Die Parteivorsitzenden von CSU, Grünen und FDP haben sich bei Anne Will einen Schlagabtausch geliefert. Während zwei ihre Kanzlerfähigkeit bewiesen, glitt Christian Lindner bisweilen ins Oberlehrerhafte ab. Dafür sammelte er mit seinen Wortkreationen Punkte bei Gastgeberin Anne Will.

Eine Kritik
von Thomas Fritz, Freier Autor

Deutschland ist knapp an einer Rezession vorbei geschrammt. Das Wirtschaftswachstum betrug im vergangenen Quartal 0,1 Prozent. Die nächste Krise scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, aber noch kann die Politik gegensteuern. Wie genau das geschehen soll, darüber gingen bei Anne Will die Meinungen weit auseinander.

Mehr aktuelle News finden Sie hier

Was ist das Thema bei Anne Will?

Die abflauende Konjunktur und die Klimapolitik der Großen Koalition waren zwei der bestimmenden Themen der letzten Wochen. Darüber diskutierten bei Anne Will die Parteichefs der CSU, der Grünen und der FDP .

Also genau die Vertreter der Jamaika-Parteien, die sich in den Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl 2017 nicht einig waren, wie viel grüne Politik das Land verträgt. Das Thema der Sendung: "Zwischen Konjunkturflaute und Klimaschutz - wie sicher ist Deutschlands Wohlstand?"

Wer sind die Gäste?

Markus Söder (CSU): Der Parteivorsitzende der CSU und bayerische Ministerpräsident sprach sich für ein "qualifiziertes Wachstum" aus. Der ideologische Krieg "Ökologie gegen Ökonomie" sei Quatsch, sagte er. Der "Kleinkrieg gegen das Auto" müsse beendet werden und er forderte "mehr Kreativität und nicht immer nur Verbote". Alles Spitzen gegen die Grünen-Chefin Annalena Baerbock.

Söder hatte die Grünen unlängst als Hauptgegner in der politischen Auseinandersetzung ausgemacht, fand hier trotz Unterschieden aber auch versöhnliche Worte.

Insgesamt ein menschelnder Auftritt des Bayern, der immer wieder ins "Du" verfiel, seine Heimat fast liebevoll lobte ("Bei uns scheint mehr die Sonne") und sogar Humor bewies. "Es sind ganz großartige Politiker hier im Raum", sagt er, um gleich einzuschränken: "Also gute." Gelächter im Publikum.

Annalena Baerbock (Grüne): Die Parteivorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen sprach sich gegen die vorherrschende Wachstumsgläubigkeit aus. "Wir wollen die Märkte der Zukunft so erschließen, dass sie nicht unsere Lebensgrundlagen zerstören." Zudem wies sie den Vorwurf gegen die Grünen, einen Kleinkrieg gegen das Auto zu führen, zurück.

Ganz im Gegenteil: Baerbock sprach sich für die Stärkung von E-Mobilität und die Förderung des Wasserstoffverbrennungsmotors aus. Zur sichtlichen Freude Söders gingen ihr das eine oder andere Mal lobende Worte über die Leistungen Bayerns über die Lippen. Da konnten zwei ganz gut miteinander. Ein Vorbote für eine schwarz-grüne Koalition im Bund nach der kommenden Wahl?

Christian Lindner (FDP): Während Söder menschelte und Baerbock Komplimente verteilte, legte der FDP-Parteivorsitzende einen eher oberlehrerhaften Auftritt hin. Dass bei Anne Will ausführlich über Windkraft ("Wir sind mitten in einer Spezialdiskussion!") gesprochen wurde, ging ihm gegen den Strich. Expertin Claudia Kemfert wies er dünnhäutig zurecht, weil sie sich über sein Wort "Geisterstrom" lustig gemacht hatte.

Inhaltlich sprach sich Lindner, anders als Baerbock, strikt gegen neues Schuldenmachen aus und stritt ab, dass Deutschland "rein wirtschaftsfixiert" sei. Um Windenergie aus Norddeutschland besser in den Süden zu leiten, brauche es dringend ein Planungsbeschleunigungsgesetz. Immerhin: Verbote seien nicht immer schlecht, gab er zu. "Ich bin für das Verbot des Kükenschredderns", so Lindner.

Claudia Kemfert: Die Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin plädierte für deutlich mehr staatliche Investitionen, um der drohenden Rezession zu begegnen, notfalls auch zu Lasten neuer Schulden.

