Die Internationale Atomenergiebehörde meldet sprunghaft steigende Nachfrage nach Atomkraftwerken. Immer mehr Länder bauen neue Atommeiler. Um das Klima zu schützen und gleichzeitig die Strompreise niedrig zu halten. Neue Super-Technologien für Mini-Atomkraftwerke helfen dabei. Frankreich schwört nun Europa auf Kernkraft 2.0 ein und macht damit Druck auf die neue Regierung in Berlin. Wie reagiert Deutschland?

Dr. Wolfram Weimer
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Die internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien meldet einen plötzlichen Nachfrageschub nach Atomkraftwerken. Erstmals seit dem Fukushima-Unfall vor zehn Jahren hat die Behörde ihre globale Wachstumsprognose für Atomstrom deutlich nach oben korrigiert. Konkret meldet die IAEA, dass derzeit 52 neue Atomkraftwerke im Bau seien.

Während Deutschland ein Atomkraftwerk nach dem anderen abschaltet (bis Ende 2021 müssen Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen vom Netz, die drei jüngsten Anlagen Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 werden Ende 2022 abgeschaltet), macht der Rest der Welt genau das Gegenteil. Allein in China sind 13 neue Kernkraftwerke im Bau. Aber auch Indien setzt massiv auf Atomenergie und hat jetzt 7 neue Meiler im Bau. Das kleine Südkorea baut 4 neue Kernkraftwerke.

Doch nicht nur die Wirtschaftsgroßmächte investieren massiv, auch kleinere Länder entscheiden sich für den Neu-Einstieg, darunter die Türkei, die Arabischen Emirate, Polen, Bangladesch, Ägypten, Jordanien, Nigeria und Vietnam. Laut Internationaler Atomenergiebehörde IAEA wollen derzeit 28 Staaten neu in die Kernkraft einsteigen.

Die globale Klimadebatte schürt das Comeback der Kernkraft

Im "High-Case-Szenario" ihres neuen Ausblicks geht die IAEA nun davon aus, dass sich die weltweite Kernkraftwerkskapazität bis 2050 auf 792 Gigawatt (netto elektrisch) glattweg verdoppeln wird, gegenüber 393 GW(e) im vergangenen Jahr. "Die neuen IAEO-Prognosen zeigen, dass die Kernenergie weiterhin eine unverzichtbare Rolle bei der kohlenstoffarmen Energieerzeugung spielen wird", verkündet IAEA-Generaldirektor Rafael Mariano Grossi.

Ein Grund für das verblüffende Comeback der Kernenergie ist die globale Klimadebatte. Atomenergie erzeugt keine klimaschädlichen Emissionen und kann nach Überzeugung Grossis, dem Kampf gegen den Klimawandel zum Durchbruch verhelfen: "Ein Erreichen der globalen Klimaziele ist ohne Atomkraft nicht möglich. Kernenergie ist Teil der Lösung." Grossi hält Deutschlands Ausstieg für einen "einmaligen Sonderweg", der in Bezug auf das Klima und das Zwei-Grad-Ziel nicht wissenschaftlich begründbar sei. Man brauche Kernenergie für eine stabile Stromversorgung, die den weniger konstanten erneuerbaren Strom aus Wind, Wasser oder Sonne unterstützen könne.

In Europa bauen derzeit Finnland, Großbritannien, Polen, Russland, die Ukraine, Frankreich, Weißrussland und die Slowakei neue Kernkraftwerke. Im Rahmen des globalen Comebacks hat sich auch Japan für eine Rückkehr zur Atomkraft entschieden. Ungeachtet des Atomunglücks von Fukushima müsse man erkennen, dass Atomenergie eine wichtige Energiequelle der Zukunft sei, heißt es aus der Regierung in Tokio. Tatsächlich fährt Japan nicht nur seine alten Meiler wieder hoch, sondern baut sogar zwei völlig neue.

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Frankreich macht Druck auf Deutschland

Auch die unmittelbaren Nachbarn Deutschlands wollen die Atomenergie ausbauen. So wird Polen eigene Atomenergie erzeugen und plant sechs Atomkraftwerke, zwei davon an der Ostseeküste. In der engsten Auswahl sind die Orte Belchatow, Patnow, Zarnowiec und Lubiatowo-Kopalino. Vor allem Frankreich setzt massiv auf Atomenergie und hat die Laufzeiten für die 32 ältesten Reaktoren auf 50 Jahre verlängert, ein neuer Reaktor ist in Flamanville im Bau.

