Die App ist tot, es lebe der Schnelltest – so oder so ähnlich könnte das Motto im Kampf gegen die zweite Corona-Welle lauten. Maybrit Illner testet mit ihren Gästen neue Werkzeuge, mit zwiespältigem Ergebnis.

Eine Kritik
von Christian Bartlau

Was wirkt wirklich im Kampf gegen die zweite Welle? Die Corona-App, vor 100 Tagen als Hoffnungsträger gestartet, bekommt zwar Lob von Gesundheitsminister Jens Spahn, aber einfach nicht genügend Nutzer zusammen.

Einschränkungen und Verbote wie in München sind umstritten wie unbeliebt. Und die Teststrategie hakt noch immer an der zu langen Dauer zwischen Test und Ergebnis.

Maybrit Illner diskutiert an diesem Donnerstagabend mit ihren Gästen über die Corona-Lage in Deutschland und zahlreiche neue Werkzeuge gegen Covid-19 – und landet am Ende sogar bei Heizpilzen.

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Das ist das Thema

Banaler Vorgang, große Wirkung: Es wird kälter, die Grippesaison rollt an, "keine schönen Aussichten", sagt Maybrit Illner und fragt ihre Runde: "Der Sommer geht, Corona bleibt – wird der Herbst zum Risiko?"

Das sind die Gäste bei Maybrit Illner

Angesichts steigender Fallzahlen und sinkender Temperaturen sieht Infektionsforscher Michael Meyer-Hermann "jetzt wirklich den falschen Moment", um über Lockerungen nachzudenken. Die Situation könne man kaum als stabil bezeichnen, wenn die Infektionen im Vergleich zum Juni um den Faktor 8 angewachsen sind. "Wir sollten die Zahlen unten halten, um eine Chance zu haben, über den Winter zu kommen."

Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), sieht die Diskussion um Lockerungen aus einem anderen Grund kritisch: "Wir reden hier über Krankheiten und Risikogruppen. (…) Wir dürfen uns nicht nur mit dem Vergnügen beschäftigen."

In der Partyhauptstadt Berlin hat der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) ein Ampel-System installiert, das er auch als Modell für den Bund empfiehlt. Ob sich sein Vorschlag schon am Dienstag bei der Telefonkonferenz der Länder mit Kanzlerin Angela Merkel durchsetzt, wollte Müller nicht voraussagen, aber: "Der Problemdruck müsste allen klar sein, wir müssen uns schon eine gemeinsame Strategie verabreden."

Ulrike Protzer, Professorin für Virologie an der TU München, hält das Ampelsystem für sinnvoll, weil es "Entscheidungen nachvollziehbar" mache. Das sei wichtig, um die Menschen von den Covid-19-Maßnahmen zu überzeugen. "Jeder Erfolg, den wir hatten, sind die Menschen."

In der Praxis sei es "gar nicht so einfach", sich als Patient zu beteiligen, selbst wenn man es wolle, schildert Sibylle Katzenstein. Die Allgemeinmedizinerin betreibt eine Covid-19-Schwerpunktpraxis, vor der die Leute "200 Meter Schlange stehen", um ohne Termin getestet zu werden. "Warum wird es den Menschen so schwer gemacht, an einen Test zu kommen?"

Der neue FDP-Generalsekretär Volker Wissing macht ein Versagen der Politik aus: "Wir haben zu wenig Debatten geführt und zu viele Menschen nicht mitgenommen." Der Liberale verlangt, die "massiven Grundrechtseingriffe" auf den Prüfstein zu stellen. "Die AHA-Regeln müssen beachtet werden. Aber wir können nicht hergehen und Hochzeiten verbieten, wir müssen abwägen."

Das ist der Moment des Abends

Der Mensch an sich ist manchmal eine reine Zumutung, ein wandelnder Unsicherheitsfaktor, auch und gerade in der Pandemie, siehe Corona-App: Die Technik ist bereit, aber die Menschen wollen oder können sie einfach nicht nutzen.

Eine kluge Frage also, die Maybrit Illner an den Physiker Michael Meyer-Hermann richtet: Nie und nimmer werden sich 100 Prozent der Menschen an alle Regeln und Empfehlungen halten - aber wie viel Prozent sind genug?

