Die Eskalationsspirale auf der koreanischen Halbinsel dreht sich weiter. Nachdem eine nordkoreanische Rakete Japan überflogen hat, suchen die USA nach einer passenden Antwort auf die Provokation. Eine Expertin erklärt die Optionen zur Lösung der Krise.

In Japan heulten die Sirenen, nachdem eine nordkoreanische Rakete Kurs auf die Insel Hokkaido genommen hatte.

Mehr Informationen zum Nordkorea-Konflikt

Lautsprecherdurchsagen warnten die Bewohner, Züge unterbrachen ihre Fahrt.

Später stürze der Flugkörper mehr als 1000 Kilometer östlich von Japan ins Meer.

Die USA suchen nun nach einer passenden Antwort auf die erneute Provokation gegen ihren Verbündeten.

China-Expertin Dr. Sarah Kirchberger erläutert die Optionen der Amerikaner und was aus ihrer Sicht gegen einen Militäreinsatz spricht.

Frau Kirchberger, Nordkorea hat sich von den jüngsten UN-Sanktionen nicht abschrecken lassen und eine Rakete über Japan fliegen lassen. Welche Optionen haben UN, die Alliierten und allen voran die USA jetzt überhaupt noch zur Lösung der Krise?

Dr. Sarah Kirchberger: Da solche Raketentests illegal sind, könnten die US-Verbündeten theoretisch versuchen, weitere Tests durch Abschuss der Rakete direkt nach dem Start zu unterbinden.

Die Frage ist jedoch, ob das technisch unter realistischen Bedingungen tatsächlich gelingen würde.

Wäre das nicht der Fall und scheiterte ein solcher Versuch, dann bestünde die Gefahr, dass durch diesen Fehlschlag die militärische Abschreckung stark beschädigt würde.

Realistischer ist daher wahrscheinlich die Option, die strikten Sanktionen gegen Nordkorea aufrechtzuerhalten und weiter auf deren Effekte zu warten.

Käme eine vollständige Abschottung Nordkoreas infrage?

Dafür wäre vor allem die anhaltende und vollständige Kooperation Chinas und Russlands nötig.

Allerdings scheint die Trump-Administration gegenwärtig auf einen Handelsstreit mit China hinzuarbeiten, was derartige Abstimmungen mit China sicher nicht erleichtern wird.

Das Verhältnis der USA zu Russland ist ebenfalls zur Zeit recht angespannt.

Was spricht dagegen, dass China und Russland bei einer Abschottung Pjöngjangs mitmachen?

Unter Militärtechnik-Experten wird zur Zeit intensiv die Frage diskutiert, wie Nordkorea so schnell an die notwendigen Technologien für den Bau ballistischer Langstreckenraketen kommen konnte.

Als wahrscheinlich gilt aufgrund der Indizienlage bisher, dass Nordkorea nicht wie behauptet umfassende Eigenentwicklungen vorzuweisen hat, sondern dass Russland und eventuell auch China eine erhebliche Rolle bei der Weitergabe von kritischen Technologien an Nordkorea gespielt haben.

Angesichts dieser Tatsache scheint es also, dass beide Länder ein strategisches Interesse daran haben, das nordkoreanische Regime auch weiterhin zu stützen.

Worin soll dieses Interesse begründet sein?

Die akute Bedrohung durch Nordkorea bindet ja erhebliche Kräfte des amerikanischen Militärs und seiner Bündnispartner in der Asien-Pazifik-Region und lenkt von den sonstigen Interessenkonflikten der USA mit Russland und China ab.

Aus chinesischer Sicht besteht jedenfalls kein Interesse an einem Regimewechsel in Nordkorea, der auf eine koreanische Wiedervereinigung unter südkoreanischer Führung hinausliefe. Denn dann hätte Chinas Norden plötzlich eine über 1400 Kilometer lange Landgrenze zu einem Bündnispartner der USA.

