Dominanz, Leichtigkeit, Spielfreude: Die deutsche Nationalmannschaft läutet das EM-Jahr mit einer fulminanten Leistung gegen Frankreich ein. Julian Nagelsmanns Risiko wird gleich mehrfach belohnt und weckt tatsächlich die Vorfreude auf das große Turnier im Sommer.

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Es ist schon eine ganze Weile her, dass der Gegner eine deutsche Nationalmannschaft derart überschwänglich gelobt hat. "Die Realität ist einfach die, dass wir mit den Deutschen nicht mitspielen konnten. Wir haben unsere Kraft nicht auf den Platz gebracht, hatten nicht die Mittel. Das kann man sich gegen eine so tolle Mannschaft nicht erlauben. Ein Bravo für die deutsche Mannschaft, sie hatte den Sieg verdammt verdient!"

Das sagte Didier Deschamps nach der "Lektion" für die Gastgeber, wie Frankreichs Sportbibel "L’Equipe" am Sonntag auf ihrer Titelseite schrieb. Eigentlich waren die Elogen für Deschamps selbst geplant in dessen 150. Spiel als Nationaltrainer und gegen einen vermeintlich verunsicherten Gast.

Aber die deutsche Nationalmannschaft - so ungewohnt das nach den letzten Jahren auch klingen mag - war tatsächlich eine Nummer zu groß für den Vize-Weltmeister und nutzte den Vergleich mit den Franzosen wie schon vor ein paar Monaten in Dortmund als klaren Stimmungsaufheller auf dem Weg zur Heim-EM im kommenden Sommer.

Beim Testspiel im September mit dem Interimscoach Rudi Völler siegte Deutschland 2:1 und streifte sich ein wenig den Mief der letzten Jahre damit zumindest vorübergehend ab. Nun wurde das "Rückspiel" in Lyon zu einem echten Ausrufezeichen der Mannschaft - und ihres Trainers.

Nagelsmanns Risiko macht sich bezahlt

Julian Nagelsmann ist ein verdammt hohes Risiko eingegangen mit seinen Maßnahmen vor der Partie. Die Kadernominierung mit sehr vielen Neulingen und unerfahrenen Spielern, die sich in einer Gruppe erst finden mussten und so selbstredend noch nie zusammen gespielt hatten war da nur einer der letzten Schritte.

Davor hatte Nagelsmann nach den beiden desaströsen Länderspielen im November gegen die Türkei und in Österreich die Weichen für ein paar grundlegende Veränderungen gestellt, die sich nun zumindest in diesem einen Spiel gegen die Franzosen als richtig erwiesen. "Es wurde einiges geändert. Da war schon die Frage, ob es so schnell Früchte tragen kann", sagte dann auch Toni Kroos nach dem Spiel.

Dessen Rückholaktion bereitete Nagelsmann in der Weihnachtszeit vor. Der Gedanke, Joshua Kimmich dafür aus dem Mittelfeldzentrum auf die rechte Außenbahn zu stellen, entsprang ebenfalls in der Zeit. Nagelsmann bereitete seine Überlegungen nicht nur intern sorgfältig vor, sondern brachte die Neuigkeiten auch mit dem einen oder anderen öffentlichen Auftritt schonend unters Volk.

Und hat damit offenbar die Akzeptanz bei den Fans für Kroos wieder geweckt und gleichzeitig Kimmich auf dessen eher ungeliebten Position als eminent wichtigen Baustein deklariert. Jedenfalls scheint sich der Münchener nicht nur mit dem Gedanken abgefunden, sondern seine Position auch voll angenommen zu haben. Ganz im Sinne und zum Wohl der Mannschaft.

"Toni Kroos war unfassbar!"

Fast 1.000 Tage nach seinem letzten Länderspiel schwangen sich Kroos und - etwas weniger spektakulär, aber ebenso überzeugend - auch Kimmich zu zwei zentralen Größen der Mannschaft auf. "Toni Kroos war unfassbar! Er war Taktgeber, hat unglaublich viel gearbeitet", lobte Nagelsmann den Rückkehrer im "ZDF" und ließ erneut durchblicken, was den 34-Jährigen so wertvoll macht. "Er gibt den anderen Spielern so viel Sicherheit!"

