Franck Ribéry wird beim Sieg des FC Bayern in Sevilla zur prägenden Figur - hat auf der anderen Seite aber wieder einmal Glück, dass er seiner Mannschaft durch eine Rüpelei nicht großen Schaden zufügt.

Am Ende war es doch noch ein sehr runder Abend für den FC Bayern. Das 2:1 beim FC Sevilla ist eine herausragende Ausgangssituation für die Münchener, die Bayern feierten den 250. Sieg in einem Europapokalspiel und Jupp Heynckes eine neuerlichen Rekord: Heynckes hat als Trainer nun zwölf Spiele in Folge in der Champions League gewonnen.

Am Anfang sah es ganz und gar nicht so aus, als könnten die Bayern Jubiläen oder Rekorde feiern, geschweige denn sich eine gute Ausgangslage zu erarbeiten. Die Partie im Estadio Ramon Sanchez Pizjuan war im Vorfeld als Standortbestimmung eingeordnet worden, als der eigentliche Start in die Saison der Bayern. Die Meisterschaft, die ersten Runden im DFB-Pokal, die Gruppenphase der Königsklasse plus der Achtelfinal-Sparringspartner Besiktas: Alles Vorgeplänkel.

Sevilla ist auf dem Papier neben der Roma das kleinste Los im Viertelfinale gewesen, die Bayern natürlich Favorit. Aber Sevilla ist eine Pokal-Mannschaft, wie geschaffen für K.o.-Spiele und hitzige Duelle.

Wie schnell auch einer erfahrenen Mannschaft wie den Bayern so ein Spiel entgleiten kann, durfte man in der ersten Halbzeit erleben. Nach einem souveränen Start verloren die Bayern komplett den Faden und ließen sich von der Hektik der Gastgeber und vielleicht auch ein bisschen von den Fans beeinflussen.

Matchwinner Franck Ribéry

Die Bayern spielten keinen Bayern-Fußball mehr, waren immer einen Schritt zu spät. Ganz so, als hätten sie nicht mit der Aggressivität der Spanier gerechnet. Vielleicht war der gemächliche Spaziergang bei der Generalprobe gegen Borussia Dortmund doch nicht so vorteilhaft für die Bayern.

Sevilla kontrollierte die Bayern wie keine andere Mannschaft seit der Rückkehr von Heynckes auf die Bayern-Bank. Die Bayern hatten ein durchschnittliches Positionsspiel und demzufolge auch wenig Zugriff im Gegenpressing. "Wir waren im Mittelfeld nicht gut organisiert und haben sehr viele Fehler im Aufbau gemacht", sagte Heynckes, der in der Pause "deutlich Worte" gebraucht habe.

Ob er da auch Franck Ribéry zur Räson rufen musste, ist nicht bekannt. Dass Ribéry so etwas wie Bayerns Matchwinner wurde, dagegen schon. Den Pass des Franzosen lenkte Jesus Navas unglücklich zum schmeichelhaften Ausgleich der Bayern ins eigene Tor.

Es war wie ein Genickschlag für Sevilla, mitten hinein in ihre beste Phase und eine kleine Reminiszenz an die vielzitierten Dusel-Bayern, die die Bayern doch eigentlich kaum noch sein müssen. Und Ribéry war der Wegbereiter zum späteren Siegtreffer von Thiago, wieder per Flanke.

Mal wieder eine Unbeherrschtheit

Überhaupt war Ribéry so etwas wie der Spieler des Abends in Sevilla. Wenn es für die Bayern eine Standortbestimmung werden sollte, dann war es für Ribéry ein Test, ob und wie er noch Bayerns Spiel auf höchstem Niveau beeinflussen kann.

In ein paar Tagen wird Ribéry 35 Jahre alt, er spielt um einen neuen Vertrag vor. Seine Situation ist nicht gerade einfach. Eigentlich sollten die Bayern schon längst einen Trainer für die kommenden Jahre und er damit Klarheit haben, ob er nun bleiben kann oder nicht. Aber die Bayern haben keinen neuen Trainer und Ribéry hängt im Herbst seiner Karriere völlig in der Luft.

Dieses Schicksal teilt er mit Arjen Robben - nur dass Robben immer noch als Gamechanger gilt, als einer, der Spiele allein entscheiden kann. Ribéry wird diese Gabe mittlerweile abgesprochen. Auch deshalb war Sevilla so wichtig für den Routinier.

Ribéry stand in der Startelf, Robben nicht. Heynckes begründete die Entscheidung gegen den Niederländer damit, dass Robben länger verletzt gewesen sei und zuletzt gespielt habe. Ribéry durfte eine überragende Rolle einnehmen. Weil er starten durfte. Und weil er nach wenigen Minuten nicht schon vom Platz flog.

Erst foulte er überhart, wenige Sekundenbruchteile später ging er dann Landsmann Wissam Ben Yedder an die Wäsche. In der mittlerweile schon typischen Ribéry-Art, mit den Händen an den Hals oder das Gesicht. Diesmal packte er den Gegenspieler am Trikot und stieß diesen leicht um.

Riskanter Umgang mit der vielleicht letzten Chance

Es ist leidig darüber zu streiten, ob das nun einer Gelben oder sogar einer Roten Karte gereicht, ob das Foul und die angedeutete Tätlichkeit je zweimal Gelb und damit Gelb-Rot bedeutet hätten. Ribéry hat sich mal wieder von einer hitzigen Atmosphäre anstecken lassen. Wie schon mehr als ein Dutzend mal zuvor wandelte er am Rande eines Platzverweises. Nach 13 Minuten in einem Champions-League-Viertelfinale.

Vor acht Jahren hat es ihn in einem wichtigen Spiel wegen einer vergleichbaren Aktion erwischt, da flog er im Halbfinale der Königsklasse gegen Olympique Lyon vom Platz. Seitdem hatte er teilweise unverschämtes Glück. Es ist diese Janusköpfigkeit, die Ribéry auch im fortgeschrittenen Fußballeralter verfolgt und von der er sich offenbar nicht mehr lösen kann.

Für die Bayern kann er immer noch brillieren, ein Gamechanger sein. Oder aber einer, der eine Partie, eine K.o.-Runde, vielleicht eine Saison kaputtmachen kann durch eine seiner Gratwanderungen. Das seien Emotionen, die gehörten zum Fußball dazu, rechtfertigte er sich nach dem Spiel. "Kein Rot, alles okay." Vielleicht ist es die letzte Chance für Franck Ribéry, im wichtigsten Vereinswettbewerb der Welt nochmal ins Finale einzuziehen, womöglich sogar noch einmal den Henkelpott zu gewinnen.

Im Training müsse ihn Heynckes seit einigen Wochen beinahe einfangen, so sagt es der Trainer. Ribéry selbst habe eine Menge Spaß auf dem Platz, so sagt es der Spieler. Dort steht er nach der schweren Verletzung seines designierten Nachfolgers Kingsley Coman nun wieder öfter. Wenn er sich denn irgendwann nicht wieder selbst im Weg steht.

Am Samstag, beim lächerlich einfachen 6:0 gegen Borussia Dortmund, leistete er sich gegen Julian Weigl eine Rüpelei. Der Trainer wechselte Ribéry darauf aus, redete ihm ins Gewissen. Offenbar mit einigermaßen überschaubarem Erfolg. Einige Dinge ändern sich wohl nicht mehr.