• Charles Leclerc könnte 2022 endlich mal wieder den Fahrertitel für Ferrari gewinnen.
  • Der Monegasse ist die große Hoffnung der Roten und im Moment der Herausforderer von Champion Max Verstappen.
  • Geprägt wurde Leclerc durch zwei Schicksalsschläge, von Sebastian Vettel hat er eine Menge gelernt.

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Die Durststrecke ist lang. Immerhin hat es Felipe Massa versucht. Fernando Alonso ebenfalls. Klar: Sebastian Vettel auch. Und Kimi Räikkönen natürlich. Der Finne gewann 2007 letztmals den Fahrertitel für Ferrari, scheiterte aber wie Vettel und Co. anschließend an der Aufgabe, die WM-Krone nochmal nach Maranello zu holen.

Die große Hoffnung der Tifosi heißt nun Charles Leclerc, der Ferrari-Kronprinz scheint 2022 bereit für den großen Wurf, um die Sehnsucht der Roten zu stillen. "Ich denke, das ist er", sagte Teamchef Mattia Binotto auf die entsprechende Frage. "Wir wissen, zu was er in der Lage ist. Er demonstriert, dass er in der Lage ist, um die Meisterschaft zu kämpfen", sagte Binotto: "Er ist ein sehr guter Racer."

Charles Leclerc machte bei Ferrari schon Vettel das Leben schwer

Das wissen sie bei Ferrari freilich schon länger. Seit 2016 ist er im Nachwuchskader, nach seinem Titel in der Formel 2 ein Jahr später schaffte er 2018 bei Sauber den Sprung in die Formel 1. Wiederum nur ein Jahr später heuerte er bei Ferrari an, als Teamkollege von Sebastian Vettel.

Und machte dem Deutschen von Anfang an das Leben schwer, überraschte den viermaligen Weltmeister mit seinem rohen Speed und seiner Zielstrebigkeit – nicht nur einmal gerieten beide auf der Strecke und auch verbal aneinander. Der junge Wilde mischte die Hackordnung bei Ferrari mächtig auf. Keine Frage: Für ihn war das Duell mit dem viermaligen Weltmeister eine gute Schule, für Vettel der Anfang vom Ende bei Ferrari.

Vettels Bescheidenheit hat Leclerc beeindruckt

2019 ließ Leclerc als Gesamtvierter Vettel hinter sich, der nur Fünfter wurde. Dabei fuhr er als Ferrari-Neuling zwei Siege und acht weitere Podiumsplätze ein. Es war das Jahr, in dem man bei Ferrari endgültig merkte, wozu das Juwel in der Lage ist – Leclercs Vertrag wurde damals vorzeitig bis 2024 verlängert. 2020, im Seuchenjahr der Roten und in einem unterlegenen Auto, holte er dreimal so viele Punkte wie Vettel, er hatte den Deutschen da intern schon längst als Nummer eins abgelöst.

Das Verhältnis zwischen den beiden war unter dem Strich besser, als es in der Verbissenheit des Formel-1-Alltags den Anschein hatte. Heute spricht Leclerc in den höchsten Tönen von Vettel, verriet bei motorsport.com, dass Vettel in manchen Situationen "großartige analytische Fähigkeiten" hatte: "In dieser Hinsicht habe ich eine Menge von Seb gelernt".

Vettel habe viel Wert auf kleine Details gelegt, "und das hat am Ende auf der Strecke einen großen Unterschied gemacht. Für mich war es sehr interessant, das zu beobachten". Außerdem sei Vettel "eine sehr gute Person", so Leclerc: "Seine Bescheidenheit hat mich beeindruckt."

Zwei Schicksalsschläge haben ihn geprägt

Wenn man wissen möchte, wer Leclerc sonst maßgeblich geprägt hat, wird man schnell fündig. Denn als sein Wechsel zu Ferrari im September 2018 offiziell wurde, bedankte er sich bei zwei sehr wichtigen Menschen. Leider nur via Twitter, denn sein Kumpel Jules Bianchi und sein Vater Hervé sind tot. Die Schicksalsschläge haben dafür gesorgt, dass Leclerc früh erwachsen wurde. Beide haben ihn unterstützt, geliebt, beschützt, mit ihm gelacht, geweint, an ihn geglaubt. Sie haben die Karriere von Charles Leclerc beeinflusst, gelenkt, und auch gerettet.

