Unter Jupp Heynckes scheint Thomas Müller beim FC Bayern sofort wieder aufzublühen. Der neue, alte Trainer packt den Ersatzkapitän geschickt an, fordert nach den ersten guten Ansätzen aber noch mehr.

Natürlich ist das purer Zufall, aber es passt halt so gut ins angeblich neue Bild von Thomas Müller: Wie die Datenspezialisten von "Opta" herausgefunden haben, ist Müller seit Mittwochabend der erste deutsche Spieler überhaupt, der in zehn aufeinanderfolgenden Champions-League-Spielzeiten immer mindestens ein Tor erzielt hat.

Darüber hinaus ist Müller mit 40 Treffern in 92 Partien auch weiterhin der beste deutsche Torschütze in der Champions League vor Mario Gomez (44 Spiele/26 Tore), Michael Ballack (93/16) und Marco Reus (30/16). Diese beeindruckenden Zahlen waren zwar schon seit Wochen absehbar oder hatten Bestand, nur wollte das damals niemand hervorkramen.

Thomas Müller scheint wie der größte von vielen Gewinnern beim FC Bayern, seit Jupp Heynckes das Traineramt von Carlo Ancelotti übernommen hat. Es ist erst ein paar Tage her, da galt Müller fast schon als ein Auslaufmodell im Luxuskader der Bayern. Selten gefragt, in den wichtigen Spielen der jüngeren Vergangenheit nur eine Randfigur, in Ancelottis 4-3-3-System ohne klare Rolle.

Vor zwei Jahren bot Manchester United 100 Millionen Euro für einen der besten Angreifer der Welt, die Bayern lehnten dankend ab. In der letzten Saison stand Müller dann nur noch bei zwei Dritteln aller Bayern-Spiele in der Startelf, so selten wie nie zuvor in zehn Jahren im Trikot des Rekordmeisters. Nicht nur der Marktwert, sondern auch seine Statistiken rauschten rapide ab.

Keine Basis mehr mit Ancelotti

Von einer "schleichenden Entmachtung" schrieb die "Welt" im August. Und tatsächlich fehlten Müller nach einer für seine Verhältnisse eher schwachen Saison die sportlichen Argumente, um vehemente Ansprüche stellen zu können.

Manch einer sah im Nationalspieler schon nicht mehr eine sportliche Gallionsfigur, sondern einen der letzten Mia-san-Mia-Bayern, der der Münchener Multikulti-Truppe ohne Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm wenigstens noch ein wenig Lokalkolorit verpasste. Das war Müllers Rolle bis zuletzt.

Dass es mit Ancelotti auf Dauer nicht mehr gutgehen konnte, war spätestens nach Müllers Einlassungen nach dem Spiel bei Werder Bremen im August zu vermuten. "Ich weiß nicht genau, welche Qualitäten der Trainer sehen will. Meine sind scheinbar nicht hundertprozentig gefragt", raunzte Müller damals, als Ancelotti ihn auf die Bank und den zuvor lange verletzten Thiago stattdessen in die Startelf berufen hatte. Es folgten ein Rüffel von Boss Karl-Heinz Rummenigge und eine neue Eiszeit mit Ancelotti.

Jetzt ist der Italiener Geschichte und Heynckes wieder da. Natürlich hätte Müller auch mit dem Italiener an der Seitenlinie den Abpraller gegen Celtic unter die Latte gedroschen und vermutlich hätten die Bayern sowohl den SC Freiburg als auch Celtic Glasgow mit Ancelotti als Trainer geschlagen. Es geht aber vor allen Dingen um das "Wie". Und da hat Heynckes schon wieder ganz andere Ansätze gewählt als der zuletzt bockige Ancelotti.

Der Trainer setzt auf Altbewährtes

Heynckes lässt das Gros der Triple-Bayern ran, er verzichtete stattdessen fast komplett auf die Zugänge des Sommers, die entweder Ancelottis Transfers waren oder bisher fast jede Partie absolviert hatten. So saßen gegen Celtic James Rodríguez, Niklas Süle und Corentin Tolisso auf der Bank. Dagegen starteten Jerome Boateng in der Viererkette, Müller im zentralen offensiven Mittelfeld und Arjen Robben auf dem rechten Flügel.

Es sei "ein kleiner Ruck durch die Mannschaft gegangen", sagte Müller nach der Partie gegen den schottischen Rekordmeister. "Noch ist nicht alles Gold, was glänzt. Wir müssen weiter an der Feinabstimmung arbeiten."

Über sich selbst wollte der Ersatzkapitän nicht zu viele Worte verlieren, deutete aber durchaus an, was ihm in den letzten Monaten am meisten gefehlt hatte. Nicht seine Tore - sondern die Spielweise der Mannschaft, die sein Spiel aus- und für den Gegner gefährlich macht. "Es ist immer schön zu treffen. Und ich hoffe, bald auch wieder die freien Räume zu finden."

"Mit Handauflegen" sei es nicht getan, hatte Heynckes auf seiner ersten Pressekonferenz nach seiner Rückkehr noch erzählt. Das trifft natürlich und ganz speziell auch für Thomas Müller immer noch zu. Aber erste Tendenzen, dass der verhinderte Star wieder ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft wird, sind schon zu erkennen.

Heynckes erkennt ein Stück alten Müller

"Thomas hat sehr viel gearbeitet, war viel unterwegs, hat nach hinten Löcher gestopft - da habe ich wieder ein Stück weit den Thomas Müller gesehen, wie ich ihn hier kenne", lobte Heynckes. Es sei allerdings "auch notwendig, dass die etablierten Spieler vorangehen. Und er ist der Kapitän, das ist sehr erfreulich."

Vielleicht ist Müller, der bei seinen öffentlichen Äußerungen meist so locker und beiläufig daherkommt, in Wahrheit doch auch ein ganz sensibler Spieler - der sich im Gegensatz zu manch anderem Dauernörgler nur nicht alle paar Wochen Gehör verschaffen wollte. Der aber ebenso Unterstützung benötigt wie jeder andere auch. Deshalb waren Heynckes‘ Worte vor einigen Tagen auch klar in diese Richtung formuliert.

"Thomas ist ein ganz, ganz großer Spieler. Thomas kann sich vom Intellekt her und von dem, was er bisher geleistet hat, als Führungsspieler hervortun", sagte Heynckes da und schon diese wenigen Streicheleinheiten waren offenbar genug, um zumindest die ersten Blockaden zu lösen.

"Er bringt die Energie und Leidenschaft, die er auch schon vor vier Jahren hatte, mit. Er wirkt auf mich frisch, gut und motiviert." Das war ein Satz des Abends. Er hätte von Jupp Heynckes sein können, in der Eloge über Thomas Müllers Leistung. Tatsächlich hat ihn Müller selbst formuliert - über seinen neuen, alten Trainer.