Die schweren Hooligan-Krawalle in Marseille und Nizza zeigen, dass die französische Polizei offenbar überfordert ist. Und die nächsten Hochrisikospiele stehen an. Die französischen Behörden müssen nun alles dafür tun, die gewaltbereiten Fans im Griff zu halten. Doch gelingt das?

Der Gastgeber greift durch: Russische Schläger müssen das Land verlassen.

Die Bilder aus Marseille sind schwer zu verdauen. Englische und russische Hooligans lieferten sich Massenschlägereien und Straßenschlachten, es flogen Flaschen und Stühle. Allem Anschein nach waren und sind die Hooligans bestens organisiert.

Die Innenstadt von Marseille ist überrannt worden. Auch deutsche Hooligans und Rechtsextreme haben in Lille Jagd auf ukrainische Fans gemacht. Die französischen Sicherheitsbehörden stehen in den kommenden Tagen vor einer Mammut-Aufgabe, die nur mit vereinten Kräften zu stemmen ist.

Alarmstufe Rot auch beim Deutschland-Spiel

Denn nun stehen mit den Partien England gegen Wales, Deutschland gegen Polen (beide am 16. Juni) und Ukraine gegen Polen am 21. Juni die nächsten vermutlich problematischen Begegnungen an.

Alle drei Spiele haben die höchste Sicherheitsstufe 3. Das bedeutet, dass sie als "Hochrisiko-Spiele" eingestuft werden. Vergeben wird die Alarmstufe von der "nationalen Direktion zur Bekämpfung des Hooliganismus", die direkt dem Innenministerium untersteht.

Sorgen bereitet den Sicherheitskräften allerdings schon das morgige Spiel Russland gegen die Slowakei. Das Duell findet in Lille statt, das nur 30 Kilometer von Lens entfernt. Dort treffen die Engländer nur 24 Stunden später auf Wales. Es könnte also zu einem erneuten Aufeinandertreffen der Hooligan-Lager kommen.

Die Furcht vor neuen Ausschreitungen überlagert die Debatten vor dem zweiten EM-Auftritt Russlands. Dabei könnte der Elf mit dem Schalker Roman Neustädter sportlich schon ein großer Schritt gelingen.

UEFA will Sicherheitspersonal aufstocken

In Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden will die UEFA laut offizieller Pressemitteilung nun bei sämtlichen Partien das Sicherheitspersonal aufstocken. Vor allem bei den Hochrisiko-Spielen. Auch in den Stadien sollen zusätzliche Ordner eingesetzt werden, teilte die UEFA mit. Zudem wird es in bestimmten Zonen ein Alkohol-Verbot geben.

Nach Meinung von Gunter A. Pilz, Deutschlands führendem Fan-Forscher und Hooligan-Experten, kommt diese Reaktion allerdings viel zu spät. "Seit Jahren werden die französischen Sicherheitskräfte auf die Risiken von Ausschreitungen bei der EM hingewiesen", wird Pilz in der "Aargauer Zeitung" zitiert.

"Man hat den Franzosen die Zusammenarbeit mit Kennern der internationalen Hooligan- und Fan-Szene angeboten, vor Ort zu sein und die Sicherheitskräfte zu unterstützen. Aber das wurde von den Franzosen immer wieder abgelehnt", so Pilz weiter. Die Franzosen hätten immer wieder betont, sie hätten das selbst im Griff. Diese Ignoranz habe sich nun gerächt. Die Krawalle seien also hausgemacht.

Auch die UEFA habe versagt. Laut Pilz hätten die Ausschreitungen beim Spiel England gegen Russland vor allem im Stadion niemals stattfinden dürfen. Immerhin habe die UEFA diese Begegnung schon lange vorher als Hochrisiko-Spiel eingestuft.

Französische Polizisten beklagen Überforderung

Hooligan-Gewalt: Was das Urteil gegen Russland für die EM bedeutet.

Das Exekutivkomitee der UEFA hat nach den jüngsten Krawallen sowohl England als auch Russland angezählt. Heute Mittag hat die Disziplinarkommission eine Bewährungsstrafe für Russland ausgesprochen. Sollten sich die Fanausschreitungen wiederholen, wird das russische Team sofort aus dem Turnier genommen.

Für Pilz allerdings reine Augenwischerei: "Das ist blanker Populismus. Was können die Nationalteams von England und Russland dafür, wenn die Sicherheitsvorkehrungen nicht genügen? Mit der Drohgebärde, die beiden Mannschaften aus der EM auszuschließen, will man bloß das eigene Versagen vertuschen", so Pilz.

Zeitgleich klagen französische Polizisten nach mittlerweile sieben Monaten Ausnahmezustand über zu hohe Belastung durch Kontrollen, Überwachungen, Patrouillen und Einsätze.

Doch jetzt steht die Polizei unter noch größerem Druck. Denn ein zweites Marseille können sich die französischen Behörden nicht leisten.