Es war die Woche der Listen im besten Deutschland aller Zeiten. Dem Land, in dem sich selbsternannte FDP-Strategen wie Diplom-Listenersteller Mic de Vries jederzeit eines in extremistischen Querdenker-Kreisen entstandenen Hashtags #IchHabeMitgemacht bedienen und Zitate-Sammlungen kuratieren können. Pranger-Dossiers, die zumeist Politiker, Wissenschaftler oder Prominente persönlich in ein Licht rücken sollen, als müssten diese sich für ihre Äußerungen zur Corona-Politik und -Maßnahmen entschuldigen.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Der Wegfall der meisten Corona-Maßnahmen hat nämlich in einer Art kognitivem Systemausfall bei der Pandemieleugner-Bewegung nicht etwa dazu geführt, dass man sich langsam beruhigt. Nein, viel zu viel Freude hat es bereitet, anonym im Orkan des pseudointellektuellen Hetz-Mobs mitzuschwimmen und unter dem Deckmantel der vermeintlichen Unauffindbarkeit auf Menschen loszugehen, die sich am jeweils aktuellen wissenschaftlichen Konsens orientiert haben – und nicht an Hobbyexperten, die ihre wissenschaftsfernen Schwurbelthesen via YouTube oder Telegram an das statistisch betrachtet eher etwas unterdurchschnittlich an Wahrheit und Fakten interessierte Querdenker-Publikum gerichtet haben.

Genau an diese Gattung Diskursteilnehmer wendet sich also besagter Mic de Vries mit seiner Liste, die als Kleinod der Unmenschlichkeit in die Geschichtsbücher eingehen wird. Und hoffentlich nicht zusätzlich auch noch als Fahrplan.

Mic el Angelo

Nun, "mic" ist im amerikanischen ja bekanntlich die Abkürzung für "microphone". Womit sich der Kreis schließt. Wie den meisten rechtsauslegenden Emporkömmlingen, die sich für ihre warholschen 15 Minuten Ruhm aufgrund fehlender Qualifikation für Seriöses nur zu gerne von den mit intellektuell recht einfachen Mitteln zu begeisternden Querdenkern hochjubeln lassen, geht es auch de Vries nicht um sauber recherchierte Aufklärung, sondern um Fame. Man muss der neuen Telegram-Ikone jedoch zugestehen, dass wenigstens nicht wortreich versucht wird, die eigentliche Mission zu verschleiern. Im Gegenteil. Auf Twitter biedert de Vries sich unverhohlen ausgerechnet bei Servus TV an.

Einer TV-Station, die auf den ersten Blick niedlich nach Grüß-Gott-Rentner-Sender klingt. Fast sieht man sie durchs Bild laufen, die gemütlichen Pensionäre, die in ihren abgewetzten Holzfällerhemden und beigen Sommerwesten mit mindestens 53 Taschen Deutschlands Nord- und Ostseeküsten bevölkern. Tatsächlich gehört der Sender jedoch zur Red Bull-Familie und gilt als inoffizielles Sprachrohr der Querdenker-Bewegung. Okay, so inoffiziell inzwischen auch nicht mehr – aber immerhin sieht man sich selbst als "kritisch und unabhängig". Gut, da könnte man entgegnen, dass sich die AfD auch für eine nicht rassistische Partei hält, aber anderes Thema. Ich rechne es Herrn de Vries hoch an, dass er seine eigene politische und gesellschaftliche Verortung seriös bewertet und gar nicht erst von Auftritten bei "Maybrit Illner" oder den "Tagesthemen" träumt.

Ich nehme an, seine Initiativbewerbung könnte bei Servus TV auf offene Ohren stoßen. Immerhin ein Sender, bei dem verschwörungstheoretische Ansätze regelmäßig ein großes Forum finden. Und das nicht nur durch gezielt dafür eingeladene Gäste, sondern durchaus auch direkt beim Intendanten Ferdinand Wegscheider, der in seiner eigenen Kommentar-Rubrik gerne mal verlauten lässt, das Anti-Parasitenmittel Ivermectin fände erfolgreich Anwendung bei der Behandlung von COVID-19, oder Corona-Impfstoffe würden die Gene verändern. Beide Behauptungen, da muss man nicht Christian Drosten sein, sind wissenschaftlich selbst mit großem Hang zu fehlinterpretierten Studien nicht zu belegen.

