Erstaunlich oft greifen Topklubs im Fußball zu Trainerwechseln. Manch ein Posten kommt sogar einem Schleudersitz gleich. Doch wie lässt sich das erklären?

Eine Analyse
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Manuel Behlert sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informieren Sie sich über die verschiedenen journalistischen Textarten.

Große Teams haben große Ziele, das dürfte niemanden überraschen. Wenn die Gefahr besteht, dass diese Ziele deutlich verfehlt werden, dann handeln diese Klubs oft und entlassen den aktuellen Trainer, um eine Trendwende einzuleiten. Teilweise geschieht das, wie im Beispiel des FC Bayern rund um die Entlassung von Julian Nagelsmann, sogar dann, wenn sich Probleme nur andeuten. Dieses Beispiel könnte anderen Klubs eine Lehre sein, denn seit der Trennung wurde es nicht besser, sondern schlechter.

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Es lassen sich auch andere prominente Beispiele für Trainerentlassungen bei großen Klubs finden, darunter der FC Chelsea. Die Blues trennten sich in dieser Saison schon von Thomas Tuchel und Graham Potter. Antonio Conte wurde bei Tottenham entlassen, Christophe Galtier wackelt seit Wochen bei PSG und wird wohl im Sommer seinen Hut nehmen müssen.

Sevilla, Ajax Amsterdam, Bayer Leverkusen: All diese Teams spielen oder spielten europäisch, alle haben im Laufe der Saison einen Trainerwechsel vorgenommen. Dabei könnte diese enorme Fluktuation auf der Trainerposition negative Auswirkungen haben.

Trainerentlassungen bei Topklubs: Ein problematischer Kreislauf

Zwei Grundprobleme treten rund um Trainerentlassungen auf. Einerseits wird der Übungsleiter oftmals entlassen, obwohl er nicht der Hauptschuldige ist. Durch Entlassungen werden nicht selten die Fehler anderer Verantwortlicher kaschiert, die beispielsweise für die Kaderplanung oder die grundsätzliche Strategie im Klub zuständig sind. Ein zweiter Punkt ist, dass keine Kontinuität zugelassen wird, manche Trainer überhaupt nicht die Chance haben, "ihren" Fußball vollumfänglich zu implementieren.

Das sieht auch Daniel Niedzkowski, früher Co-Trainer bei Bayer Leverkusen und heute Leiter des Fußballlehrer-Lehrgangs beim DFB, auf Anfrage so: "Natürlich sind viele und schnelle Wechsel auf der Trainerposition aber sowohl für Trainer als auch für Vereine hochproblematisch. Es ist doch klar, dass man, wenn man häufig einen neuen Trainer suchen muss, auch häufig auf Lösungen zurückgreifen muss, die gerade verfügbar sind, aber nicht wirklich zu Verein und Mannschaft passen. Und weil es nicht passt, muss man dann eben oft relativ schnell wieder neu suchen."

Bei fast jeder sportlichen Krise entsteht eine Trainerdiskussion, bei Topklubs sogar häufiger. Dabei wäre es wichtig, auch gemeinsam während Krisenzeiten am Projekt zu feilen. "Alle wünschen sich ja eine klare Spielvision, eine Identität von Mannschaft und Verein, die im Laufe der Zeit immer weiter optimiert und an die der Kader angepasst wird. Das ist mit häufig wechselnden Trainern kaum möglich, sondern kann nur dann entstehen, wenn die handelnden Personen im sportlichen Bereich langfristig konstruktiv an dieser Entwicklung arbeiten können", teilte Niedzkowski mit.

