Wochenlang wurde kontrovers über eine bundeseinheitliche Lösung bei der Rückkehr der Fans in Stadien und Hallen diskutiert. Nun ist ein Kompromiss gefunden worden, mit dem der Sport vorerst gut leben kann.

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Die Zeit der ungeliebten Geisterspiele in der Fußball-Bundesliga und den anderen großen Profiligen ist vorerst vorüber. Die Länder einigten sich am Dienstag in einer Videoschalte auf eine flächendeckende Fan-Rückkehr in die Fußballstadien und Sporthallen. "Die Fußball-Bundesligisten, aber auch die Clubs und Vereine anderer Sportarten, können sehr froh sein", kommentierte Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke die Entscheidung. "Dieses Gefühl haben wir beim BVB auf jeden Fall."

In einer sechswöchigen Testphase ist zunächst eine Auslastung von maximal 20 Prozent der jeweiligen Stadion- oder Hallenkapazität erlaubt. Ende Oktober soll die Lage neu bewertet werden. "Es soll eine Art Experiment werden, ein Probestart", kündigte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) an. Die Regelung gilt neben dem Fußball auch für die anderen großen Teamsportarten Handball, Basketball, Volleyball und Eishockey, die in den kommenden Wochen ebenfalls wieder den Spielbetrieb aufnehmen.

Ein Ende des Flickenteppichs

"Zentral für den Erfolg und die Akzeptanz der Regeln sind schlüssige Hygienekonzepte, die konsequent umgesetzt werden müssen. Da stehen die Vereine und Verbände jetzt in der Verantwortung", forderte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Der Grünen-Politiker begrüßte die einheitliche Lösung, für die er sich stark gemacht hatte.

Auch Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) war erfreut über das Ende des Flickenteppichs: "Unterschiedliche Regelungen in Bremen oder Hamburg, in Dortmund oder München – das hätte niemand verstanden." Kurz nach der Einigung verkündete Schleswig-Holstein allerdings, an seiner erlaubten Quote von 25 Prozent festzuhalten. Im nördlichsten Bundesland gibt es allerdings keinen Fußball-Erstligisten.

Die von den Chefs der Staatskanzleien beschlossene Teilzulassung von Zuschauern verschafft dem gesamten Profisport bessere wirtschaftliche Perspektiven bei der Bewältigung der Corona-Krise. Entsprechend groß ist die Erleichterung. Die Fan-Vertretung "Unsere Kurve" begrüßte ebenfalls die Einigung. "Zuschauer sind sportlich relevant. Das haben wir bei den Geisterspielen gesehen", sagte Vorstandsmitglied Jost Peter.

Können die Vereine schnell genug reagieren?

Einem stimmungsvollen Saisonauftakt in der Fußball-Bundesliga an diesem Wochenende steht nun nichts mehr im Wege. Allerdings ist offen, ob alle Vereine die Freigabe wegen der Kurzfristigkeit noch umsetzen können. Bereits am Freitagabend eröffnet Rekord-Champion Bayern München gegen den FC Schalke 04 die Spielzeit 2020/21.

Immerhin vier Clubs hatten bereits zuvor von den zuständigen Gesundheitsämtern grünes Licht für einen Saisonstart vor Zuschauern erhalten. Für die Partien Werder Bremen gegen Hertha BSC und RB Leipzig gegen FSV Mainz 05 wurden jeweils 8500 Besucher zugelassen - in beiden Fällen entspricht das rund 20 Prozent des Stadion-Fassungsvermögens. Eintracht Frankfurt darf gegen Aufsteiger Arminia Bielefeld von 6500 Fans unterstützt werden, der 1. FC Union Berlin erhielt für die Partie gegen den FC Augsburg die Freigabe für 5000 Personen im Stadion an der Alten Försterei.

6000 statt nur 300 Zuschauern

Leverkusens Geschäftsführer Fernando Carro freut sich auf die lange vermisste Stimmung auf den Rängen. "Schon die 300 Zuschauer beim Pokalspiel zuletzt haben die Atmosphäre in der BayArena spürbar verbessert. Nun können wir mit rund 6000 Fans für das erste Heimspiel gegen Leipzig planen. Wir sind vorbereitet - und sehr glücklich darüber", sagte er.

Bislang war eine bundeseinheitliche Regelung bei der Fan-Rückkehr in die Stadien erst im Laufe des Oktobers erwartet worden. Die Ministerpräsidenten der Länder hatten nach ihrer Schalte mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die eine Einigung erzielen sollte. Doch der Druck, gemeinsam vorzugehen, war in den vergangenen Wochen auch aufgrund der unterschiedlichen Beschlüsse der lokalen Gesundheitsbehörden weiter gestiegen.

Diese haben auch weiterhin das letzte Wort bei der Teilzulassung von Zuschauern. Dabei muss auch immer das aktuelle regionale Pandemiegeschehen berücksichtigt werden. Maßgeblich sind die Zahlen des Robert-Koch-Instituts. Liegt die Sieben-Tages-Inzidenz pro 100.000 Einwohner am Austragungsort größer gleich 35 und ist das Infektionsgeschehen nicht klar eingrenzbar, erfolgt in der Regel keine Freigabe für die Fans.

Söder: Maskenpflicht muss sein

Die Deutsche Fußball Liga hatte am vergangenen Freitag beschlossen, dass bei den Spielen der Bundesliga und der 2. Bundesliga an den ersten sechs Spieltagen in Ausnahmefällen auch Stehplätze in den Stadien besetzt werden dürfen, falls die Anzahl der Sitzplätze unter der freigegebenen Zuschauerzahl liegt.

Laut Söder müsse man nun einige Wochen lang beobachten, ob die einheitliche Regelung in der Praxis funktioniere. "Und dann werden wir sehen, ob man sich daran hält oder nicht." Klar sei: Es brauche eine Maskenpflicht zumindest bis zum Platz, es brauche Abstand und Hygienemaßnahmen. Und auch der Zugang in die Stadien müsse sauber geregelt werden. "Ich sage Ihnen ganz offen, ich hätte noch ein halbes Jahr ohne Zuschauer locker aushalten können", betonte Söder. Er spüre aber "den tiefen Wunsch vieler Menschen danach". Deswegen müsse man die Wünsche und die Sicherheitsinteressen in eine vernünftige Balance bringen.

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