Drei Tage noch im Bundestag in Berlin, bis Olaf Scholz neuer Kanzler wird. Baerbock nach Außen geflankt. Lindner. Finanzminister. Aus dem Hintergrund müsste Lauterbach kommen. Lauterbach kommt. Gesundheitsminister! Gesundheitsminister! Gesundheitsminister! Gesundheitsminister! Halten Sie mich für verrückt. Halten Sie mich für überjeschnappt. Auch Politik-Journalisten sollten ein Herz haben.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Wenn Herbert Zimmermann 1954 in Bern nicht nur das WM-Finale, sondern auch vergangenen Montag die Ereignisse im Berliner Polit-Zirkus kommentiert hätte, hätte er sich vermutlich so angehört. Monatelang hat sich die von zwei Corona-Jahren geprägte Nation einen Mann vom Fach im Bundesgesundheitsministerium gewünscht. Dann gewann die SPD die Bundestagswahl und anschließend auch noch die Herzen von Grünen und FDP – und alles schien plötzlich möglich.

Nachdem hochrangige Chefredakteure wochenlang in Kolumnen, Leitartikeln und etwa 53 Tweets erläutert hatten, eine Ampel würde es auf gar keinen Fall geben, gab es: eine Ampel. Schon war der Weg zu Lauterbach tatsächlich geebnet. Das Volk bestellte ihn, das Volk bekam ihn: Einen promovierten Experten, der in Harvard seinen Master of Public Health mit Schwerpunkten Epidemiologie und Health Policy and Management erlangt und 1992 einen Master of Science erworben hatte.

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Ein Szenario, das für die "Lauterbach-Verhindern"-Fraktion den größtmöglichen Supergau darstellt. Maßgeblich mit angezettelt von der "Vogue" für die Anti-"Bild"ungselite, der "Bild", ergossen sich über Lauterbach Hasstiraden und Beleidigungsorgien aus den Jauchegruben der anonymen Denkverweigerer.

Und über alle Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, auf deren Modellierungen stützend die neue Regierung ihre Corona-Politik ausrichtet, die ab jetzt federführend von einem Fachmann statt von einem Bankkaufmann gesteuert wird, gleich mit.

Social Media Freiheits-Maulhelden und Lauterbach

Ja, der klassische Fake News Fanatiker lässt sich gerne als Kanonenfutter für zündelaffine Echauffierungs-Junkies vor den Pöbel-Karren spannen. Dabei ist er zwar sehr konsequent beim Teilen von Sharepics mit wissenschaftlichen Prognosen von "Bild"-Chef-Virologin Nena Schink ("Wir brauchen endlich den Freedom Day!" oder "Wir müssen aufhören, Masken zu tragen!"), aber eher unzuverlässig beim Einlösen eigener Versprechungen.

So zeichnet sich leider ab, dass Social Media Freiheits-Maulhelden auch beim Thema Lauterbach lautstark sehr viel Meinung rausposaunen, ihren vollmundigen Ankündigungen aber nie Taten folgen lassen. Würden nämlich alle, die ihre hauptsächlich aus Querdenker-Kollegen und russischen Bots bestehende Community wortreich darüber aufgeklärt hatten, sie würden Deutschland umgehend verlassen, sobald jemand Karl Lauterbach die Schlüssel für das Gesundheitsministerium aushändigt, wirklich das Land verlassen, hätten wir schlagartig eine Impfquote von 98 Prozent. Aber wie es so oft ist im Leben: So viel Glück haben wir nicht.

Intellektuelle Dürreperiode in den Elfenbeintürmen

Übrigens, mal nebenbei: Die Ernennung von Lauterbach ist eine weitere spektakuläre Episode der Wirkungsmacht-Verlust-Doku über den Axel Springer Verlag, der wir aktuell in Echtzeit beiwohnen dürfen. Quasi das "Blair Witch Project" der Radikalisierung eines Medienhauses.

Bei Springer jedenfalls wurde man im Verlauf der Pandemie nicht müde, einen potenziellen Gesundheitsminister Lauterbach als absoluten Untergang der Freiheitsrechte und Einstieg in einen volksunterjochenden Panikstaat zu orchestrieren. Doch auch bei diesem Vorstoß zeigte der Wandel im Medienmachtgefälle: Es stimmt keine einzige Prognose mehr, die sich "Bild" zusammenbastelt. Und die Politik erfährt die mit Abstand höchste Zustimmung im Volk immer genau dann, wenn sie exakt das Gegenteil von dem tut, was "Bild" und die von ihr mitfinanzierte "Welt" fordern.

