Eine Ministerpräsidentin nimmt die Bürger ins Gebet, ein Ministerpräsident die Gastgeberin: "Maybrit Illner" seziert die neuen Corona-Regeln. Und legt einige Nerven frei.

Eine Kritik
von Christian Bartlau

Mehr aktuelle Informationen zum Coronavirus finden Sie hier

Nein, es wird nicht einfacher. Nicht, dass die bisherigen acht Monate der Corona-Pandemie besonders übersichtlich verlaufen wären, aber mit den Infektionszahlen beschleunigt sich auch das Geschehen drumherum: Neue Rekorde, neue Regeln, neue Reibereien.

Ruhe hat auch das Treffen von Kanzlerin und Ministerpräsidenten nicht gebracht, eher noch mehr Fragezeichen, verteilt von Kanzleramtsminister Helge Braun: "Wir alle müssen im Grunde mehr machen und vorsichtiger sein als das, was die Ministerpräsidenten beschlossen haben."

In so einer verworrenen Lage liegen schon mal ein paar Nerven blank, wie Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow am Donnerstagabend bei "Maybrit Illner" unter Beweis stellte.

Maybritt Illner: Das ist das Thema

Das sollte doch allen derzeit geltenden Regeln entsprechen: Drei Gäste beherbergt Maybrit Illner in ihrem Studio in Berlin, drei Gäste schaltet sie zu, gemeinsam debattieren sie unter dem Motto: "Corona-Chaos – gerät die Pandemie außer Kontrolle?"

Das sind die Gäste

"Zu uns darf jeder kommen, dessen Amtsarzt ihm nicht verboten hat, die Wohnung zu verlassen", sagt Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linkspartei). Statt der Beherbergungsverbote wünscht er sich Entscheidungen der Amtsärzte in den jeweiligen Risikogebieten. Überhaupt sei Corona Lebensrisiko: "Andere Lebensrisiken akzeptieren wir. Nur bei Corona sind wir aus der Spur."

Seine Amtskollegin Manuela Schwesig (SPD) aus Mecklenburg-Vorpommern will an den Beherbergungsverboten festhalten, aber nicht den Eindruck aufkommen lassen, die Strände der Ostsee seien für Berliner Sperrgebiet. "Wir heißen alle willkommen, wir haben Standards für Tests." Ihr Ziel sei sicherer Tourismus. Sehr wohl aber plädiert Schwesig für eine Ausdifferenzierung bei der Bewertung: Neben "Risikogebieten" soll es auch "Hochrisikogebiete" geben.

Die Chefin des Marburger Bundes, Susanne Johna, hat ein Problem mit den verbindlichen Tests im innerdeutschen Tourismus: "Da werden Leute getestet, die keine Symptome haben, nur weil sie in den Urlaub wollen. Da verschwenden wir Tests, die wir woanders brauchen."

Es gehe nicht um die Reise, sondern um das Verhalten vor Ort, erklärt Jonas Schmidt-Chanasit. Die aktuellen Maßnahmen reichen dem Hamburger Virologen aus: "Aber sie müssen auch von der Bevölkerung umgesetzt werden."

Die Bereitschaft sei da, meint René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt. "Aber sie bröckelt, weil wir einen entscheidenden Fehler gemacht haben: Wir hätten die Maßnahmen im Vorfeld besser publik machen müssen."

Caroline von Kretschmann, Chefin des Hotels Europäischer Hof in Heidelberg, erzählt von der schwierigen Lage in ihrer Branche und ganz konkret in ihrem Haus – trotz des Gerichtsurteils in Baden-Württemberg, das das Beherbergungsverbot gekippt hat: "Die Stornos gehen weiter, das liegt an der großen Verunsicherung."

Das ist der Moment des Abends bei "Maybrit Illner"

Großer Aufwand, kleiner Ertrag, so lassen sich die letzten Monate für viele Tourismusbetriebe zusammenfassen. "Ein Drittel steht vor der Insolvenz"; schätzt Kretschmann, und zählt die Investitionen in ihrem Hotel auf: in Hygienekonzepte, Plexiglas, Luftreinigungsfilter. "Wir sind sichere Orte", sagt sie zum Beherbergungsverbot: "Da hätte ich mir mehr Augenmaß gewünscht."

Da stimmt auch der Virologe zu: Angesichts des Engagements der Branche sei Maßnahmen wie Sperrstunden "problematisch", meint Jonas Schmidt-Chanasit. "Das sind Menschen, die in den letzten Monaten dafür gesorgt haben, dass keine Infektionen entstehen." Das könne zu einer Spaltung führen – oder dazu, dass Regeln nicht befolgt werden. Sein Rezept: Auf der einen Seite einfache Maßnahmen, auf der anderen Seite Konzepte, damit Veranstaltungen stattfinden können - "damit man ein Ventil schafft".

Das ist das Rede-Duell des Abends

In der schönen neuen Diskurswelt ist das Strohmann-Argument ein sehr beliebtes Werkzeug: Man unterstellt der Gegenseite Positionen, die sie überhaupt nicht vertritt, oder erfindet seine Gegner gleich komplett selbst.

