Pep Guardiola sieht den FC Bayern im Moment noch nicht bereit für den Champions-League-Titel. Kokettiert der Katalane nur, oder hinken die Bayern der Konkurrenz tatsächlich hinterher? Derzeit scheinen die Bayern nicht wie ein Topfavorit. Die Krone Europas wird aber ja auch nicht im Winter vergeben.

Da sitzt der vermutlich beste Trainer der Welt, der ja immer noch für rund fünf Monate einer der besten Mannschaften der Welt vorsteht und sagt dann so etwas: "Wir sind im Moment noch nicht bereit, die Champions League zu gewinnen!"

Pep Guardiola hat sich in seiner Eigenschaft als Fußballlehrer dazu hinreißen lassen, eine Art Zustandsbeschreibung seiner Mannschaft zu verfassen.

Zu dem gelebten "Mia san Mia", dem sich die übrige Bayern-Belegschaft verschrieben hat, stehen Guardiolas Worte im krassen Gegensatz.

Guardiola hat seine Ausführung später dann etwas konkretisiert und einige Hinweise geliefert, was ihn zu dieser für Münchener Verhältnisse recht steilen These bewegt.

"Es fehlen noch Details, wir müssen noch kleine Schritte nach vorne machen."

Vor allem nach Rückständen habe seine Mannschaft in der Vergangenheit zu sehr die Spielkontrolle verloren, sagte er kurz vor dem Ende des Münchner Trainingslagers in Katar.

"Mit diesen Situationen müssen wir besser umgehen. Wir haben da die Konzentration verloren."

Tolle Bilanz - schwere Niederlagen

2,43 Punkte hat Guardiola im Schnitt mit den Bayern geholt, von bisher 135 Spielen unglaubliche 105 gewonnen und nur 19 verloren.

Ein beträchtlicher Teil davon waren Niederlagen in der Bundesliga, als die Bayern mal wieder längst als Meister feststanden.

Es gab aber auch jene markerschütternden Pleiten, vor denen sich Bayerns Coach in diesen Tagen offenbar ein wenig fürchtet.

In der laufenden Saison war es das 1:3 gegen Mönchengladbach mit drei Gegentoren in 14 Minuten, vor fast genau einem Jahr das legendäre 1:4 in Wolfsburg zum Rückrundenauftakt.

Noch schlimmer erwischte es Guardiolas Bayern ein paar Mal in der Champions League. Beim 1:3 in Porto lag seine Mannschaft nach zehn Minuten in einem K.o.-Spiel bereits mit zwei Toren in Rückstand.

Und dann waren da natürlich die verheerenden Niederlagen in den beiden Halbfinals gegen Barcelona (0:3), als die Bayern in der Schlussviertelstunde eingingen und gegen Real Madrid zu Hause (0:4), die höchste Niederlage überhaupt in Guardiolas Ära beim FCB.

Juventus wird gefährlich

Nun ist es nicht so, dass sich einer wie er von ein paar Erfahrungswerten Angst machen ließe. Aber Guardiola weiß auch, dass die Bayern der letzten Vorrunden-Wochen nicht mehr jene waren vom Herbst.

Da spielte der Rekordmeister nahezu am Limit, so gut wie noch nie zuvor unter Guardiola: Umgeben von einer Aura der Unbesiegbarkeit.

In den Partien vor Weihnachten schleppten sich die Bayern förmlich über die Ziellinie, die letzten Eindrücke aus den Pflichtspielen konnten die bisherigen Trainingsleistungen offenbar nicht ganz wegwischen.

Nun kehren die Verletzten nach und nach zurück, der große Teil ist aber noch weit entfernt von jener Form, die es in den K.o.-Spielen der Königsklasse braucht.

Im Achtelfinale geht es Ende Februar gegen Juventus. Eine Mannschaft, die die gegengesetzte Entwicklung genommen hat in dieser Saison: Die Turiner nehmen nach einem total verkorksten Start immer wuchtiger Fahrt auf und sind derzeit wohl durchaus auf Augenhöhe mit den Bayern.

Juventus hat seinen positiven Trend einfach fortgesetzt, die Bayern durften ihren negativen unterbrechen.

Winterpause als Glücksfall?

Die Winterpause könnte sich für die Münchner noch als echter Glücksfall erweisen.

Nach heutigem Stand - und das meint Guardiola wohl auch mit seiner eher pessimistischen Einschätzung - fehlt es den Bayern an Rhythmus und damit auch an den Feinheiten in den Abläufen, die auf Spitzenniveau den Unterschied ausmachen.

Nur die Bundesliga leistet sich von den großen europäischen Ligen den Luxus, den Laden zumindest für einige Wochen dichtzumachen.

"Die Winterpause ist perfekt. Sie ist gut für den Kopf, gut für die Beine. Es ist gut, noch mal trainieren zu können", sagt Guardiola.

Während die Widersacher aus England, Spanien, Italien oder Frankreich mit dem richtigen Maß der Belastungssteuerung ihrer Teams zu kämpfen haben, gehen die Bayern mit vollen Akkus und einigermaßen ausgeruht in die heiße Phase im Frühjahr.

Und spätestens dann sollten auch Eingespieltheit und Rhythmus wieder vorhanden sein. Und wenn alles optimal läuft, auch die meisten Verletzten zurück sein.

"Ich habe der Mannschaft nie gesagt, wir müssen die Champions League gewinnen. Wir werden alles tun, um es zu schaffen", nimmt Guardiola etwas den Druck aus der Sache.

"Titel sind nur Nummern, und Nummern sind langweilig. Fußball ist Emotion. Ich will, dass wir gut spielen. Wenn die Leute zufrieden sind, ist es das beste Geschenk."

Die Spektakel-Bayern sollten im besten Fall aber auch die Triple-Bayern werden.

Und so paradox das auch klingt: Im Moment läuft dafür alles nach Plan - weil die Bayern im Moment noch nicht reif genug erscheinen. Wenn es wirklich darauf ankommt, könnten sie aber ein paar entscheidende Vorteile haben.