Ein intellektuelles Trockendock, bevölkert von einer Armada Schreibtisch-Mittätern, die ihre persönliche Freiheit bereits beim Gendern in größerer Gefahr sehen als Menschenrechte in Nordkorea. Nicht sehr verwunderlich also, dass die letzten Wochen mit der Melange aus SPD-Wahlsieg, Lockdown-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, Lauterbach-Ernennung und Umdenken beim Thema Impflicht dort für einen flächendeckenden Agenda-Kollaps gesorgt haben.

Teilzeit-Querdenker-Ikone Joshua Kimmich schwenkt um

Sehr viele prominente oder relevante Persönlichkeiten sind ohnehin nicht mehr übrig, die weiterhin konsequent auf die falsche Karte setzen möchten. Selbst die Teilzeit-Querdenker-Ikone Joshua Kimmich hockt inzwischen mit Infiltrationen in der Lunge als Beifang seiner Corona-Infektion geläutert zu Hause. Er tut öffentlich Abbitte und bedauert, sich nicht viel früher für eine Impfung entschieden zu haben. Und dann nimmt plötzlich sogar Christian Lindner das Wort "Impfpflicht" in den Mund.

Kein Wunder also, dass für gezielte Desinformations-Propaganda im Gewand der Meinungspluralität neben den einschlägigen Rittern der False-Balance-Tafelrunde im Prinzip nur noch Sahra Wagenknecht übrig ist. Die letzte Galionsfigur der "Bild"ungs-Abteilung im Querdenker-Kosmos, auf die man gefahrlos wetten kann, wenn es um die Verteidigung der wissenschaftlich mittlerweile eindeutig widerlegten These geht, vor allem jüngeren, gesunden Menschen drohten durch die Impfung schlimmere Nebenwirkungen als jede Corona-Erkrankung.

Das ist vermutlich auch der Grund, warum Wagenknecht bei den üblichen Querdenker-Leitmedien derweil im Drei-Tages-Rhythmus ihre kruden Thesen und pseudo-philosophischen Freiheitsexorzismen unter die verbliebene Rest-Leserschaft bringen darf.

Sahra wagt den Knecht

Stichwort Sahra Wagenknecht: Finden Sie nicht auch, Wagenknecht sieht ein bisschen aus wie die Oma von Charlotte aus "Sex and the City" (SATC)? Natürlich von der jungen, ungebotoxten Charlotte, wie sie im Sommer 1998 in der Premierenfolge das Licht der Kultseriendarsteller erblickte. Womit wir auch schon beim nächsten Thema wären. Denn Carrie, Miranda und eben Charlotte haben diese Woche ein Comeback hingelegt, das zwar von mehr Menschen sehnsüchtig erwartet wurde als das der SPD, dafür aber vermutlich weniger Siege einfahren wird.

Die weltweit erfolgreiche TV-Serie endete 2004 nach sechs Staffeln und kehrte bislang lediglich für ein mittelmäßiges und ein katastrophales Kino-Sequel kurz aus den ewigen Serienjagdgründen zurück. Bis vergangenen Donnerstag mit "And Just Like That" den mal mehr mal weniger gut mitgealterten SATC-Fans endlich ein Herzenswunsch erfüllt wurde, den man unter den Carrie-Bradshaw-Fans fast noch sehnlicher erwartet hatte als Karl Lauterbachs Ernennung zum Gesundheitsminister: die offizielle Fortsetzung.

Doch noch bevor es richtig losging, wurde die Vorfreude bereits leicht enteuphorisiert: Der heimliche Star der Serie, Samantha Jones, ist in der Neo-SATC-Ära nicht mehr dabei. Das ist etwa so, als würde Karl Lauterbach nun als Bundesminister nie wieder bei "Markus Lanz" sitzen dürfen. Es ist einfach nicht mehr dasselbe. Etwas Essenzielles fehlt.

