Borussia Dortmunds Europa-League-Aus beim FC Liverpool hat mehrere Gründe. Einer davon: Die Mannschaft und Trainer Thomas Tuchel haben sich entscheidende Fehler erlaubt. Den Rest erledigte der Mythos der Anfield Road.

Was war es denn nun: Ein Wunder? Ein Traum? Zauberei? Was es jedenfalls nicht war: Ein handelsübliches Fußballspiel von der Stange. Keines jener glattgebügelten, von der ersten bis zur letzten Minute durchgeplanten und durchgeführten Events.

Das Spiel des FC Liverpool gegen Borussia Dortmund (4:3) war ein Meilenstein in der Geschichte beider Klubs - und der so oft verschmähten Europa League. Wirklich alles an diesem Abend hatte Königsklassencharakter, ein größeres Kompliment kann man der kleinen Schwester der Champions League wohl kaum machen.

Das Motivationsmonster hat in der Halbzeit voll zugeschlagen.

Für Borussia Dortmund bedeutet der 14. April eine Zäsur, so viel kann man jetzt schon behaupten. Der BVB spielt - an der Punktausbeute in der Liga gemessen - die beste Saison seiner Vereinsgeschichte. Und hat doch keine Chance mehr auf den Meistertitel, weil die Bayern einfach noch eine Spur besser sind. Er hatte bis Donnerstagnacht aber immerhin zwei Möglichkeiten, aus dieser bärenstarken Saison auch eine Saison mit Titeln zu machen.

Mit dem Aus in der Europa League aber ist nicht nur die erste, womöglich größte Chance auf einen Titel futsch. Das Aus könnte im schlechtesten Fall zum Wendepunkt der Spielzeit werden. Thomas Tuchel musste sich in den Tagen vor dem Rückspiel an der Anfield Road einiges anhören.

Dortmund entgleitet das Spiel

Dortmunds Trainer hatte es gewagt, im Derby gegen Schalke auf mehr als ein halbes Dutzend Stammspieler zu verzichten und so nicht nur den Derbysieg zu gefährden (und letztlich auch zu verpassen), sondern auch die letzte reelle Chance im Titelrennen in der Bundesliga aus der Hand zu geben. Es wurde dem Diktat der Europa League geopfert - und nun ist man da doch ausgeschieden.

An den Stammtischen wird genau dieses Szenario diskutiert werden, ob zu Recht oder auch nicht. Tuchel, der in seiner ersten Saison bislang nahezu alles richtig gemacht hatte, dessen Mannschaft im Kalenderjahr 2016 noch unbesiegt war, hat einen ersten schweren Niederschlag einstecken müssen.

Seine Mannschaft hat die Partie unter anderem verloren, weil ihr die Spielführung aus der Hand glitt. Als Liverpool nach dem 1:3 wild wurde, geradezu archaisch anrannte, den BVB immer noch weiter zurückdrängte und spätestens mit dem Anschlusstor in den Köpfen der Gegner das Bewusstsein weckte, dass es hier jede Menge zu verlieren gibt, hätte die richtigen Mannschaft Impulse von der Bank benötigt.

Fragwürdiger Wechselzeitpunkt

Stattdessen wechselte Tuchel unmittelbar vor dem Ausgleich bei einer Ecke für den Gegner aus, Matthias Ginter war noch gar nicht richtig auf seiner Position am ersten Pfosten, da zischte der Ball schon an ihm vorbei und von Sakhos Kopf ins Tor. In den Situationen davor hatte jeweils Shinji Kagawa die flachen Zuspiele an den Fünfmeterraum zuverlässig geblockt, aber Kagawa saß nun seit wenigen Sekunden ausgewechselt auf der Bank.

Lovrens Tor gegen den BVB reißt sogar diese Fans aus den Sitzen.

Und vor dem Todesstoß durch Dejan Lovren rückte die Mannschaft bei einem Freistoß des Gegners plötzlich bis 25 Meter vor das eigene Tor. Vermutlich, um Liverpools kopfballstarke Spieler erst gar nicht in jene Zonen gelangen zu lassen, wo es gefährlich werden könnte.

