner haben sich weit oben positioniert, internationale Titel sind zum Anspruch geworden, nationale sowieso.

Das Team hat Kontur und Substanz, die bevorstehende Vertragsverlängerung von Jerome Boateng (bis 2021) sendet ein internes wie externes Signal.

Dass Müllers Gattin Lisa im Süden der Stadt ein Gestüt führt, spielt die Trumpfkarte Heimatverwurzelung aus.

Als Müller 2014 von der Konkurrenz umgarnt wird, ist ein Weggang "nie wirklich ein Thema". Heute meint er, dass nichts auszuschließen ist, denn: "Was gestern noch gegolten hat, muss morgen nicht mehr unbedingt gelten."

Oliver Kahn spielt nach 2003 übrigens noch fünf Jahre für den FC Bayern. Dann beendet er seine Karriere.