• Uwe Seeler spürt seine 85 Jahre.
  • Verrenkungen wie früher in den Strafräumen der Gegner sind für den einstigen Torjäger nicht mehr drin.
  • Er freut sich, seinen Nachfolgern beim Spielen zuzusehen - wenngleich ihn so manches am modernen Fußball aufregt.
  • Dazu gehört auch die Impf-Einstellung von Joshua Kimmich.

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Eigentlich will Uwe Seeler nach Hause. Der Tag mit den vielen Terminen vor seinem runden Geburtstag hat ihn erschöpft. "Uwe fühlt sich nicht gut", sagte Ilka Seeler dem SID: "Die Lage ist nicht kritisch, aber der Arzt hat ihm eindringlich geraten, sich zu schonen." Gefeiert wird nur zu Hause im engsten Familienkreis, mit den drei Töchtern, den sieben Enkeln und der Urenkelin. "Vielleicht mache ich ein Nachmittagsschläfchen", ergänzte die Fußball-Ikone verschmitzt lächelnd.

Die Ausgangstür des Restaurants "Tunici" in Norderstedt hat er fast erreicht, da ruft jemand aufgeregt: "Uwe? Sie sind doch Uwe Seeler?" Seeler dreht sich um und nickt fast verlegen. "Das habe ich mir schon immer gewünscht: Sie einmal zu treffen. Darf ich ein Foto machen?", fragt der sichtlich begeisterte Gast und hat das Handy schon gezückt. Seeler willigt ein. Ilka, Seelers Frau, wartet geduldig an der Tür. Die beiden kennen das. Seit Jahrzehnten.

Uwe Seeler, Rickmer Rickmers, Steuer, Kapitän, Hamburg, 2008
Uwe Seeler marschierte schon in seiner aktiven Karriere immer voran und war Kapitän und Vorbild beim Hamburger SV.

Sich schonen? Wer Seeler kennt, der weiß, wie schwer ihm das fällt. Zeit seines Lebens hat er sich nie geschont. Erst auf dem Platz. Für Deutschland und den Hamburger SV hat sich der Angreifer immer voll reingehauen, die Ärmel hochgekrempelt, gekämpft, gewühlt. Und das berühmte "Nein" zu Inter Mailand im Jahr 1961 machte Seeler endgültig zu einer Legende, dafür schlossen sie ihn nicht bloß in Hamburg auf ewig in ihre Herzen. Dann nach der Karriere. Seeler blieb ein Star zum Anfassen, immer ansprechbar, immer freundlich und nie um einen kecken Spruch verlegen. Uns Uwe eben. "Das Schönste, was es auf der Welt gibt, ist normal zu sein", sagte Seeler einmal dem SID. "Ich bin stinknormal, und das gefällt mir."

Stadtrivale FC St. Pauli gratuliert voller Respekt zum 85. Geburtstag

Sogar Stadtrivale FC St. Pauli hat "Uns Uwe" anlässlich seines 85. Geburtstags per Tweet voller Respekt gratuliert: "Lieber Uwe, auch vom Millerntor wünschen wir Dir alles Gute zu Deinem 85. Geburtstag. Du bist ein Vorbild in Vereinstreue, Fairness und Bodenständigkeit. Bleib so wie Du bist."

Seelers Hamburger SV lobte sein Idol als "Unikat", "Vorbild" und "Legende".

Seeler ist nun 85 Jahre alt. Die Menschen, die ihn einst als Vollblutstürmer erlebten, haben meist selbst graue Schläfen.

"Alt werden ist nichts für Feiglinge", pflegt Seeler seit ein paar Jahren zu sagen. Die Probleme werden auch beim Hamburger Ehrenbürger nicht weniger.

Seit einiger Zeit muss sich Seeler immer wieder einschränken. 2020 erlitt der Vize-Weltmeister von 1966 bei einem schweren Sturz einen Hüftbruch, er bekam eine künstliche Hüfte eingesetzt. "Derzeit bin ich noch etwas schwach auf den Beinen. Das kenne ich von mir gar nicht", berichtet er. Sein Gehstock ist deshalb immer in Reichweite.

Zuletzt ein schwerer Sturz: Uwe Seeler plagen zunehmend körperliche Probleme

Ihm machen zudem die Folgen eines unverschuldeten Autounfalls von vor elf Jahren zu schaffen, ihn plagen Rückenprobleme, auf dem rechten Ohr hört Seeler nicht mehr, und er klagt über Gleichgewichtsprobleme. 2017 wurde ihm erfolgreich ein Herzschrittmacher eingesetzt, zuletzt stolperte er zu Hause und landete mit dem Gesicht im Kaffeeservice, das Blut strömte. "Ich sah aus wie Quasimodo", sagte er danach der "Hamburger Morgenpost".

Deutschlands erster "Fußballer des Jahres" erholt sich derzeit von dem Sturz in seinem Haus. "Es könnte besser sein. Aber ich bin zufrieden", antwortet er, wenn er auf sein Befinden angesprochen wird.

Uwe Seeler, Schweden, Deutschland, Stockholm, 1965, Qualifikation, WM 1966, Torschuss
Uwe Seeler führt die deutsche Nationalmannschaft nach auskuriertem Riss seiner Achillessehne im entscheidenden Qualifikationsspiel in Stockholm gegen Schweden mit seinem Tor zum 2:1 zum Sieg und zur WM-Endrunde 1966 in England.

