Prinzipiell müsste dieser Wochenrückblick sich erneut mit Deutschlands bestfrisiertem Hobby-Philosophen beschäftigen. Der diplomierte Deeskalations-Sachverständige Richard David Precht hat sich offensichtlich unlängst bei seinem False-Balance-Steigbügelhalter Markus Lanz beschwert, dass neben ihm stets noch andere angeblich relevante Personen in die von Markus Lanz moderierte Talkshow namens "Markus Lanz" eingeladen werden, die Markus Lanz produziert. Oftmals sogar vermeintlich kompetente Menschen, die einen anderen Standpunkt als den von Richard David Precht vertreten. Insgesamt natürlich eine Zumutung für den Guru der Offenen Briefe.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Um die harmonischste Entertainment-Männerfreundschaft seit Dieter Bohlen und Thomas Anders nicht zu gefährden, zog Kompetenz-Koryphäe Markus Lanz (bekannt aus den ZDF-Blockbustern "Darüber wird zu reden sein", "Höchst interessant" und "Ich saß neulich zusammen mit …") geistesgegenwärtig die Diskurs-Notbremse und lud den Großmeister der Boulevardphilosophie zu einem beinahe 80-minütigen Soloprogramm ein.

Richard David Precht, sommerlich leger in weißen Sneakern ohne Socken – analog zu seinen weisen Sprüchen ohne Sinn. Das schwarze Hemd so dünn wie seine Argumente gegen Waffenlieferungen an die Ukraine. Modisch immerhin absolut auf der Höhe, also jedenfalls wenn man sich seine Fashion-Inspirationen in der Kantine der FDP-Parteizentrale holt und nicht auf den Pariser Prêt-à-Porter Shows.

Und womit? Mit Precht!

Jedes Mal, wenn Precht einen Satz mit "Ich glaube" beginnt, zündet sich irgendwo auf der Welt in einer Universitätsbibliothek eine Erstausgabe von Immanuel Kants "Kritik der praktischen Vernunft" selbst an. Seine von lästigen Gegenrednern befreite Exklusivzeit bei Lanz nutzte das Waffenstillstands-Genie für sein etwa 328. Plädoyer gegen weitere Waffenlieferungen an die Ukraine. An diesem Abend mit etwa dieser Quintessenz: Bei Kriegen im Jemen und anderen Ländern haben wir schwere Fehler gemacht, weil wir da nicht oder zu spät eingeschritten sind. Deswegen sind wir jetzt empirisch sozusagen verpflichtet, beim Krieg in der Ukraine dieselben Fehler wieder zu machen, anstatt uns dieses Mal richtig zu verhalten, nur weil der Krieg vor unserer Haustür stattfindet, anstatt zum Beispiel in Syrien.

Mit weiteren Details zur Konsistenz der Argumentationslinien des Lieblings-Philosophen aller ZDF-Zuschauer, die auch Sahra Wagenknecht für eine Virologin halten, erspare ich Ihnen an dieser Stelle und switche ansatzlos wie ein No-Look-Pass von Ronaldinho zu einem viel erquicklicheren Thema: König Fußball. Die schönste Nebensache der Welt. Ein Sport, der schon viele Philosophen zu Höchstleistungen inspiriert hat. Beispielsweise Albert Camus. Der Richard David Precht der Literatur-Nobelpreisträger sagte einst: "Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball."

Fun-Fact: Alles, was Richard David Precht über Moral und Verpflichtungen weiß, verdankt der Richard David Precht. Warum bin ich so schlau, und wenn ja, wie viele? Aber anderes Thema. Hatte ich ja bereits abgeschlossen. So tief in die Keller des Vergessens verdrängt, wie die FDP das Grundsatzprinzip der Freiheit. Egal. Wo wir gerade bei Fußballphilosophie sind: Der geneigte Phrasendrescher weiß natürlich: De Ligt am Ende des Tunnels ist oft nur ein auf die Viererkette zurollender Tiki-Taka-Schnellzug namens Marco Reus. Interessant wäre der Wechsel allerdings allein für die legendären Bonmot-Sternstunden des Kommentatoren-Altmeisters Béla Réthy, der vermutlich etwa 47 verschiedene Varianten kennt, wie man Matthijs de Ligt aussprechen kann. Da sind dann "Matthias Dilight" oder "Mättis Dschehlicht" nur die Spitze vom Béla-Bingo-Eisberg.