Warum die von Kim Cattrall gespielte dauerpromiskuitive Berufsdiva nicht mehr dabei ist, darüber ranken sich wildeste Gerüchte. Klar ist, sie ist unersetzlich. Samantha war Mitte der 2000er Jahre, als meine Freundinnen und ich als Teenager "Sex and the City" entdeckten und alle sechs Staffeln fleißig auf DVDs nacharbeiteten, die Frau, die uns lehrte, dass man keinesfalls eine Schlampe war, nur wenn man sich Männern gegenüber so verhielt wie umgekehrt Männer Frauen gegenüber schon seit Anbeginn der Zeit.

Wenn man so will, hat Samantha Jones mehr für die Befreiung der Frau getan als Alice Schwarzer und die Feminismus-Woke-Bubble auf Twitter zusammen.

And Just Like This … bist du tot

Aber mal konkret. Selbstverständlich habe ich mir die erste Folge von "And Just Like That" angesehen. So müssen Sie es nicht tun. 17 Jahre nach Carries Hochzeit mit Mr. Big sind die drei verbliebenen Protagonistinnen immer noch charakterisoliert gekleidet, aber dazu neuerdings ziemlich zeitgeistüberladen.

Die ersten Minuten des Staffelauftakts bestehen mehr oder weniger ausschließlich aus gnadenlos holprig und zusammenhangslos in die Dialoge reinbemühten Anspielungen auf Corona, durchgefilterten Beautyshots von, sagen wir mal, halbgut gealterten Ex-Mittdreißigerinnen und dem hastigen Aufzählen aller IT-Buzzwords, die es zum "Sex and the City"-Staffelfinale 2004 noch nicht gab: Instagram beispielsweise. Oder Podcast. Alles in allem wirkt das gesamte Intro dadurch irgendwie ein bisschen wie Thomas Gottschalk, der in Klamotten von Justin Bieber versucht, Texte von Danger Dan zu rappen. Übersetzt ins Englische. Von Lothar Matthäus.

Anschließend werden noch schnell ein paar "Wir sind jetzt erwachsen"-Klischees abgearbeitet. Carrie investiert statt in Haute Couture, Designer-Handtaschen und Schuhe plötzlich auch in Delikatess-Wildlachs für die Zubereitung in der eigenen Küche. Dabei hatten Küchen in den fast 100 bisherigen Folgen lediglich zu Kopulationszwecken eine Rolle gespielt.

An den Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Civey kann jeder teilnehmen. In das Ergebnis fließen jedoch nur die Antworten registrierter und verifizierter Nutzer ein. Diese müssen persönliche Daten wie Alter, Wohnort und Geschlecht angeben. Civey nutzt diese Angaben, um eine Stimme gemäß dem Vorkommen der sozioökonomischen Faktoren in der Gesamtbevölkerung zu gewichten. Umfragen des Unternehmens sind deshalb repräsentativ. Mehr Informationen zur Methode finden Sie hier, mehr zum Datenschutz hier.

New York ist immer noch New York

Gleichzeitig feiert Miranda stolz ihre ergrauten, ehemals roten Haare als Krone der Authentizität und Selbstliebe. Spätestens im hochdramatisierten Schlussakt der ersten Folge wird dann endgültig klar: New York ist immer noch New York, aber Carrie und ihre Rasselbande exaltierter Paradiesvögel und Langzeit-Gefährten ist so langsam im letzten Drittel des Lebens angekommen. Da kommen die Einschläge bisweilen regelmäßiger.

Statt jede Nacht halbnackt und betrunken auf den Tresen von In-Bars in Downtown zu tanzen und über die Hintern von Jungs oder den Kleidungsstil von anderen Frauen abzulästern, geht es 17 Jahre später um dysfunktionale Ehen, Probleme mit eigenen Teenager-Kindern und: den Tod. Unvermittelt stirbt jemand aus dem Inner Circle.

"Sex and the City" hat einen herben Verlust hinzunehmen. Wer genau das Zeitliche segnet, möchte ich aus Spoiler-Gründen noch nicht verraten. Womöglich hat ja noch irgendwer "And Just Like This" nicht gesehen. Nächste Woche erleben wir dann in der zweiten Folge vermutlich eine Beerdigung. Wir sind alle nicht unsterblich, auch Role Models aus Kult-TV-Serien unserer Kindheit nicht. Was ansonsten kommende Woche noch so passieren wird: Ich werde berichten. Bis dann!

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