• Inflation, hohe Energiekosten, der Krieg in der Ukraine: In der zweiten Folge von "Die ProSieben Politik Show" trifft die Politiker der geballte Volkszorn.
  • Der ist meist genauso populistisch wie die Antworten. Und das Publikum beschwert sich über die Auswahl eines Gastes.
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Datum: Thu Jul 23 00:00:00 CEST 2020
Eine Kritik
Diese Kritik stellt die Sicht von Felix Reek dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Nach einem behäbigen Start in der letzten Woche und ebensolchen Quoten will es "Die ProSieben Politik Show" in der zweiten Ausgabe am Montagabend wissen. Zwar fehlen noch immer die großen Namen aus der Bundesregierung, doch die, die sich diesmal in das Plenum wagen, bekommen gleich einen Rundumschlag an unbequemen Themen serviert: der Krieg in der Ukraine, gestiegene Gaspreise, hohe Stromrechnungen, Armut in Deutschland, Pflegenotstand und zum Abschluss auch noch der Kampf für mehr Freiheit im Iran.

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Ganz schön viel? Auf jeden Fall. Differenziert? Nur bedingt. Dafür kommen Lars Klingbeil (SPD), Christian Dürr (FDP), Jamila Schäfer (Bündnis 90/Die Grünen) und Janine Wissler (Die Linke) allerdings immer wieder ziemlich ins Schwitzen. Das liegt vor allem am Konzept von "Die ProSieben Politik Show", das die Gäste nicht immer die gleichen antrainierten Redeschleifen Zwiegespräch mit anderen Volksvertretern abspulen lässt, sondern ihnen Bürgerinnen und Bürger vor die Nase setzt, die weniger geschliffen argumentieren.

Betroffenes Schweigen bei den Politikern

Zunächst erzählt eine aus der Ukraine geflohene Journalistin von den Luftangriffen und den Gräueltaten, die ihr immer wieder berichtet werden. Sie fordert mehr schwere Waffen für ihr Land. Die versammelte Politikerrunde reagiert mit betroffenen Schweigen. Dann stellen sich alle auf ihre Seite, wollen die geforderten Panzer aber nur im Verbund mit den Partnern von der Nato liefern. Die Position ist bekannt, interessant wird es bei Janine Wissler, der Vorsitzenden der Linken, die bekanntlich in dieser Frage anderer Ansicht sind.

Zunächst sorgt sie für Entschärfung und spricht von einem "verbrecherischen Angriffskrieg". Waffenlieferungen wird es mit den Linken nicht geben. "Wir sind aber der Meinung, dass wir diplomatische Lösungen liefern müssen", sagt sie. Beifall aus dem Publikum. Für den anwesenden Gast aus der Ukraine ist das nur schwer zu ertragen, doch die eine für die Sendung erstellte Umfrage gibt Wissler zumindest teilweise recht: 44 Prozent der deutschen Bevölkerung wollen ebenfalls keine schweren Waffen liefern.

"Eine ganz große Enttäuschung"

Einer der Gründe dafür dürfte neben der Angst vor einer Ausweitung des Konflikts der kommende Winter und die Energiekrise sein. Das Stichwort für Amelle Valdivieso, die mit ihrem TikTok-Video zu diesem Thema einen viralen Hit landete. In dem Clip berichtet sie von ihrem Entsetzen, als sie erfuhr, dass der Gasabschlag ihrer Eltern nun 500 Euro teurer ist als zuvor. Dem Vier-Personen-Haushalt bleiben nach Abzug aller fixen Kosten nur noch 60 Euro im Monat übrig. Der von Bundeskanzler Olaf Scholz angekündigte "Doppelwumms war doch kein Doppelwumms, sondern nur eine ganz große Enttäuschung", fasst es ihre Mutter Manuela zusammen. Dazu johlt das Publikum zustimmend.

Lars Klingbeil von der SPD setzt ein verständnisvolles: "Ich nehme das total ernst" ab, doch während er von der Strompreisbremse redet, fällt ihm Manuela Valdivieso ins Wort und fragt: "Warum dauert das alles so lange?" und knallt ihm auch noch den fast 800 Millionen Euro teuren Umbau des Kanzleramtes vor die Füße. Das eine hat zwar mit dem anderen nichts zu tun, das Publikum johlt trotzdem. Da hat sich offenbar jemand für "Die ProSieben Politik Show" vorbereitet.