Sag zum intellektuellen Abschied leise Servus TV

Was man Servus TV nicht vorhalten kann, ist, dass man nicht versucht, unterschiedliche Meinungen aufeinander prallen zu lassen. So war selbst ich zuletzt bei Servus TV eingeladen, um ausgerechnet mit Ulrike Guérot zum Thema "Ende der Debatte: Moralkeule statt Meinungsfreiheit?" zu sprechen. Selbstredend habe ich die Anfrage ignoriert. Aber ich bin ja auch nicht Mic de Vries. Da fällt mir ein: Die FDP ist, anders als es sich Herr de Vries womöglich vorgestellt hatte, ebenfalls nicht Mic de Vries. Nach seinem brandgefährlichen Listen-Angriff auf Querdenker-Feindbilder hat sich im Prinzip die gesamte FDP-Führungsriege von ihm distanziert. Die unmissverständlichsten Worte fand mal wieder Marie-Agnes Strack-Zimmermann: "Der Herr hat weder Amt, noch Funktion, noch spricht er für uns. Weder Partei noch Fraktion unterstützen so etwas. Es widerspricht unserem Leitbild".

De Vries hatte sich vor einigen Monaten schonmal um höhere Ämter auf dem Schwurbler-Olymp beworben, als er sich öffentlich darüber echauffierte, seine Tochter dürfe nicht mit auf Klassenfahrt, bloß weil sie positiv auf Corona getestet wurde. Für den angeblichen Liberalen ein Unding, dass man seine Tochter nicht Mitschüler, Lehrer und viele weitere Personen anstecken lässt. Um seiner Empörung entsprechenden Nachdruck zu verleihen und seine grenzenlose Skrupellosigkeit zu demonstrieren, diskutierte er anschließend noch einige Tage intensiv auf dem Kurznachrichtendienst Twitter mit einschlägigen Faktenallergikern darüber, dass er die Infektion seiner Tochter leider nicht einfach verheimlichen oder mit einem gefälschten Test hatte abbügeln können, denn: "Es war leider vorgegeben von der Schule, dass es eine offizielle Teststation sein muss."

Da sieht man mal, wohin uns dieser neue DDR-Obrigkeitsstaat, diese Neo-Diktatur, diese BRD GmbH geführt hat: Ein aufrechter Freiheitskämpfer darf nicht mal ein Corona-Testergebnis verschweigen oder fälschen! Was noch, Karl Lauterbach? Was noch? Was soll die hochbegabte Elite der Selbstdenker noch alles ertragen? Wann hört diese diktatorische Geiselnahme unserer Freiheit endlich auf? Wann darf die eigene Tochter endlich wieder ihre Klassenfahrt zu einem Superspreader-Event machen?

Che de Vries und Mic d'Arc

Wird man derartig vom korrupten System Bundesregierung seiner Grundrechte beraubt, ist es natürlich nachvollziehbar, dass man sich mit einer denunziantischen Liste rächt, die (teilweise komplett veraltete, teilweise sehr stark aus dem Kontext gerissene und teilweise nicht mal eindeutig belegbare) Zitate vieler Politiker, Wissenschaftler und Prominenter zusammenstellt. Was haben sich diese Leute auch gedacht, einfach zur Corona-Impfung aufzurufen und insbesondere die freiwillig nicht geimpften "Maßnahmenkritikern" daran zu erinnern, dass sie mit ihrer Entscheidung maßgeblich dazu beitragen würden, das Gesundheitssystem teilweise zum Erliegen zu bringen und insbesondere die vulnerablen Gruppen vollkommen unnötiger, zusätzlicher Gefahr auszusetzen?