Investoren als Teil der problematischen Maschinerie

Dass der Trainerstuhl bei großen Klubs nicht selten einem Schleudersitz gleicht, lässt sich indes auch belegen. PSG hatte seit 2018 vier Trainer, der FC Bayern in der gleichen Zeit fünf. Chelsea kommt gar auf sieben, die kurze Interimszeit von Bruno Saltor mit eingerechnet. Bei Tottenham standen, ebenfalls mit Interimslösungen, auch sieben Trainer seit 2018 an der Seitenlinie. Juventus versuchte es in den letzten Jahren auch oft mit neuem Personal, so arbeiteten sich dort Conte, Sarri, Pirlo und zweimal Allegri ab, um den Verantwortlichen den Traum vom Gewinn der Champions League zu erfüllen.

Hier taucht das nächste Problem auf. Viele Klubs sind in der Hand von Investoren. Die Eigentümer sind dabei nicht daran interessiert, die internen Abläufe im Nuancenbereich zu verbessern oder eine langfristige Strategie zu entwickeln, sondern eher Titel zu gewinnen. Prestige ist im Profifußball für viele eben alles. Gelingt es nicht, die Ziele zu erreichen, fließt Geld in die Mannschaft und in einen neuen Trainer und wenn das nicht funktioniert, wird eben wieder ausgetauscht. Da manche Investoren über nahezu unerschöpfliche Mittel verfügen, kann dieser Prozess auch mehrfach wiederholt werden.

Atletico, Manchester City und Co.: Die Gegenbeispiele

Es finden sich aber auch Gegenentwürfe zu diesen Klubs und diesem Vorgehen. Atletico Madrid und Diego Simeone arbeiten zum Beispiel seit Jahren erfolgreich auf hohem Niveau zusammen. Dabei gab es Titel zu feiern, aber auch Rückschläge, die gemeinsam durchgestanden wurden, weil er den Atletico-Weg verkörpert. Auch Jürgen Klopp, der beim FC Liverpool eine sukzessive Entwicklung vorangetrieben und das Team über Jahre verbessert hat, lässt sich hier absolut hervorheben. Beide Seiten profitieren davon.

Das zeigt sich aktuell auch in Manchester, findet Niedzkowski. Aber auch in der Bundesliga sieht er gute Ansätze: "Auf allerhöchstem Niveau zeigt sich das aktuell vor allem bei Manchester City glasklar, wo mittlerweile wirklich jedes Spielerprofil einfach haargenau in die Spielvision des Trainers passt.

Aber auch in der Bundesliga gibt es ja sehr schöne Beispiele dafür, dass sich die langfristige Zusammenarbeit vor allem zwischen Trainern und Sportdirektoren beziehungsweise Sportvorständen auszahlt." Dass Union Berlin und der SC Freiburg erfolgreich sind und die beiden dienstältesten Trainer auf der Bank sitzen haben, ist wohl kaum ein Zufall.

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Trainerentlassungen gehören zum Geschäft, gehören im Endeffekt dazu. Oftmals gibt es sogar gute Gründe dafür. Dass diese aber häufig als erster und nicht als letzter Ausweg gewählt werden, stellt ein Problem dar – und zwar für alle Seiten. Dem Fußball würde es guttun, mehr Vertrauen in die Fußballlehrer zu haben und präziser und detaillierter zu analysieren, was der Grund für das Verfehlen von Zielen ist, um nicht häufig die gleichen Fehler zu machen. Dass es zu dieser Entwicklung kommt, ist angesichts der Entwicklungen in diesem Sport aber nicht zu erwarten.

Über den Experten: Daniel Niedzkowski, geboren 1976 in Solingen, absolvierte eine aktive Karriere als Fußballer, schaffte es bis zum Wuppertaler SV, dem FC Remscheid und in die Regionalliga. Später erwarb er die Fußball-Lehrer-Lizenz an der Hennes-Weisweiler-Akademie, wurde anschließend ein enger Mitarbeiter von Frank Wormuth, damals DFB-Chefausbilder. Zwischenzeitlich wechselte er zu Bayer 04 Leverkusen, wo er als Co-Trainer in über 100 Bundesligapartien im Einsatz war. 2016 kehrte Niedzkowski zum DFB zurück, seit 2018 ist er als Nachfolger von Wormuth tätig.
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