Frankreich deckt mehr als 70 Prozent seines Energiebedarfs durch Atomkraft - das ist der höchste Anteil weltweit, noch vor den USA. Frankreichs Regierung erklärt, dass Europa die CO2-Neutralität bis 2050 "nicht ohne die Kernkraft erreichen werde". Alle europäischen Partner müssten verstehen, dass die Atomkraft zu den wesentlichen Grundlagen der Wettbewerbsfähigkeit und der Souveränität Frankreichs, aber auch der europäischen Energie-Souveränität gehöre.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron macht nun offen Druck auf Deutschland. Die deutsche Politik, sowohl aus der Kohle als auch aus der Atomkraft auszusteigen und die höchsten Strompreise der Welt in Kauf zu nehmen, wird in Paris als grotesk falsch kritisiert. So werde man die europäischen Klimaziele nicht erreichen. Macron weiß dabei auch die Mehrheit der Franzosen hinter sich. Er macht mit dem Thema Atomkraft sogar offensiv Wahlkampf. "Frankreich hat Glück, denn Frankreich hat Atomkraft", betont Macron mit Blick auf die CO2-Emissionen. Selbst die französischen Grünen haben den früher vehement geforderten Atomausstieg inzwischen aufgegeben: "Niemand sagt, dass wir morgen die Atomkraftwerke runterfahren", meint der grüne Präsidentschaftskandidat Yannick Jadot zum Erstaunen seiner deutschen Kollegen.

Tatsächlich löst die Atomenergie Frankreichs Energie- und Klimaproblem gleich doppelt. Zum einen stößt das Land viel weniger CO2 aus, zum andern bleiben die Strompreise niedrig. Auch Großbritannien hat die Kernenergie jetzt zum zentralen Baustein im "Aktionsplan zur Entkarbonisierung" erklärt. Der Ausstoß von Treibhausgasen soll bis 2050 komplett beendet werden. Dazu will man nun auch neue Mini-Atomreaktoren bauen. 15 dieser von Rolls-Royce geplanten Reaktoren mit einer Kapazität von 440 Megawatt - genug, um eine 500.000-Einwohner-Stadt zu versorgen - sollen in den kommenden neun Jahren ans Netz gehen.

Bill Gates´ Nuklearfirma will Atommüll als Brennstoff nutzen

Macron setzt ebenfalls auf neue, kleine Atomkraftwerke, sogenannte "Small Modular Reactors" (SMR). Er hält sie für zukunftsträchtig und schwärmt von der "Neuerfindung" der Kernenergie. Frankreich ist dabei nicht allein. Sowohl in Russland und den USA als auch in Großbritannien wird die neue Technologie weiterentwickelt. In Washington setzt die neue Biden-Regierung offensiv auf SMRs. Das Unternehmen NuScale entwickelt eine Technik, bei der mehrere kleine Reaktoren in einem kühlenden Wasserbecken installiert werden. Um einen Testbetrieb möglich zu machen, subventionierte das US-Energieministerium das Vorhaben mit 1,4 Milliarden Dollar. In Kalifornien arbeiten derzeit gut 50 Start-ups an der Entwicklung neuer Nukleartechnologien. Experten sprechen schon vom "Nuclear Valley", das auf das "Silicon Valley" folgen werde. Dabei experimentieren die Ingenieure mit neuartigen Kühlmethoden wie dem Einsatz von flüssigem Natrium.

Stark engagiert bei der neuen Generation von Mini-Akws ist auch die Nuklearfirma TerraPower, die von Multimilliardär Bill Gates gegründet wurde und Atommüll als Brennstoff nutzen will. "Wir meinen, ein Modell entwickelt zu haben, bei dem alle wichtigen Probleme gelöst sind", schreibt der Unternehmer in seinem neuen Buch. Bis 2050 will TerraPower "Hunderte dieser Reaktoren auf der ganzen Welt sehen, die verschiedene Energiebedürfnisse lösen", meint TerraPower-CEO Chris Levesque. Die 345-Megawatt-Anlagen werden mit flüssigem Natrium gekühlt und jeweils etwa eine Milliarde Dollar kosten. Das erste soll auf dem Gelände eines stillgelegten Kohlekraftwerks im US-Bundesstaat Wyoming entstehen. Starinvestor Warren Buffet ist mit von der Partie.

Während die Amerikaner an neuer Natrium-Technik forschen, setzen die Russen ihre Atomschiffe bereits als SMRs ein. Die "Akademik Lomonossow" ist so ein schwimmendes Atomkraftwerk. Das russische Schiff, das nahe der Stadt Pewek am Nordpolarmeer vor Anker liegt, soll in den kommenden 40 Jahren die abgelegene Region mit Strom versorgen. Mit seinen zwei Mini-Reaktoren sei das Schiff das erste SMR-Kraftwerk der Welt, schreibt die Internationale Atomenergie-Organisation. Weltweit wachse das Interesse an der SMR-Technik. Nach Angaben der IAEA befinden sich derzeit 84 Reaktoren in 18 Ländern in der Entwicklung oder im Bau. Deutschland, das einst in der Atomtechnik weltführend war und gerne Klimaretter sein will, sieht plötzlich ziemlich alt aus.

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