Kroos sammelte unglaubliche 143 Ballaktionen, seine Passquote lag bei 95 Prozent. Und auch in seiner vermeintlichen Problemrolle als Abfangjäger und Ballklauer zeigte sich Kroos gegen die geballte Weltklasse beim Gegner in überragender Form: 75 Prozent gewonnene Zweikämpfe gegen das französische Mittelfeld sind enorm.

"Er hat gezeigt, was er bei Real seit Jahren macht - dass er ein Verbindungsspieler zwischen Offensive und Defensive ist, dass wir ihn auch in der Defensive brauchen. Natürlich soll er auch Ansprechpartner für die anderen sein, auch wenn er kein Lautsprecher ist. Er soll ein Spieler sein, der den anderen Vertrauen gibt, weil er anspielbar ist. Rudi Völler hat gesagt, dass er seit seinem 18. Lebensjahr Eiswürfel pinkelt. So ähnlich ist es wahrscheinlich. Du kannst ihn immer anspielen, er hat eine enorme Ruhe. Bei Toni ist der Ball immer gut aufgehoben."

Viele Spieler in ihren besten Positionen

Sichtbar wurde das nach nicht mal einer Sekunde. Der einstudierte Standard vom Anstoßkreis weg überrumpelte die Franzosen komplett und sollte als Blaupause dienen für fast alles, was danach noch kam.

In den ersten rund 20 Minuten dominierte die deutsche Mannschaft den Gegner fast nach Belieben und zeigte schon sehr viel von dem, was sich der Bundestrainer auch in Zukunft vorstellt: Viel Ballkontrolle, eine enorme Passsicherheit, das Auslösen der Angriffe inklusive einer Tempoverschärfung im richtigen Moment und ganz vorne maximale Kreativität der drei "Zauberer", wie Nagelsmann die Dreierreihe mit Florian Wirtz, Ilkay Gündogan und Jamal Musiala vor dem Spiel nannte.

Auch auf Grund der kurzen Vorbereitungszeit mit nur wenigen Trainingstagen hatte sich Nagelsmann für ein solides 4-2-3-1 entschieden, das in der Regel am wenigsten Eingewöhnungszeit benötigt und bei dem er sehr viele Spieler in den für sie besten Rollen aufbieten kann. Wirtz und Musiala als Halb-Zehner, Kai Havertz wie beim FC Arsenal als schwimmende Neun. Dahinter Kroos mit seinem Adjutanten Robert Andrich, Kimmich auf der rechten und Debütant Maxi Mittelstädt auf der linken Abwehrseite.

Kimmich und Mittelstädt hatten in der schwächsten Phase der deutschen Mannschaft nach rund einer halben Stunde ein paar Probleme mit ihren direkten Gegenspielern Kylian Mbappe und Ousmane Dembele - aber wer kann zwei der besten Dribbler der Welt schon 90 Minuten lang komplett ausschalten?

Endlich wieder Spaß und Freude

Die zweite Halbzeit jedenfalls mit dem nächsten frühen und perfekt vorgetragenen Treffer durch Havertz wurde zu einer kleinen Machtdemonstration der deutschen Mannschaft. "Das war mit das Beste, was wir in den letzten Jahren gespielt haben", sagte DFB-Sportchef Rudi Völler.

Mit viel Ballkontrolle und einem teilweise herausragend guten Gegenpressing diktierte Deutschland das Spiel und verströmte jene "Lust am Kicken", die Nagelsmann zuvor gefordert hatte. Denn genau darum ging es ja auch in diesem Spiel: Den deutschen Fans wieder Spaß zu bereiten und die Vorfreude auf die Europameisterschaft im eigenen Land nach den dunklen Monaten zuvor und den Debatten der letzten Tage unter anderem um ein Ausweichtrikot und den geplanten Wechsel des Ausrüsters zu schüren.

Das ist beim 2:0-Erfolg in Frankreich fast in Perfektion gelungen. "Wir haben einen guten und wichtigen Schritt nach vorne gemacht. Es war uns allen klar, dass die Länderspiele dafür die letzte Chance vor der EM sind. Das hat gut funktioniert heute", so Kroos.

Aber: Bei aller Euphorie muss es nun darum gehen, diese Leistung, die Hingabe und Spielfreude auch zu stabilisieren und bis zur EM zu konservieren. Das Frankreich-Spiel kann nur der erste Schritt gewesen sein und ist noch mit Vorsicht zu genießen. Schon am Dienstag gegen die Niederlande wird die Aufbruchstimmung auf eine große Probe gestellt.

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