Der acht Jahre ältere Bianchi war nicht nur Leclercs Patenonkel, sondern auch sein Mentor. Er hatte 2010 geholfen, Leclercs Karriere zu retten, nachdem die Geldgeber ausgegangen waren. Bianchi sprach mit Nicolas Todt, Sohn von FIA-Präsident Jean Todt und Manager zahlreicher Fahrer. Todt nahm Leclerc unter seine Fittiche.

Der Monegasse konnte sich so darauf konzentrieren, was er am besten konnte: Gas geben. Im wahrsten Sinne des Wortes nahm die Karriere Fahrt auf. 2013 wurde er hinter Max Verstappen Zweiter in der Kart-WM, danach wechselte er in den Formelsport. 2014 wurde er Zweiter in der Formel Renault, danach Vierter in der Formel 3. Es folgte der große Durchbruch: 2016 der Titel in der GP3, Verpflichtung als Ferrari-Junior, 2017 der Sieg in der Formel 2 und 2018 der Aufstieg in die Königsklasse. Auf der Überholspur. Immer Vollgas. Immer fokussiert. Was nicht selbstverständlich ist.

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Leclerc: "Widme ihnen jedes Rennen und jeden Sieg"

Denn 2015 verstarb sein Kumpel Bianchi, rund ein Jahr nach einem schweren Unfall beim Formel-1-Rennen in Japan. Er war danach ins Koma gefallen und nicht mehr aufgewacht. Eine bewegende Ironie des Schicksals: Der damalige Marussia-Fahrer Bianchi war ebenfalls eine große Ferrari-Hoffnung. Leclerc ist in gewisser Weise in die Fußstapfen seines Freundes getreten.

Leclercs Vater Hervé verstarb zwei Jahre später, mit nur 54 Jahren. Er war nicht nur Vater, sondern auch Förderer, Manager. Selbst ehemaliger Rennfahrer in den 80er Jahren, hatte er seinem Filius das Talent nicht nur in die Wiege gelegt, sondern unterstützte seinen Sohn in jungen Jahren bei den ersten Schritten im Motorsport. Wenige Tage nach dem Tod seines Vaters raste Leclerc in der Formel 2 in Baku in den beiden Rennen zum Sieg und zu Platz zwei. "Für ihn Rennen zu fahren, hat mir die Kraft gegeben, die ich gebraucht habe. Ich verdanke meinem Vater und Jules sehr viel – ich widme ihnen jedes Rennen und jeden Sieg", sagte er damals.

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Endlich das Auto für den Formel-1-Titel?

Leclerc blickt seitdem mit anderen Augen auf den Motorsport. Er weiß, dass es wichtigere Dinge gibt. Was den Druck vom Kessel nimmt, die Sinne schärft, viele Dinge ein bisschen einfacher, weniger verbissen macht. Was nicht bedeutet, dass er nicht weniger ehrgeizig ist.

Sein ehemaliger Sauber-Teamchef Frederic Vasseur bestätigte, dass Leclerc typische Weltmeister-Qualitäten aufweist: Neben Ehrgeiz und Schnelligkeit auch unerschütterliches Selbstvertrauen, gepaart mit der wichtigen Fähigkeit zur Selbstkritik. Deshalb weiß der 24-Jährige, dass er nach der teaminternen Niederlage in der vergangenen Saison gegen Vettel-Nachfolger Carlos Sainz nachlegen muss. Der Kronprinz muss sich beweisen.

Leclercs Ehrgeiz und Antrieb bekam Vettel zwei Jahre lang zu spüren, in der aktuellen Saison nun Weltmeister Max Verstappen, mit dem er sich in beiden Rennen atemberaubende Zweikämpfe geliefert hat. Leclerc und Ferrari haben daneben gezeigt, dass sie das Auto haben, um Red Bull Racing herauszufordern. "Ich bin natürlich ziemlich glücklich mit diesem Saisonstart", sagt der aktuell Gesamtführende Leclerc und kündigt an, dass "definitiv noch mehr kommen" werde, er wisse genau, "woran ich noch arbeiten und was ich verbessern muss, um mehr Performance zu finden".

Ob das reichen wird? "Keine Ahnung", so Leclerc, der aber auch weiß: "Die Entwicklung wird der Schlüssel sein. Und wir als Fahrer müssen dem Team bestmöglich helfen, um so konkurrenzfähig zu bleiben." Und um die Ferrari-Durststrecke endlich zu beenden.

Verwendete Quellen:

  • Motorsport.com: Charles Leclerc: Darum lief 2020 für ihn besser als für Sebastian Vettel
  • Pressekonferenzen, TV-Übertragung
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