Der Plan entpuppte sich als fataler Fehler, als Einladung, um mit einem simplen Pass in die Tiefe statt einer Flanke ein letztes Mal hinter die gegnerische Abwehr zu kommen und dann Lovren keine drei Meter vor dem Tor gegen einen unsortierten Gegner - die Innenverteidiger Hummels und Sokratis tauchten am ersten Pfosten auf - ins Kopfballduell schicken zu können.

Ein Sieg der Eskalation

Der Wucht und Leidenschaft der Reds hatte der davor klinisch saubere BVB-Fußball schon ab dem 2:3 nichts mehr entgegenzusetzen, Tuchels Pläne funktionierten nicht mehr und seine taktischen Maßnahmen zerschellten förmlich am immer stärker werdenden Gegenpressing des Gegners, der einen strukturierten Spielaufbau des BVB in den letzten 20 Minuten rigoros unterband und so den Druck immer stärker werden ließ.

"Wenn es brenzlig wird, muss man weiter taktführend sein. Wir haben aber einfach gehofft, dass die Zeit für uns spielt. Auf so was darf man sich nicht einlassen", fasste Roman Weidenfeller den einen Kardinalfehler zusammen. Dortmund hat sich beeindrucken lassen, vom Gegner und dessen Fans. "Wir haben Schiss bekommen", sagte Mats Hummels.

Gegen die englischen Mentalitätsmonster ließ sich der BVB schlicht erdrücken. "Es war so, dass die Leute im Stadion dachten: Heute soll es sein", vermutete Jürgen Klopp. Der hat mit dem BVB ähnliche Spiele gebogen, unvergessen ist die Champions-League-Partie gegen Malaga.

Nur gibt es da einen kleinen, aber entscheidenden Unterschied: Während der BVB gegen die Spanier damals förmlich aus dem Nichts noch zu zwei späten Toren kam, deutete sich die Niederlage gegen Liverpool nach dem Spielverlauf immer stärker an.

Wenn Strategien nicht mehr greifen und nur noch der bloße Instinkt dominiert, ist das Fußball auf seine herkömmlichste, einfachste Weise. Ein Sieg der Eskalation. Darauf war Borussia Dortmund offenbar nicht vorbereitet.

Was macht das Aus mit dem Team?

Große Niederlagen formen immer auch große Teams. Manche erholen sich davon nie, andere schöpfen daraus neue Kräfte. Nun muss man abwarten, was das Erlebte mit den Dortmunder Spielern macht. Das Vertrauen, dass mit dieser Mannschaft und mit diesem Trainer auch die ganz großen Titel möglich sind, ist aber erst einmal erschüttert.

Englische Zeitungen jubeln über Liverpool-Comeback gegen BVB.

"Es kommt nun eine Zeit, in der wir uns neu kennenlernen. Es wird interessant sein, wie wir als Gruppe darauf reagieren", weiß Thomas Tuchel ganz genau. Jetzt gehe es darum, diese Niederlage "in Energie und Trotz" umzuwandeln. In der kommenden Woche steht das Pokal-Halbfinale gegen Hertha BSC auf dem Programm, Dortmunds letzte Chance auf einen Titel. Aber irgendwann warten da vermutlich die Bayern.

"Die Europa League war die realistischste Chance auf einen Titel, ich dachte eigentlich, dass wir uns das Ding holen", sagte Mats Hummels. Er ist einer der Spieler, die sich die jüngste Entwicklung im Verein ganz genau anschauen, ebenso wie Ilkay Gündogan, Pierre-Emerick Aubameyang und Henrikh Mkhitaryan. Sie dürften wohl nicht mehr lange in Dortmund bleiben, wenn sie keine Chancen auf Titel sehen.

Für die Umworbenen war die Nacht von Anfield schon schwer genug - im Hinblick auf deren Verbleib in Dortmund wird sie für den BVB womöglich noch von entscheidender Bedeutung sein.