Selbst nachdem die Ärztin Dr. Lisa-Maria Kellermayr diese Woche nur noch im Suizid einen Ausweg sah, bremste de Vries seinen Feldzug nicht. Die österreichische Ärztin wurde monatelang von Querdenkern mit rechtsradikalem Hintergrund bedrängt, beschimpft und mehrfach mit dem Tode bedroht. Auch ihre Mitarbeiter wollte man "vor ihren Augen abschlachten". Fremde Stalker machten Fotos von ihr und veröffentlichten diese im Netz. Polizei, Behörden und Politik reagierten kaum, spielten die Gefahr herunter oder attestierten Frau Dr. Kellermayr sogar Geltungsdrang. Nun, Lisa-Maria Kellermayr hatte sich nicht für eine Talkshow bei Servus TV beworben, aber das nur am Rande.

Schlussendlich musste sie hohe Kosten für Sicherheitsmaßnahmen für ihre Mitarbeiter aufbringen und kurz darauf dennoch ihre Praxis schließen. Zu groß die Gefahr, zu groß auch die Angst ihres Teams. Von Querdenkern, die weiter fleißig Listen teilen, mit Todesdrohungen bombardiert und in den finanziellen Ruin getrieben, sah sie keine Perspektive mehr. Ein Drama, das uns alle zutiefst beschämen muss. Es ist unerträglich, dass so etwas in unserer Gesellschaft tatsächlich passieren kann. Dass ein wildgewordener Mob außer Kontrolle gerät und Menschenleben nicht mehr geschützt werden können. Dass die Polizei derartige Gefahren unterschätzt und die Opfer verächtlich macht.

Das E in Kristina steht für Empathie

Nun könnte man erwarten, dass die Öffentlichkeit zumindest nach dieser Tragödie zeigt, dass sie mit einem halbwegs intakten moralischen Kompass ausgestattet ist. Aber auch diese Hoffnung zerschlägt sich schon nach wenigen Minuten. Im Internet und auf Telegram feiern Listen-Fans den Suizid von Dr. Lisa-Maria Kellermayr als Sieg gegen "Impf-Nazis". Sie sei "endlich weg" oder hätte "bekommen, was sie verdient". Selbstverständlich, das ist ja das Spezialgebiet der Querdenker-Industrie, überschlug man sich auch mit vollkommen haltlosen Theorien. Etwa der, Lisa-Maria Kellermayr hätte sich aus ganz anderen Gründen das Leben genommen. Nämlich, weil sie sich ihrer Schuld bewusst wurde, Menschen mit dem Corona-Impfstoff geimpft zu haben und jetzt "ihre schwere Schuld nicht mehr ertragen" könne. Es ist an Niedertracht kaum zu überbieten.

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Aber nicht nur anonyme Internet-Trolle, auch einige nicht ganz unbedeutende Personen des öffentlichen Lebens sahen sich beflissen, sich zu äußern. Kristina Schröder etwa, die ehemalige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Sie ist zwar in der CDU inzwischen etwa so beliebt wie Lach-Memes mit Armin Laschet, hat aber dennoch eine, sagen wir mal freundlich, Meinung zu den Geschehnissen. Die lautet wörtlich: "In der Pandemie wurden Grenzen überschritten. Grenzen der Vernunft und der Menschlichkeit. Insbesondere gegenüber Kindern, Jugendlichen und alten Menschen. Aber auch gegenüber Ungeimpften. Wir werden nicht drumrumkommen, dies gesellschaftlich aufzuarbeiten."

Mit diesem Statement, verfasst direkt nach dem Tod einer Ärztin, die von ungeimpften Querdenkern in den Suizid getrieben wurde und während im Netz stolz die de-Vries-Liste rumgereicht wird (auf der unter anderem auch die Adressen weiterer ins Visier der selbsternannten Ritter der "Wir vergessen nicht"-Tafelrunde geratener Ärzte und ihrer Praxen stehen), lasse ich Sie jetzt allein. Ich bin sicher, Sie können sich ein eigenes Bild machen, wie ein solches Statement zu werten ist. Bis nächste Woche.

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