Stabilität auf der koreanischen Halbinsel - also eine Verlängerung des Status Quo - wird von chinesischen Strategieexperten recht häufig als dringende Notwendigkeit für Chinas Sicherheit bezeichnet.

Läuft es angesichts der wachsenden Eskalation auf einen Präventivschlag der USA hinaus?

Bei einem militärischen Präventivschlag der USA gegen Nordkorea bestünde zum einen die große Gefahr, dass Nordkoreas Militär schon innerhalb der ersten Stunde des Konflikts mit massivem Raketenbeschuss von Südkoreas Hauptstadt Seoul reagieren könnte.

Seoul liegt weniger als 60 Kilometer von der Grenze entfernt. Das ließe angesichts von 25 Millionen Menschen in der Hauptstadtregion entsetzliche Opferzahlen befürchten.

Zum anderen hat die Regierung Chinas erst vor kurzem klargestellt, dass sie zwar im Falle eines unprovozierten Angriffs Nordkoreas auf amerikanisches Territorium, etwa die Insel Guam, keinen militärischen Beistand für den Bündnispartner Nordkorea leisten würde.

Sollten jedoch die USA zuerst Nordkorea angreifen, so würde China seine militärische Bündnisverpflichtung erfüllen und Nordkorea beistehen.

Was folgt daraus?

Nachdem sich Peking in dieser Weise öffentlich positioniert hat, stünden die USA bei einem Präventivschlag gegen Nordkorea möglicherweise vor einem Krieg mit der weitaus besser bewaffneten Atommacht China.

Es ist mehr als zweifelhaft, dass die US-Regierung ein solch unkalkulierbares Risiko wirklich eingehen würde.

Wodurch ließe sich Kim Jong Un am ehesten beeindrucken?

Das weiß niemand genau. Vermutlich durch konsequentes Handeln, also die Übereinstimmung von Worten und Taten.

Was Kim jedoch wenig beeindrucken dürfte, ist das Ankündigen von Konsequenzen, die dann letztlich aber nicht erfolgen. Das Letztere sollte meines Erachtens unbedingt vermieden werden.

Was hat ihm eigentlich die Provokation mit der Rakete genützt, die Japan überflogen hat?

Nordkorea hat dadurch erstmals demonstriert, dass eine seiner Raketen auf einer realistischen Flugbahn tatsächlich ein Ziel in etwa 1700 Kilometer Entfernung treffen könnte. Die bisherigen Tests hatten ja keine realistischen Flugbahnen verwendet.

Nordkorea könnte weiterhin beabsichtigt haben, zu testen, ob diese Rakete von Japan aus abgeschossen werden würde beziehungsweise ob ein solcher Abschussversuch gelingen würde oder nicht.

Außerdem könnte dieser Test eine Reaktion auf ein größeres gemeinsames Militärmanöver Japans und der USA gewesen sein, das diese Woche zu Ende ging und bei dem auch Raketenabwehr geübt wurde.

Gibt es weitere Erklärungen?

Man sollte zudem nie aus den Augen verlieren, dass das nordkoreanische Kim-Regime vor allem sein eigenes Überleben zum Ziel hat. Viele außenpolitische Verhaltensweisen könnten daher innenpolitisch motiviert sein.

Die Abwehr einer angeblichen äußeren Bedrohung hat sich bereits in vielen Diktaturen als probates Mittel erwiesen, um Einigkeit unter einer durch Unterdrückung und Hunger gebeutelten Bevölkerung herzustellen.

Nordkoreas Provokationen gegen den Erzfeind USA lassen sich im Inland jedenfalls hervorragend propagandistisch ausschlachten.

Dr. Sarah Kirchberger arbeitet am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel. Die Chinawissenschaftlerin leitet die Abteilung „Strategische Entwicklung in Asien-Pazifik“. Über die Korea-Problematik schrieb sie zuletzt in ihrem Buch "Assessing China’s Naval Power: Technological Innovation, Economic Constraints, and Strategic Implications."