Wir haben Mitleid mit Jürgen Klopp, für Werder Bremen ist plötzlich wieder alles möglich und Alexander Madlung hat ein viel zu großes Herz. In unserer Serie ziehen wir die etwas anderen Lehren aus dem jeweiligen Spieltag der Bundesliga.

1. Erkenntnis: Jürgen Klopp tut uns leid

Eigentlich müsste es äußerst schön sein, als Trainer für Borussia Dortmund zu arbeiten. Regelmäßig darf Jürgen Klopp Champions League spielen, heimst hin und wieder einen nationalen Titel ein, verfügt über zahlreiche Stars im Kader, lässt sich und sein Team daheim von fast 80.000 Fans nach vorne peitschen – und beim Blick auf die Kontoauszüge wird Kloppo auch nicht zähnefletschend den Geldautomaten aus den Angeln heben. Für den 47-Jährigen könnte alles perfekt sein – wenn da nicht diese nervigen Bayern, diese noch nervigere Ergebniskrise und dieser allernervigste TV-Sender namens ZDF wären. Bei Letzterem hat man es sich anscheinend zur Aufgabe gemacht, herauszufinden, wie lange man Klopp reizen muss, damit dieser die Nerven verliert. Erst fragte Reporter Boris Büchler nach Klopps Meinung, wie die knappe 1:2-Niederlage des BVB beim FC Bayern München zustande kam. Das ist schlicht sein Job.

Den aufgrund der Pleite sichtlich gereizten Klopp dann auch noch zum Dauerthema Marco Reus und dessen möglichen Wechsel zu den Bayern auszuhorchen, war dann aber doch etwas zu viel des Guten. Vor allem in der Art und Weise, wie Büchler nachbohrte. "Das ist jetzt ihrer fehlenden Sensibilität geschuldet, dass es Ihnen eigentlich völlig wurscht ist, wie es Ihrem Gegenüber geht", raunzte der BVB-Trainer den Journalisten folgerichtig an.

Wir können Kloppos Reaktion gut verstehen. Da liegt man schon am Boden und die doofen Medien hauen auch noch drauf. Am liebsten hätten wir dem BVB-Coach ein Laserschwert aus dem "Sky"-Regieraum (ja, die fuchtelten da in der Tat mit Laserschwertern herum) gegeben. Einfach damit sich der arme Kloppo endlich mal gescheit wehren kann.

2. Erkenntnis: Für Werder Bremen ist noch alles möglich

Beschämt senken wir den Kopf und schicken eine dicke Entschuldigung an die Weser. Wie konnten wir in der Spieltagsvorschau nur an Werder Bremens Neu-Trainer Viktor Skripnik und Stürmer Franco di Santo zweifeln? Plötzlich gewinnt Bremen bei Skripniks Bundesliga-Debüt mit 2:1 beim FSV Mainz 05. Dazu netzt di Santo auch noch doppelt. Und dessen zweites Ding war technisch auch noch a la bonne heure. Tja, und wir stehen jetzt da wie die Deppen.

Doch irgendwie nehmen wir diese Rolle gerne ein: Denn auch wenn wir in unserer journalistischen Grundneutralität alle Teams gleich gerne mögen (räusper, hüstel), gönnen wir den Werder-Fans selbstredend den ersten Sieg dieser Spielzeit. Und hey: Wenn der punktgleiche (!) BVB weiterhin als Champions-League-Kandidat gehandelt wird, warum sollte Werder dann nicht auch noch oben angreifen können? Mit Skripnik, di Santo und den übrigen Werder-Topstars ist schließlich alles möglich. Räusper, hüstel ...

3. Erkenntnis: Alexander Madlung ist zu gut für diese Welt

Hut ab vor Alexander Madlung. Dessen Bilanz der vergangenen Tage könnte sogar Cristiano Ronaldo vor Neid erblassen lassen. Drei Tore erzielte der Verteidiger von Eintracht Frankfurt innerhalb von sieben Tagen – top! Die Crux an der Geschichte: Zwei davon fielen am 9. Spieltag gegen den VfB Stuttgart. Und weil da alle 22 Mann auf dem Feld keinen Bock auf Defensive hatten, endete es auch noch in einer 4:5-Heimniederlage für die Hessen. Das war schon blöd für Madlung. Noch blöder ist es allerdings, wenn man eine Woche später erneut trifft – und zwar ins eigene Netz. Wenn das dann auch noch kurz vor Schluss beim Stand von 0:0 passiert, wie in der Partie bei Hannover 96 geschehen, ist das wirklich am allerblödesten.

Doch Madlung hat lediglich bewiesen, dass er ein Herz ähnlich der Größe seiner Körperstatur hat. Denn eigentlich hatte Hannover bereits in der 19. Minute durch Jimmy Briand das 1:0 erzielt, als dieser wuchtig zur eigentlichen Führung einköpfte. Ein regulärer Treffer, daran hatte niemand seinen Zweifel - bis aufs Schiedsrichtergespann um Sascha Stegemann. Das hatte äußerst tollkühn auf ein Foulspiel Briands bei dessen Luftzweikampf mit Gegenspieler David Kinsombi entschieden. Da wir es lieben, mit Klischees um uns zu schmeißen, sagen wir: "In England wäre das niemals gepfiffen worden!"

Und weil selbst die Schiedsrichter beschützende Übermutter Dr. Markus Merk sagt, dass Referee Stegemann die Szene falsch bewertete, sind wir uns noch hundertprozentig sicherer als ohnehin schon, dass dieser Treffer hätte zählen müssen. Doch Hannover braucht sich wegen dieser Fehlentscheidung nicht zu grämen – dem netten Herrn Madlung sei Dank.

4. Erkenntnis: Der Hamburger SV mag’s hässlich

Verglichen mit dem, was bei der Partie des Hamburger SV gegen Bayer Leverkusen abging, war der Zweikampf zwischen Briand und Kinsombi ohnehin nicht mehr als eine zärtliche Liebkosung. 50 Foulspiele, neun Gelbe Karten – das ist neuer Saisonrekord. Normalerweise ist der HSV dafür bekannt, alleinig solch ruhmreiche Bestmarken aufzustellen. Dieses Mal teilen sie sich diese Ehre mit der Werkself.

In der ersten Halbzeit glich die Partie eher einer freien Interpretation der Filme "Catch me if you can" oder "Auf der Flucht". Denn in der Hamburger Arena spielten sich teils wilde Jagdszenen ab. Das finden wir an sich nicht so schön. Doch wenn dann plötzlich "Buzz Lightyear"-Lookalike (Sie sehen, wir ziehen das mit den Filmanspielungen durch) Kyriakos Papadopoulos seinen gut zwei Köpfe kleineren Mitspieler Giulio Donati auf den Boden ringt, ist das schon äußerst amüsant. Und das nur, um diesen nach dessen hartem Foulspiel an Marcell Jansen, das die Gemüter sämtlicher Spieler und Trainer aufs äußerste erregte, zu schützen.

Ach ja, Fußball wurde auch gespielt. Und wie! Gleich drei Schüsse fanden den direkten Weg aufs Tor. Wahnsinn. Und weil Rafael van der Vaart die Kugel per Strafstoß als einziger über die Linie bugsierte, kam der HSV zum ersten Heimsieg der Saison. Viel mehr Worte darf man über diese Partie nicht verlieren. Denn für den Fußball-Feinschmecker war das Spiel so wie für modebewusste Menschen das Outfit von HSV-Trainer Joe Zinnbauer: einfach nur ein Graus.