"Sie sprechen mir geradezu aus der Seele mit der Frage", entgegnet Meyer-Hermann, und gibt eine Antwort, die aus dem Munde eines Wissenschaftlers vielleicht überrascht: "Wir brauchen kein perfektes System, um diese Pandemie zu beherrschen. Wir werden damit leben müssen, dass es Demonstrationen gibt oder Leute, die ungehemmt feiern und neue Herde erzeugen. Wir müssen die Maßnahmen so organisieren, dass wir das tolerieren können."

Deswegen seien Fehler in seine Rechenmodelle eingebaut, "und die möchte ich nicht eliminieren, weil ich eine lebendige Gesellschaft abbilden will."

Das ist das Rede-Duell des Abends

Kein Gegner weit und breit: Motiviert wie ein Boxer auf Riechsalz schlägt FDP-Mann Volker Wissing an diesem Abend einen Schwinger nach dem anderen in die Runde – nur findet er partout niemanden, der sich dem Kampf stellen will.

Die Differenzierung der Maßnahmen nach Region, die Wissing fordert? Schon lange durch die Bundesländer umgesetzt, sagt Berlins Bürgermeister Müller achselzuckend. "Aber nur gegen den Widerstand der Bundesregierung", entgegnet Wissing, der allerdings keinen Groko-SPDler vor sich hat, was Müller ihm sofort lächelnd unter die Nase reibt: "Sie sprechen mit einem Ministerpräsidenten."

Der nächste Phantomgegner: Bundesländer, die "die Zügel anziehen wollen". Wissing "mag schon die Sprache nicht" - "die haben wir aber hier noch nicht benutzt", wirft Maischberger ein.

Aber Markus Söder, beharrt Wissing, und kommt vom bayrischen Ministerpräsidenten auf Angela Merkels Kritik an "Öffnungsdiskussionsorgien" - die ist nicht nur noch älter als die Corona-App, sondern auch noch irrelevanter für die Diskussion an diesem Abend. Aber womöglich will Wissing auch nur eine Botschaft an all jene loswerden, die sich "nicht mitgenommen" fühlen in der Coronakrise: Die FDP ist für euch da.

So hat sich Maybrit Illner geschlagen

Illner scheint Wissings allzu offensichtliches Balzen um die Corona-Opposition sehr schnell durchschaut zu haben, immer wieder vollendet sie seine Sätze oder schneidet ihm das Wort ab ("Das haben Sie jetzt schon dreimal betont."). Überhaupt drückt sie auf's Tempo, als ob sie dem ewigen Corona-Thema in möglichst vielen Einzelaspekten noch ein paar Aha-Momente abringen will.

Das ist das Ergebnis

Das gelingt am Ehestens dort, wo die Praktiker in der Runde gefragt sind. Allgemeinärztin Sibylle Katzenstein verkündet so nebenbei, dass die Schnelltests, die Maischberger noch als Zukunftsmusik ankündigt, schon bestellbar sind – und plädiert für die massenweise Verbreitung. "Wenn einer krank ist, soll er nicht mit der U-Bahn fahren, der Test muss zum Patienten und nicht andersrum."

In 15 Minuten soll das Ergebnis dann feststehen – im Prinzip gar nicht mal so viel schneller als der derzeit übliche PCR-Test, erklärt Virologin Protzer. Die Prozedur sei allerdings insgesamt langwierig, weil Patienten keinen Termin bekommen, und wegen des Transports ins Labor. Eine signifikante Beschleunigung wird also erst mit Selbsttests erreicht.

Bis dahin sollten Verdachtsfälle gesondert zum Arzt gehen, regt Ute Teichert an – entweder in Fieberambulanzen oder Schwerpunktpraxen wie die von Sibylle Katzenstein. Die Ärztin lässt potenziell Infizierte gar nicht erst in die Praxis, sie müssen draußen stehen bleiben, was in der bald einsetzenden Kälte unangenehm wird. Eine Lösung: Heizpilze. "Kann ich die aufstellen?", will die Berlinerin Katzenstein von ihrem Bürgermeister Müller wissen. "Wir haben das mit der Gastronomie verabredet, also wird das für Sie auch möglich sein."

Könnte nicht alles so einfach sein? Nein, nicht in der Corona-Pandemie. Auch Tests, sagt Virologin Protzer, seien kein Allheilmittel: "Man kann dieses Virus nicht einfach wegtesten. (…) Wir sind gefangen im Gedanken, dass wir die Pandemie komplett in den Griff kriegen. Das wird nicht funktionieren."

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