Wolfgang Kubicki feat. DJ Robin: "Layla"

Stichwort Phrasendrescher: Wolfgang Kubicki. Nein, kleiner Spaß. Keine Angst. Ich berichte heute nicht über die neusten Eskapaden von Wolle Kubicki, dem rüstigen Freiheitskämpfer für langes Duschen und Kneipenbesuche während harten Lockdowns. Nur so viel: Der Song "Layla" ist nicht von ihm geschrieben worden. Obwohl ja viele neutrale Beobachter seines Abstiegs vom Bundestagsvizepräsidenten zum Maskottchen bei Bild TV behaupten, er kenne sich in jenem Milieu sehr gut aus, in dem dieses Paradebeispiel für zeitgenössisches Kulturgut aus dem Land der Dichter und Denker seine fiktionale Geschichte über eine Dame namens Layla und ihre Soft-Skills spielen lässt: "Schöner, jünger, geiler". Ich kann an dieser Stelle exklusiv verkünden: Diese Info ist falsch. Kubicki hat mit der Entstehung dieses Chartbreakers für Vollzeitfeministen und Freiheits-Kolumnisten wirklich nichts zu tun.

Im Gegenteil. Böse Stimmen behaupten bereits, dass DJ Robin & Schürze, die Simon & Garfunkel des Bierkönigs – ganz im Geiste von "Jeannie 2" – bereits eine Fortsetzung ihres Gassenhauers für Junggesellenabschiede kurz vor der Verlobungsauflösung planen:

Neulich im Bundestag stand da ein Mann.

Er schaute mich sehr blankgeschruppt an.

"Hey, komm mal her", sagte er zu mir.

"Das ist meine Dusche, mein Revier".

"Mein Mädchen, ich habe ein Geheimnis für dich."

Was er von mir wollte, wusste ich nicht.

Ich sah nur die Röte in seinem Gesicht.

"Was ich dir sage, glaubst du mir nicht."

Ich hab ne Kneipe.

Und den Lauterbach nennt man dort Spacken.

Er ist geimpft, geboostert, voller Macken.

Lau-lau-lau-lau-lau-lau-lau-Lauterbach.

Lau-lau-lau-lau.

Der Lockdown-Fetischist Karlayla.

Niemand ist auf Impfpflicht geiler.

Mia san Mia egal

Ein kurzer, aber dafür eindeutiger Beweis für die evidenzbasierte Annahme, dass ich als Songwriterin keine nennenswerte Karriere vor mir habe. Was Sommerhit-Potenzial angeht, bin ich etwa so begabt, wie Kalle Rummenigge beim Verzollen von Rolex-Uhren. Womit wir noch mal beim FC Bayern wären. Nach einer veritablen Staffel "Mia san Mia egal" mit Robert Lewandowski in der Hauptrolle haben sich die Serien-Produzenten Hassan S. und Olli K. kurzfristig vor der offiziellen Präsentation des Kaders für die Saison 2022/2023 entschlossen, den Dauer-Torschützenkönig der vergangenen acht Jahre zum FC Barcelona trotzen zu lassen.

Zuletzt hatte Robert Lewandowski ungefähr so viel Motivation gezeigt, in München zu bleiben, wie Clemens Tönnies an übertariflicher Vergütung seiner Mitarbeiter. Nachdem sie mit Niklas Süle bereits einen weiteren sehr robusten Spieler abgegeben hatten, haben die Bayern dieses Jahr schon mehr Schränke verkauft als Ikea.

Die von fußballromantisch verweichlichten Sportreportern gelegentlich als Fans titulierten Kunden des FC Bayern reagierten auf den Lewandowski-Transfer ähnlich souverän wie schon auf die Abgänge von Toni Kroos oder Süle. Bei Kroos hieß es stets, er sei das größte Mittelfeld-Talent Europas. Allerdings nur, bis er seinen Vertrag nicht verlängern wollte und anschließend zu Real Madrid wechselte. Über Nacht wurde er zum kreativlosesten Rückpass-König der Vereinsgeschichte. Als Niklas Süle ging, wurde aus dem mit Abstand besten Innenverteidiger der Liga der zum ausschweifenden Big Mac Konsum neigende Totalversager mit Motivationsproblem.

Und jetzt Lewandowski. Anstatt sich zu freuen, dass man ihn ablösefrei verpflichten und acht Jahre später mit fast 34 Jahren für knapp 50 Millionen Euro weiterverkaufen konnte, wurde aus dem 238-Tore-Helden konsequent der charakterlose Söldner-Roboter, den ohnehin nie jemand wirklich gemocht hat. Undank ist der Welten Lohn sagt der Volksmund. Mit einem Schmerzensgeld von 24 Millionen Euro Jahresgehalt allerdings vermutlich ein Undank, der Robert Lewandowski in Barcelona keine schlaflosen Nächte bescheren wird. Und selbst die angeblichen Fans des FC Bayern, die Lewandowski und seiner Familie im Zuge des Transferpokers und seiner recht unmissverständlichen Abneigung gegen ein weiteres Jahr beim Stern des Südens mit Morddrohungen zur Einsicht bewegen wollten, werden sich eines Tages wieder anderen Themen widmen. Spätestens dann, wenn Serge Gnabry durch einen spektakulären Transfer von Cristiano Ronaldo von seinen Aufgaben als Lewandowski-Ersatz entbunden wird. Vielleicht schon nächste Woche? Ich werde berichten!