In ihrer Talkrunde sucht Anne Will nach Personen und Programmen, die das politisch polarisierte Land wieder zusammenführen können. Klar wird: Markus Söder würde sich diese Aufgabe bestimmt zutrauen – und alles andere eigentlich auch.

Fabian Busch
Eine Kritik
von Fabian Busch

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Eine Polit-Talkshow lebt vom Streit ihrer Gäste. Insofern ist das Motto bei Anne Will am Sonntagabend ein Stück weit ungewöhnlich. Gesucht wird nach einem Weg aus dem Streit, nach politischen Brückenbauern in aufgewühlten Zeiten.

Gestritten wird dann aber trotzdem: über die Geschehnisse der Vergangenheit und die Abgrenzung von den sogenannten politischen Rändern. Die Suche nach den Brückenbauern kommt leider ziemlich kurz.

Worum geht es bei "Anne Will"?

Noch immer um die Nachwirkungen der Ministerpräsidenten-Wahl in Erfurt. Nachdem der FDP-Politiker Thomas Kemmerich mit den Stimmen von CDU und AfD zum Thüringer Kurzzeit-Ministerpräsidenten gewählt wurde, steht die Republik zumindest in Teilen Kopf. CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer will ihr Amt nach nur 14 Monaten wieder aufgeben, die Gräben innerhalb der Christdemokraten sind tief.

Die politische Mitte ist kleiner geworden – und zerfleischt sich auch noch gegenseitig. Die Frage der Sendung ist also durchaus berechtigt: Wer hält das Land noch zusammen?

Wer sind die Gäste?

Markus Söder: Der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident hat nach den Geschehnissen in Thüringen schnell und deutlich eine Linie zur AfD gezogen – und macht das auch an diesem Abend. Die Partei würde mit der Demokratie spielen, warnt er. "Das kann man denen doch nicht durchgehen lassen."

Annalena Baerbock: Die Grünen-Vorsitzende hat im Thüringen-Chaos auch einen Hoffnungsschimmer gesehen: Die Öffentlichkeit habe die Wahl des FDP-Politikers mit Stimmen durch die AfD mehrheitlich klar verurteilt. "Das war die demokratische Zivilgesellschaft in unserem Land", lobt Baerbock.

Saskia Esken: "Mit solchen Leuten arbeitet man nicht zusammen", sagt die SPD-Vorsitzende über die AfD-Abgeordneten in Bundes- und Landesparlamenten. Der Koalitionspartner CDU muss sich ihrer Meinung nach nun ein Stück "mit sich selbst beschäftigen" und einiges klären: "Es ist tatsächlich die Frage, ob die CDU sich momentan im Klaren ist, welche Haltungen sie eigentlich trägt."

Gerhart Baum: Der frühere Bundesinnenminister gilt als soziales Gewissen der FDP. Dass ein Parteifreund in Thüringen mit den Stimmen der AfD gewählt wurde, findet er ziemlich daneben: "Diesen Mann hätte man gar nicht kandidieren lassen dürfen. Was wollte der da?"

Giovanni di Lorenzo: "Schlimmer kann man sich kaum darstellen", sagt der Chefredakteur der Wochenzeitung "Die Zeit" über die Politiker von CDU und FDP in Thüringen. Trotzdem könne es beim aktuellen Umgang mit der AfD auch nicht bleiben: "Wir können doch nicht 25 Prozent der Wähler in den neuen Bundesländern wie nach einer Corona-Erkrankung auf einem Kreuzfahrtschiff in Quarantäne stellen."

Was ist der Moment des Abends bei "Anne Will"?

Vergleiche mit dem Nationalsozialismus wurden in den vergangenen Wochen zur Genüge gezogen – ob sie in der aktuellen politischen Situation wirklich angebracht sind, darüber lässt sich streiten. Gerhart Baum nutzt seinen Auftritt trotzdem für einen sehr eindringlichen Appell. "Der Rechtsextremismus ist noch nie so stark gewesen wie jetzt", sagt der 87-Jährige. Dass die AfD in allen Bundes- und Landesparlamenten sitzt, macht ihm sichtlich Angst. Als die NSDAP 1928 erstmals in den Reichstag eingezogen sei, habe Joseph Goebbels gesagt, man hole sich nun die Waffen der Demokratie, um sie von innen zu bekämpfen. "Ich bitte das nicht zu leicht zu nehmen", so Baum – diese Gefahr bestehe auch heute wieder.

Was ist das Rededuell des Abends?

CSU und Grüne sind in den vergangenen Jahren viele Schritte aufeinander zugegangen. Da allzu viel Nähe aber bei den eigenen Anhängern schlecht ankommt, versuchen Grünen-Chefin Baerbock und CSU-Chef Söder offensichtlich ein paar Unterschiede zu betonen.

Baerbock kritisiert, dass die Unionsparteien Linke und AfD als politische Ränder gleichsetzen würden. Auch Gerhart Baum findet, damit spiele die Union das "Spiel der AfD".

Markus Söder lässt sich von der Linie allerdings nicht abbringen. Der ehemalige Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow sei zwar "ein höflicher Mensch". Aber die Linkspartei müsse endlich eingestehen, dass die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei. "Herr Ramelow tut sich da wahnsinnig schwer." Deswegen bleibt auch Söder beim Standpunkt: Die Union dürfe nicht mit der Linken zusammenarbeiten.

Wie hat sich Anne Will geschlagen?

Die Diskussion geht dieses Mal weniger im Durcheinandergerede unter als in der Vorwoche, Anne Will hat die Runde meistens im Griff. Gut gesetzt ist auch ihre Spitze gegen Markus Söder: Der habe im Landtagswahlkampf doch auch versucht "am rechten Rand zu knabbern" – und nun stelle er sich als "König der Bienen" dar.

Wirklich aus der Ruhe kann sie den bayerischen Ministerpräsidenten damit aber auch nicht bringen. Genauso wenig gelingt es ihr leider, das eigentliche Thema der Sendung im Blick zu behalten.

Was ist das Ergebnis?

Was hält das Land noch zusammen – die Antwort auf die Leitfrage bleibt die Runde weitgehend schuldig. Klar wird nur: Markus Söder würde sich vieles zutrauen. Auch die Kanzlerkandidatur für die Unionsparteien? Er sagt auf jeden Fall Sätze, die aufhorchen lassen. Über den Umgang mit der AfD meint er zum Beispiel: "Wenn ich mir ansehe, welchen Kurs ich da fahre, dann kann ich sagen: Das ist für die Union schon der Richtige."

Sein Platz sei in Bayern und die Diskussion um die Kanzlerkandidatur ohnehin zu früh, meint der Ministerpräsident zwar. Aber Selbstzufriedenheit und Selbstbewusstsein kann er sich nicht verkneifen. Ein Kanzlerkandidat der Union brauche ein Programm für die Zukunft, sagt Söder. Das ließe sich als Spitze gegen Friedrich Merz verstehen, dessen Gegner ihn eher als Mann der Vergangenheit ansehen.

Als Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo die Kandidaten auf den CDU-Vorsitz durchgeht und sagt, als Kanzlerkandidat habe auch Söder "seine Qualitäten", da grinst Söder und hebt den Daumen. Manchmal sagt eine Geste mehr als viele Sätze.

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