CDU-Möchte-Gern-Chef Norbert Röttgen will seine Partei neu ausrichten - aber beim "Nein" zu Bodo Ramelow in Thüringen bleiben. Bei "Anne Will" platzt dem Grünen Robert Habeck deswegen der Kragen.

Eine Kritik
von Christian Bartlau

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In Hamburg kann die SPD Wahlen gewinnen, Thüringen sucht noch immer nach einem Ausweg aus dem politischen Stellungskrieg und in Hanau ermordet ein Rassist neun Menschen, die er für Fremde hält.

"Anne Will" bindet alles notdürftig zusammen und schaut, was am Ende dabei rauskommt: Ein heftiger Rüffel des Schon-fast-Volkspartei-Chefs Robert Habeck an Norbert Röttgen, Möchte-Gern-Chef einer taumelnden Volkspartei - und der beeindruckende Auftritt eines Journalisten, der sich nicht mit Phrasen abspeisen lassen will.

Worum geht es bei "Anne Will"?

Noch bevor ein Gast den Mund aufgemacht hatte, musste man befürchten, dass die Redaktion selbst nicht so recht wusste, worüber sie an diesem Sonntagabend reden wollte, wie sonst sollte sie auf so eine kryptische Leitfrage kommen: "Wahlen in gefährdeten Zeiten – wie fest steht die Mitte?"

Um es mit Detektiv Sidney Wang aus dem Filmklassiker "Eine Leiche zum Dessert" zu sagen: Was sein Bedeutung von dies? Gefährdete Zeiten? Zeiten sind nicht gefährdet. Menschen sind es. Darüber hätte man ausführlich reden können. Nur so als Beispiel.

Wer sind die Gäste?

Norbert Röttgen: Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses Stattdessen positioniert sich im Kampf um den CDU-Parteivorsitz, mit Schlagwörtern wie "Aufbruch", "inhaltlich-strategische Neupositionierung", "ehrlich Defizite benennen", am Ende soll die CDU "die große Partei der Mitte" bleiben. Auf die Stimme von Philipp Amthor sollte Röttgen übrigens nicht zählen: Die Leitkultur-Debatte lehnt er ab.

Robert Habeck: Der Grünen-Chef sieht seine Partei auf dem richtigen Weg zur Mitte-Partei: "Wir sind schon lange keine Milieu- oder Nischenpartei mehr." Warum es dennoch in Hamburg nicht zum ersten Platz gereicht hat, erklärt Habeck mit einem eigenwilligen Fußball-Vergleich: "Die SPD hat in Hamburg so einen Status wie der FC Bayern." Kommt bestimmt gut an in der Hansestadt.

Franziska Giffey: Die Hamburger SPD steht für den Kurs der Mitte, den auch Franziska Giffey vertritt. So sehr sich Anne Will bemüht, in einen Angriff auf das linke Spitzenduo Esken/Walter-Borjans versteigt sich die Bundesfamilienministerin nicht. Nur so viel: "Wenn wir aus dem Ergebnis Lehren ziehen, können wir auch woanders erfolgreich sein."

Susanne Hennig-Wellsow: Die Thüringer Linkspartei-Vorsitzende sieht im Hamburger Ergebnis vor allem eine "Abstrafung" von CDU, FDP und AfD, die für die politische Krise in „Absurdistan“ (Hennig-Welsow über ihr Heimatland) verantwortlich seien. Sie ortet bei Norbert Röttgen einen Denkfehler: "Nicht die CDU bestimmt, wer die Mitte ist. Sondern die Mitte sucht sich ihre Parteien selber mit ihren Bedürfnissen."

Yassin Musharbash: Wie einfach es sein kann, schnell auf den Punkt zu kommen, wenn man nicht ständig um sich selbst kreisen muss, beweist der einzige Nicht-Politiker in der Runde: Der "Zeit"-Redakteur" erledigt die Causa Thüringen in einem Satz ("Wenn vier Regierungsbildungen scheitern, sind Neuwahlen das Mittel der Wahl.") und erklärt eindrücklich, aber einfach, warum so viele Menschen mit Migrationsgeschichte nach Hanau Angst haben: "Sie haben das Gefühl: Da sind Leute erschossen worden, weil sie heißen wie ich, weil sie aussehen wie ich, weil sie hingehen, wo ich hingehe."

Was ist das Rededuell des Abends?

Wer die CDU nach dem Wahldesaster in Erfurt beobachtet, hat ein bisschen das Gefühl, einem Kind zuzuschauen, das gerade absichtlich sein Brot auf den Boden gepfeffert hat und sich heulend und zeternd weigert, es wieder aufzuheben. Wie genau Norbert Röttgen die Situation lösen würde, ließ sich seinen ausschweifenden Ausführungen nicht entnehmen.