Wie das ungefähr funktioniert, demonstriert Bodo Ramelow an diesem Abend an Maybrit Illner, die in ihrem eigenen Studio als eine Art Strohmann bzw. Strohfrau herhalten muss. Eigentlich liefern sich die Gastgeberin und Thüringens Ministerpräsident nur ein harmloses Scharmützel – Ramelow würde gern einmal über die "Meilenstein" reden, die zwischen Ministerpräsidenten und Kanzlerin beschlossen werden, Illner versucht mittels scharfer Zwischenbemerkungen ("Das haben wir hier schon behandelt", "Das schaffen wir also, okay") wieder zu Wort zu kommen.

Doch plötzlich nimmt Ramelow eine unerwartete Abfahrt: "Es geht darum, wie stärken wir den öffentlichen Gesundheitsdienst – und wie schaffen wir es, dass auch der Journalismus sich darauf konzentriert, dass wir nicht 16 Dödel sind, die alle nur durcheinander reden, sondern 16 Leute, die acht Stunden hart gearbeitet haben." Aber das stelle doch hier niemand in Frage, entgegnet Illner. Nicht hier, das will Ramelow nicht behaupten, bleibt aber dabei: "Was ich heute alles gelesen und gehört habe ..." Angestaute Wut auf die Medien, an der falschen Stelle ausgelassen?

So hat sich Maybrit Illner geschlagen

Vielleicht hat Ramelow sich auch gepiekst gefühlt von Illners Lust an der Zuspitzung: "Wer soll sich da nicht veräppelt fühlen", fragte sie Ramelow wegen der Vertagung der Ministerpräsidenten-Runde auf einen Termin nach den Herbstferien. Belustigt hakt sie nach, als er die Hilfe der Sicherheitsbehörden begrüßt: "Da sagt der linke Politiker: Her mit der Bundeswehr?" Oder, an Jonas Schmidt-Chanasit gerichtet: "Wie logisch ist es, dass Leute nach Sizilien und Kreta fahren dürfen, aber nicht nach Schwerin oder Rügen?"

An den Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Civey kann jeder teilnehmen. In das Ergebnis fließen jedoch nur die Antworten registrierter und verifizierter Nutzer ein. Diese müssen persönliche Daten wie Alter, Wohnort und Geschlecht angeben. Civey nutzt diese Angaben, um eine Stimme gemäß dem Vorkommen der sozioökonomischen Faktoren in der Gesamtbevölkerung zu gewichten. Umfragen des Unternehmens sind deshalb repräsentativ. Mehr Informationen zur Methode finden Sie hier, mehr zum Datenschutz hier.

Das ist das Ergebnis

Es ist nicht zu spät. Meint zumindest Virologe Schmidt-Chanasit. Die 19.200 Neuinfektionen pro Tag zu Weihnachten, die Angela Merkel zwar theoretisch, aber trotzdem ins Gespräch gebracht hat, sie sind nicht gesetzt. "Mit solchen Berechnungen wäre ich immer vorsichtig", sagt Schmidt-Chanasit, zu viele Faktoren fließen mit ein, nicht nur die Maßnahmen der Politik, sondern auch auf die Bürgerinnen und Bürger.

Wie sich die Menschen verhalten sollen, darüber ist sich die Runde im Wesentlichen einig: Abstand, Maske, Umsicht – und an die Älteren, Schwächeren denken. Manuela Schwesig bricht es auf das Prinzip Solidarität herunter: "Ist es wirklich so schlimm, in bestimmten Bereichen Maske zu tragen, auf Abstand zu achten, mal auf Saufgelage zu verzichten?"

Über den richtigen politischen Rahmen herrscht allerdings nach wie vor massiver Gesprächsbedarf. Virologe Jonas Schmidt-Chanasit sieht die "Verhältnismäßigkeit" verloren gegangen, wenn Restaurants und Hotels schließen müssen, auch wenn es kaum Infektionen gibt. Frankfurts Gesundheitsamtschef Gottschalk verlangt gleich eine völlig andere Strategie gegen das Virus, das etwa für junge Leute eher ungefährlich sei. "Ob generelle Alkoholverbote oder Ausgangssperren da verhältnismäßig sind, wage ich zu bezweifeln."

Und Bodo Ramelow? Der hat "keine Lust den Leuten ständig Angst zu machen." Er wolle einfach nur einen "einheitlichen Instrumentenkasten" für alle Gesundheitsämter, deren Empfehlungen und Maßnahmen überall in Deutschland nach den selben Kriterien gelten sollen. "Wenn wir das hätten, hätten wir auch ein höheres Maß an Gelassenheit." Vielleicht müsste sich Ramelow dann nicht mal mehr über die Medien ärgern.

Bildergalerie starten

Aktuelle Karikaturen

Nachrichten aus der Politik sind langweilig und dröge? Unsere aktuellen Karikaturen beweisen das Gegenteil - jeden Tag aufs Neue.