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Uwe Seeler kritisiert Joshua Kimmichs Impf-Einstellung

Das Bekenntnis von Nationalspieler Joshua Kimmich, sich derzeit nicht impfen zu lassen, entsetzte Seeler. "Seine Einstellung zur Impfung finde ich sehr seltsam. Er muss doch auch an die anderen denken, die er anstecken kann." Die Corona-Einschränkungen haben auch Familie Seeler, die drei Töchter und sieben Enkelkinder hat, zugesetzt. "Wir haben ja völlig abstinent gelebt, hatten kaum Besuch. Die Zeit war schon sehr lang, in der wir praktisch im Haus-Gefängnis gelebt haben. Jetzt gehen wir schon mal wieder essen mit Freunden."

HSV-Idol Seeler findet Kimmichs Einstellung zur Impfung "sehr seltsam"

Fußball-Idol Uwe Seeler kann nicht nachvollziehen, dass ein Nationalspieler wie Joshua Kimmich sich mitten in der Corona-Pandemie nicht impfen lässt. "Kimmich ist ein toller Spieler und ein kluger Kopf. Aber seine Einstellung zur Impfung finde ich sehr seltsam."

Aber wer ist eigentlich nicht ein Freund Seelers? Die Popularität des einstigen HSV-Torjägers par excellence gründet sich nicht nur auf seinen sportlichen Ruhm mit Hinterkopftoren und Fallrückziehern, vier WM-Teilnahmen und den zweiten Platz Deutschlands bei der WM 1966, sondern auch auf seine menschlichen Qualitäten: bodenständig, bescheiden, ehrlich.

Er kenne das nicht anders aus seinem Elternhaus. "Vaddern hat schon aufgepasst, dass ich normal bleibe. Ich kann gar nicht verrücktspielen", versichert er und schiebt nach: "Es war auch gar nicht die Zeit dafür." Vor Kriegsbeginn geboren, Angst und Entbehrungen als tägliche Begleiter erduldet, danach karge Zeiten erlebt - da war der Straßenfußball mit mühsam geflickten Bällen eine Ablenkung, die zur Sucht wurde.

Uwe Seeler, Heinz Schneiter, Deutschland, WM 1962, Chile, Santiago de Chile, Vorrunde
Uwe Seeler, links, trifft im WM-Vorrundenspiel 1962 gegen die Schweiz zum 2:1-Siegtreffer. Die Grätsche von Heinz Schneiter kommt zu spät.

Horst Hrubesch: "Den Dicken müsste man erfinden"

Seeler war damals geerdet, und er ist es noch heute. "Er ist einer von uns", sagen die Fans. "Er ist ein Freund und super Typ", sagt Ex-Torjäger Horst Hrubesch. "Fantastisch diese Bodenständigkeit und Offenheit. Würde es 'den Dicken' nicht geben, müsste man ihn erfinden."

Mit dem heutigen Profifußball fremdelt er. "Die verdienen zwar alle mehr Geld, aber ich weiß gar nicht, ob die heutige Zeit wirklich die bessere ist", sagt der 72-malige Nationalspieler. Das Preis-Leistung-Verhältnis müsse stimmen, mahnt er und sieht dort eine Schieflage. Explodierende Ablösesummen und Gehälter erschrecken ihn: "Ich fürchte deshalb, das kann so nicht lange gut gehen."

Ein Dorn im Auge sind ihm auch Anstoßzeiten aus Kommerzgründen zu vorgerückter Stunde. "Das geht gar nicht", grollt er. Beim Pokalsieg des HSV in Nürnberg mit dem Elfmeterschießen eine halbe Stunde vor Mitternacht hat er nur bis zum 1:1 am Fernsehschirm ausgeharrt. Seine Frau hat ihm das Ergebnis später verraten. "Die sind doch bekloppt, was sie mit uns machen", schimpft Ilka Seeler über TV-Übertragungen zur Schlafenszeit.

62 Jahre verheiratet mit seiner Ilka

Mit seiner Frau ist Seeler 62 Jahre verheiratet. "Mäuschen", sagt sie noch heute liebevoll zu ihm. "Wir haben nicht so viel verkehrt gemacht", meint er. Ausschließlich Sonnenschein gab es aber nicht. "Es hat auch mal richtig gekracht", sagt Ilka und gesteht, dass sie damals sogar Reißaus nehmen wollte. "Erinnerst du dich nicht an den Streit?", fragt sie ihren Mann. Uwe Seeler guckt angestrengt. Dann sagt er grinsend: "Da hattest du aber Schuld, ne?" (dpa/AFP/hau)

Uwe Seeler, Berlin, Länderspiel, Kapitän, 1969/70, Deutschland, Irland, Testspiel
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Uwe Seelers Sprüche sitzen wie einst seine Schüsse und Kopfbälle

Auf der Suche nach Legenden des deutschen Sports stößt jeder Fan auf Uwe Seeler. Der ewige Mittelstürmer und Torjäger des Hamburger SV lehnte 1961 ein Millionen-Angebot Inter Mailands ab, weil ihm der Fußball wichtiger war als das Geld. Werte sind ihm wichtig. Seine Eltern vermittelten sie ihm. Das betont er - und noch mehr.