Der Anschubfinanzierung des Staates würden dann "private Investitionen folgen", so Kemfert. Nicht nur bei diesem Punkt geriet sie mit FDP-Chef Christian Lindner, der eine neuen europäische Schuldenkrise befürchtet, aneinander. Auch Söder war gegen neue Schulden.

Was war das Rededuell des Abends?

Als sich Annalena Baerbock für ein Verbot des Verbrennungsmotors aussprach – das hatten die Grünen am Wochenende auf ihrem Parteitag als Ziel bis 2030 ausgegeben – wurde es Christian Lindner zu viel. Ein Verbrennungsmotor könne auch mit klimaneutralem Wasserstoff fahren, klärte er Baerbock auf. "Deshalb brauchen sie überhaupt kein Verbot des Verbrennungsmotors", sagte Lindner.

"Hören Sie gut zu!", erwiderte hingegen die Ober-Grüne. "Des fossilen Verbrennungsmotors." Lindner antwortete genervt: "Ich kann es hören. Der Technologie ist egal, woher der Kraftstoff kommt." Man müsse dafür sorgen, dass Kraftstoffe eingesetzt werden, die synthetisch produziert sind. "Dann können Sie auch den Golf II von 1988 klimaneutral fahren", betonte er. In diesem verbalen Scharmützel lag Lindner leicht im Vorteil.

Was war der Moment des Abends?

Schwarz-grüne Annährungsversuche zwischen Markus Söder und Annalena Baerbock: Nachdem Anne Will Söders Einsatz für die Bienen lobend erwähnt hatte und ihn ironisch den "Ehrenvorsitzenden der Grünen" nannte, erwiderte die Grünen-Chefin. "Ich kann Ihnen einen Mitgliedsantrag gleich überreichen."

Söder schüttelte amüsiert den Kopf. Später gab er zu, das neue Programm der Grünen genau gelesen zu haben – und fand sogar lobende Worte. Baerbock freute sich.

Wie hat sich Anne Will geschlagen?

Gleich mit ihrer ersten Frage landete die Gastgeberin eine Spitze gegen Christian Lindner: "Was haben Sie neuerdings gegen die Profis?" Eine Anspielung auf seine frühere Aussage, wonach die Protestierenden von Fridays for Future die Politik den Profis überlassen sollten. Bei der Sendung am Sonntag wollte Will damit die gegensätzliche Meinung Lindners und der Wirtschaftsweisen zum Schuldenmachen betonen.

Humor konnte Will auch: "Warum hinkt eigentlich immer ganz Deutschland hinter Bayern her, wo sie doch mit in der Bundesregierung sitzen?", fragte sie Markus Söder. Der hatte kurz zuvor zum wiederholten Mal die Leistungen des Freistaats angepriesen. "Danke für die Feststellung", sagte Söder amüsiert. "Wenn es von Ihnen kommt, ist es amtlich."

Was ist das Ergebnis?

Eine insgesamt launige und unterhaltsame Debatte, in der die Parteichefs von CSU, Grünen und FDP – jeder auf seine Weise – durchaus Punkte sammeln konnten. Söder mit einer ausgleichenden, sehr ministerpräsidentiellen Rhetorik, Baerbock durch einige Schmeicheleien Richtung CSU und einen weniger krawalligen Auftritt, als man es von ihr manchmal gewohnt ist – und Lindner durch seine Angrifflust, die bisweilen aber in Arroganz umschlug.

Gerade bei Söder und Baerbock, deren Namen in Diskussionen um eine Kanzlerkandidatur 2021 häufiger gefallen sind, hatte man fast das Gefühl, dass sie den Wählern zeigen wollten: Wir können den Job.

Inhaltlich brachte die Sendung freilich wenig Erkenntnisgewinn, die Argumente der drei Parteichefs hatte man so oder so ähnlich in der Vergangenheit schon mal gehört. Dafür freute sich Anne Will über einige rhetorische Schmankerl. Lindner sprach von "Geisterstrom", der wegen fehlender Leitungen nicht genutzt werden könne, später von "Dunkelflaute".

Auch Markus Söder driftete ins Poetische ab: "Die windstille Nacht", erklärte er, "ist ein gewisses Problem." Anne Will war angetan: "Wir haben sehr schöne Wörter gelernt. Danke dafür!" Es muss ja nicht immer der ganz große Erkenntnisgewinn sein beim Sonntags-Talk.

Bildergalerie starten

Karikaturen

Nachrichten aus der Politik sind langweilig und dröge? Unsere aktuellen Karikaturen beweisen das Gegenteil - jeden Tag aufs Neue.