Klar ist: Keine CDU-Stimmen für Ramelow. "Sonst würden wir uns verraten." Mit einer Partei, die "Putin verteidigt, selbst wenn er Kriegsverbrechen begeht", gebe es für die CDU keine Zusammenarbeit.

Was Robert Habeck nun folgen lässt, würde man im Comedy-Bereich einen "Roast" nennen: "Das ist Ideologie, was sie hier machen", beginnt der Grünen-Chef, und erinnert Röttgen daran, dass Ramelow ein katholischer Gewerkschafter ist.

"Sie sagen links ist gleich rechts, und wo wir sind, ist die Mitte. Das ist die falsche Weltsicht." Die Mitte habe sich immer durch Pragmatismus ausgezeichnet, "aber was die CDU macht, ist nur noch bockig". Die CDU wolle ein Garant für Stabilität sein, dabei sei sie derzeit ein "Komplettausfall".

Was ist der Moment des Abends bei "Anne Will"?

Selten ist einem Talkshow-Gast so elegant der Kragen geplatzt wie Yassin Musharbash. "Es gibt eine andere Perspektive auf das, was sie hier die ganze Zeit diskutieren", sagt der Journalist zu Norbert Röttgen, der gerade zum x-ten Mal versucht, die Ablehnung von Höcke auf der einen und Ramelow auf der anderen Seite zu rechtfertigen.

"Es ist nämlich ein bisschen am Thema vorbei, wenn man zum Maßstab nimmt, was die Leute gerade umtreibt." In Zeiten wie diesen müsse man Prioritäten setzen, fügt Musharbash hinzu: "Wenn bei ihnen zuhause der Dachstuhl brennt, ist es vielleicht nicht der richtige Moment, zu gucken, ob ich noch Schimmelflecken hinter der Waschmaschine habe."

Weil Röttgen offenbar als einziger Mensch im Studio noch immer nicht versteht, worauf Musharbash hinaus will, erklärt er ungerührt noch einmal die Möglichkeit eines dritten Wahlgangs für Ramelow, bis Musharbash einsieht, dass er mit Subtilitäten an diesem Abend nicht weiterkommt: "Nur damit wir nicht aneinander vorbeireden: Ich habe versucht, von Thüringen wegzukommen, weil ich das Gefühl habe, dass Thüringen nicht das Thema des Tages ist."

Wie hat sich Anne Will geschlagen?

Die Anregung von Musharbash nimmt die Gastgeberin auf und leitet zum wichtigsten Thema des Abends über, das so immerhin noch einen Platz bekommt in der Diskussion, wenn auch nicht so viel, wie es verdient hätte: Welche Folgen muss der rassistische Terror von Hanau haben?

Leider verliert sich Will schnell im Klein-Klein: So wichtige Arbeit die Projekte des Programms "Demokratie leben!" im Einzelnen leisten, muss man wirklich mit der Bundesfamilienministerin über die Details der Finanzierung reden? Oder geht es nicht in diesen Tagen um ganz grundsätzliche Fragen?

Was ist das Ergebnis?

Ein paar ganz grundsätzliche Fakten kann "Anne Will" noch vermitteln: Zum Beispiel die unglaubliche Zahl von 200 Menschen, die seit 1990 Opfer rechtsradikaler Mörder wurden. Dass Innenminister Horst Seehofer nun die Gefahr von rechts als die größte in Deutschland anerkennt, freut Yassin Musharbash.

"Aber das allein ändert nichts, es kommt darauf an, dass man es nicht nur bei Worten belässt, wie nach dem NSU." Zu tun gebe es einiges – zum Beispiel die Zahl der rechtsradikalen Gefährder korrigieren, die erst bei 53 liege, weil die Landeskriminalämter zu wenige meldeten: "Jeder weiß, dass die Zahl ein Witz ist."

Wie weit muss der Staat nun aufrüsten gegen rechts? Fahndungsplakate, Rasterfahndung, Berufsverbote? So etwas scheint Robert Habeck vorzuschweben: "Ich erwarte mir die gleiche Härte wie gegen die RAF." Die "Selbstverständlichkeit muslimischen Lebens" solle zur Staatsräson werden.

Für Musharbash zählen aber nicht nur Taten, sondern auch Worte: Was im Parlament von der AfD gesagt wird, berühre Deutsche zwar auch, aber anders als Migranten. "Die begreifen es als Bedrohung, weil sie gemeint sind."

Daher rühre ein Gefühl der Unsicherheit. Das Hilfsmittel dagegen: Solidarität und eine Mitte, "die nicht bereit ist, das zuzulassen." Nur wer diese Mitte ist und was sie ausmacht, das ist an diesem Abend nicht klar geworden.

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