• Die Europameisterschaft sollte sein Turnier werden, aber nach zwei Spieltagen hat Jadon Sancho noch keine Minute gespielt.
  • Englands Trainer Gareth Southgate steht deshalb mächtig in der Kritik - und rechtfertigt sich eher halbseiden.

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Gareth Southgate wandelt durch vermintes Gebiet, so ist das eben als Trainer einer englischen Nationalmannschaft. England ist seit 55 Jahren bei großen Turnieren ohne Titel. Die Fans hängen einem permanent im Nacken, die Medien machen Dauerdruck - Englands Yellow Press oszilliert quasi täglich zwischen Gloria und Totalabsturz. Schlagzeilen bringt schließlich beides.

Southgate muss daher seine Worte mit Bedacht wählen, zumal das EM-Turnier bisher nicht so verläuft, wie es sich der selbsternannte Titelfavorit vorgestellt hat. Faktisch sind die Engländer voll im Soll, mit vier Punkten aus den ersten beiden Partien ist das Achtelfinale zum Greifen nahe. Aber nicht zuletzt die schwache Leistung beim Remis im Duell mit Erzfeind Schottland, das dessen Fans im heiligen Wembley-Stadion wie einen Sieg feiern konnten, lässt ganz England murren.

Die Fans werden langsam unruhig und sind sauer auf ihre Mannschaft - und ihren Trainer. Die Kritik in den Tagen nach der Enttäuschung gegen die Schotten wird immer massiver, der größte Streitpunkt ist dabei Southgates Personalwahl und seine angebliche Sturheit.

EM 2021: Harsche Kritik an Gareth Southgate wegen Sancho

Im Zentrum der Debatten steht Jadon Sancho. Southgate strich den Dortmunder im Auftaktmatch gegen Kroatien aus dem Kader, gegen die Schotten versauerte Sancho 90 Minuten lang auf der Bank.

In der Bundesliga sammelte der 21-Jährige in der abgelaufenen Saison trotz einiger Verletzungen 21 Scorerpunkte, war nach Thomas Müller und Frankfurts Daichi Kamada der beste Vorbereiter der Liga mit 13 Assists. Sancho drehte besonders in der Endphase einer für den BVB schwierigen Saison fulminant auf und ermöglichte seinem Klub mit wichtigen Toren doch noch den Zutritt zur Champions League.

Sancho kam daher mit einem überbordenden Selbstvertrauen und Rückenwind bei der Nationalmannschaft an. Und fristet nun ein Dasein als Ersatzspieler. Warum? "Ich verstehe das wirklich nicht. Im ersten Spiel saß er nicht mal auf der Bank, im zweiten kam er nicht aufs Feld. Du hast so ein großes Talent da rumsitzen", zürnte auch der ehemalige Nationalspieler und heutige TV-Experte Rio Ferdinand nach dem Schottland-Spiel.

Ian Wright: "Haben das alte England gesehen"

"Wir haben das starre und alte England gesehen. Wir haben eine Mannschaft auf dem Platz, die nur darauf wartet, besiegt zu werden." Ian Wright, ebenfalls ein Three-Lions-Veteran, legte nach: "Du hast jemanden wie Jadon Sancho auf der Bank, der hat 16 Tore und 20 Assists in der letzten Saison geschafft - und er wird noch nicht einmal eingewechselt."

Auch Wayne Rooney, mittlerweile selbst Trainer, kann Southgates Entscheidungen nicht nachvollziehen. "Wenn dein Spiel darauf ausgelegt ist, dass deine Außenspieler ins Dribbling gehen, warum spielen dann nicht Jack Grealish und Sancho? Zwei, die darin zu den Besten gehören", schrieb der 35-Jährige in seiner Kolumne in der "Times".

Gareth Southgates eigenwillige Erklärung

In diesem Duktus geht es seit Tagen in allen Medien durch alle Instanzen. Die Palette reicht von objektiver, sachlich geäußerter Kritik bis hin zu Beleidigungen und beißendem Spott für Southgate in einigen Boulevard-Blättern und natürlich den sozialen Medien. Der Trainer steht mächtig unter Beschuss und seine jüngsten Erklärungsversuche verschärften die Debatten nur, statt sie etwas auszubremsen.

Die Frage nach Sanchos Einsatzchancen im abschließenden und entscheidenden Gruppenspiel gegen das Überraschungsteam Tschechien beantwortete Southgate mit einer sehr eigenwilligen Argumentation. "Wir haben einige tolle Optionen in unserem Kader und viele davon sind junge Spieler - die zum ersten Mal an einem großen Turnier teilnehmen. Im Trainerteam schätzen wir ihre Erwartungen an sie realistisch ein."

So etwas will in England aber natürlich niemand hören - und faktisch widerspricht sich Southgate damit auch. Sancho hat 19 Länderspiele auf dem Buckel und 21 Spiele in der Champions League. Das ist für einen Spieler seines Alters schon absolut vorzeigbar.

Und es ist mehr, als Keeper Jordan Pickford, Innenverteidiger Tyrone Mings, die Mittelfeldspieler Declan Rice und Kalvin Philipps sowie Flügelspieler Phil Foden zusammen vorweisen können. Allesamt Startspieler gegen Kroatien und Schottland und mit Ausnahme von Manchester Citys Jungstar Foden allesamt ohne Champions-League-Erfahrung.

Ferdinand wittert innerbetriebliche Probleme

Gegen die Schotten warf Southgate dann immerhin Jack Grealish ins Rennen, den Kapitän von Aston Villa. Von den Fans im Vorfeld ebenfalls vehement gefordert und wie Sancho oder Foden auf der offensiven Außenbahn als Dribbler zu Hause. "Lasst diese Jungs doch einfach von der Kette! Wir haben all diese Spieler … Sancho? Was hat er getan? Irgendwas muss hinter den Kulissen vorgefallen sein", spricht TV-Experte Ferdinand aus, was viele denken.

Southgate entgegnet dem, dass Sancho "sehr gut trainiert" habe in den letzten Tagen. Von Problemen welcher Art auch immer wollte der Trainer nichts wissen. So bleiben die Spekulationen um Sancho und die anderen jungen Spieler; auch Jude Bellingham hätten viele gegen die Schotten gerne gesehen. Und nicht zwei eher defensiv denkende Sechser wie Philipps und Rice.

Im Raum stehen auch Spekulationen, dass Sancho wegen seiner ungewissen Zukunft nicht so ganz bei der Sache sei. Das Interesse von Manchester United ist weiterhin sehr groß, eine Ablösesumme von bis zu 100 Millionen Euro macht die Runde. Die Wahrheit kennt allerdings nur der Spieler selbst - und sein Trainer. Und der muss am Ende nicht nur die Entscheidungen treffen, sondern im Zweifelsfall auch den Kopf dafür hinhalten.

Verwendete Quellen:

  • skysports.com: Jadon Sancho: England manager Gareth Southgate explains why forward is struggling for chances at Euro 2020
  • metro.co.uk: Rio Ferdinand sends message to Gareth Southgate over Jadon Sancho after Scotland draw
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