Zuschauer beschweren sich in sozialen Medien

Ganz im Gegensatz zum Sender selbst. Schon während der Sendung beschweren sich einige Zuschauer in den sozialen Medien, dass die Valdiviesos als Eigenheim-Besitzer auf ziemlich hohem Niveau jammern - in der Ukraine würden schließlich Menschen sterben. Ein kurzer Blick auf den TikTok-Kanal von Tochter Amelle zeigt zudem, wie die Influencerin in etlichen Videos mit ihrem Einkommen angibt und vor ihrem gesponserten Auto tanzt. Nicht gerade die beste Wahl als Beispiel für den gebeutelten Mittelstand.

"Die Bundesregierung ist zu langsam"

Fehlen noch die in der Politik der letzten Wochen immer wieder erwähnten mittelständischen Unternehmen. Stephan und Andre Lampe besitzen eine Bäckereikette mit 60 Filialen, stehen wegen des Anstieges des Strompreises mit dem Rücken zur Wand. Entsprechend hoch ist der Leidensdruck und der Hang zum Populismus: "Keiner möchte das, was da (in der Ukraine) passiert. Aber was in unserem Land passiert auch nicht", verallgemeinert Andre Lampe. "Die Bundesregierung ist zu langsam", setzt er hinterher. "Es kommt halt einfach nichts." Das Publikum grölt, Lars Klingbeil verspricht die Strompreisbremse noch in diesem Jahr. Für den Bäcker nicht schnell genug. Sein Termin mit der Bank ist bereits am Tag nach der Sendung. Was selbst für den schnellsten Politiker zu rasch sein dürfte.

Und als wären das nicht schon genug Themen für eine zweistündige Sendung mit unzähligen Werbeblöcken, will "Die ProSieben Politik Show" auch noch über Armut sprechen. Susanne Hansen, die auf Twitter unter #IchbinArmutsbetroffen aus ihrem Leben berichtet, ist zu Gast. Sie und ihre Begleiterin nehmen die geplanten Verbesserungen durch das Bürgergeld auseinander. "Die 50 Euro, das ist nichts." Sie bräuchte 150 bis 200 Euro mehr. Lars Klingbeil ist zumindest ehrlich und gibt zu, dass es in der Regierungskoalition schon schwierig war, diese 50 Euro durchzusetzen. "Ich würde ihnen gerne sagen, ich packe noch 100 Euro drauf", sagt er. "Aber es wäre unredlich."

Eine perfekte Steilvorlage für Janine Wissler von Die Linke: "Wir leben in einem reichen Land und niemand sollte in Armut leben", fordert sie. Womit sie sicher recht hat. Dumm nur, dass sich ihre Partei lieber selbst zerlegt, anstatt dieses Thema in den öffentlichen Diskurs zu tragen.

Fünf Minuten für die Pflege, drei für den Iran

Was sicher auch für die Angestellten in der Pflege gilt, die "Die ProSieben Politik Show" auch noch versucht in kläglichen fünf Sendeminuten unterzubringen. Nach Klatschen, versprochenen Gehaltserhöhungen und Bonuszahlungen, die nur teilweise ankamen, hat sich wenig am allgemeinen Zustand ändern. Daran können die beiden Pfleger, die zu Gast sind, wenig ändern. Zu routiniert reagieren die Politiker mit Verständnis, ohne konkretes Handeln anzubieten. Dazu müsste man schließlich das Gesundheitssystem reformieren. Doch Karl Lauterbach ist nicht da, er muss wieder einmal vor dem nächsten Corona-Herbst warnen.

Erschöpft ließe es sich nach diesem Dauerfeuer an schweren Themen endlich zu Bett gehen, doch ProSieben hat noch ein weiteres parat: die Freiheits-Demonstrationen im Iran, die Auswirkungen auf den ganzen Nahen Osten haben könnten. Der Sender räumt diesem Thema ganze drei Minuten ein.

Stand-up-Comedian Negah Amiri, die mit elf Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland floh, richtet einen eindringlichen Appell an die Poltiker. "Diese Menschen reden nicht, sie handeln." "Wann werden Sie endlich handeln?", fragt sie die Politiker. Eine konkrete Antwort bekommt sie nicht. "Die ProSieben Politik Show" ist bereits vorbei. Mehr gibt es in der nächsten Ausgabe, hoffentlich mit weitaus weniger Themen. Diskussionsbedarf gibt es in diesen Zeiten schließlich genug.

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