Der Deutsche Meister FC Bayern lässt sich mit einem Einwurftrick übertölpeln und zweifelt dessen Rechtmäßigkeit an. Borussia Dortmund hat derweil sowohl Glück als auch Pech mit dem Videobeweis.

Alex Feuerherdt
Meine Meinung
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Wann hat sich der FC Bayern zuletzt so düpieren lassen wie im Spiel bei der TSG 1899 Hoffenheim nach 27 Minuten?

Das ist passiert: Dem Münchner Abwehrspieler Mats Hummels missglückt in der eigenen Hälfte eine Klärungsaktion. Er erreicht den Ball erst wieder, als dieser die Seitenlinie bereits knapp überschritten hat, also im Aus ist.

Ancelotti knickt ein und Balljungen sind wichtiger als gedacht.

Von dort schlägt er ihn wieder auf den Platz, die Kugel landet weit in der Hälfte der Hoffenheimer. Noch während sie unterwegs ist, schaltet Andrej Kramaric blitzschnell: Er lässt sich von einem Balljungen einen anderen Ball geben und wirft ihn ein.

Sein Mitspieler Mark Uth nimmt das Zuspiel auf, läuft Hummels davon und trifft gegen übertölpelte Bayern zum 1:0. Schiedsrichter Daniel Siebert gibt das Tor, was Proteste des Deutschen Meisters zur Folge hat.

Bayern schwer irritiert

"Ich hatte damit gerechnet, dass der Ball, der im Spielfeld ist, zum Einwurf gespielt werden muss", sagt Mats Hummels nach dem Spiel. Bayern-Trainer Carlo Ancelotti glaubt, "dass das Spiel stoppen muss, wenn ein zweiter Ball auf dem Feld liegt".

Die Regeln besagen jedoch, dass nur dann unterbrochen wird, wenn dieser zusätzliche Ball "das Spiel beeinträchtigt", das heißt: das Geschehen erheblich stört, Spieler behindert oder entscheidend ablenkt.

In Hoffenheim stellt sich allerdings die Frage: Welcher der beiden Bälle war denn nun der überzählige? Mats Hummels sieht es so: "Ein zweiter Ball wird ins Spiel gebracht, und mit diesem zweiten Ball wird ein Tor geschossen."

Es gibt nicht (mehr) nur einen Spielball

Der Weltmeister weiter: "Der Schiedsrichter sagte, wenn der zweite Ball nicht stört, wird nicht abgepfiffen. Das passt aber leider überhaupt nicht auf die Situation, weil der zweite Ball ja der ist, mit dem das Tor geschossen wurde."

Man kann aber auch zu einem anderen Schluss kommen. Denn in der Bundesliga gibt es schon seit Jahren nicht mehr nur den einen Spielball, der lediglich im Notfall ausgetauscht wird.

Vielmehr wird mit einem sogenannten Multiball-System gespielt, das schnellere Spielfortsetzungen ermöglicht. Denn ein Ball, der ins Aus geht, kann sofort durch einen anderen ersetzt werden.

Münchner einfach überrumpelt

Das heißt: Als die Kugel in Hoffenheim die Seitenlinie überquerte, war sie aus dem Spiel und damit ersetzbar. Dass Hummels sie anschließend wieder aufs Feld schoss, änderte daran nichts. Zumal sie weit entfernt herunterkam und von dort erst einmal zum Einwurfort hätte befördert werden müssen.

Es ist aber im Sinne der Regeln, Verzögerungen zu verhindern und das Spiel so schnell wie möglich fortzusetzen. Deshalb ließ es Referee Siebert zu Recht zu, dass Kramaric einen anderen Ball zum Spielgerät machte.

Die vorher verwendete Kugel lag da zwar noch auf dem Platz, störte dort aber nicht das Spielgeschehen. Es war also alles regulär. Die Bayern haben sich einfach überrumpeln lassen.

Doppel-Premiere in Freiburg

In Freiburg kommt es beim Spiel gegen Borussia Dortmund (0:0) unterdessen zu einer Doppel-Premiere: Erstmals wird ein Platzverweis infolge einer Einmischung durch den Video-Assistenten ausgesprochen.

Neu ist außerdem, dass ein Schiedsrichter der Empfehlung aus dem Studio in Köln nicht automatisch folgt, sondern sich die betreffende Szene selbst noch einmal auf einem Monitor am Spielfeldrand ansieht.

Voraus geht ein grobes Foul des Freiburgers Yoric Ravet, der Marcel Schmelzer von hinten mit den Stollen voraus in die Wade tritt. Aus der Perspektive von Schiedsrichter Benjamin Cortus stellt sich das Vergehen aber nicht als brutal, sondern lediglich als rücksichtslos dar.

Schiedsrichter überzeugt sich lieber selbst

Deshalb gibt es für Ravet nur die Gelbe Karte. Daraufhin mischt sich der Video-Assistent Günter Perl ein, wie es die Regeln vorsehen, wenn es einen Rotverdacht gibt, der Unparteiische jedoch keine Rote Karte gezeigt hat.

Cortus ist von Perls Meinung allerdings offenkundig nicht überzeugt. Vielleicht deshalb, weil er den Zweikampf aus seinem Blickwinkel ganz anders wahrgenommen hat und deshalb von der Einschätzung des Video-Assistenten überrascht ist.

Jedenfalls beschließt der Referee, die Situation in der "Review Area" selbst noch einmal zu begutachten. Danach ändert er seine Entscheidung und zückt Rot gegen Ravet. Eine berechtigte Korrektur, denn die Verwarnung war in der Tat klar falsch.

Kein Elfmeter für Dortmund

Kurz vor dem Abpfiff kommt es zu einem weiteren Gespräch zwischen Cortus und Perl. Anlass ist ein Luftduell zwischen Pascal Stenzel und Łukasz Piszczek im Strafraum der Hausherren.

Dabei trifft der Freiburger, als er zum Kopfball geht, den Dortmunder mit dem Unterarm am Kopf – so heftig, dass dieser blutet. Der Ellbogen ist zwar nicht ausgefahren und der Treffer eher unglücklich als beabsichtigt.

Dennoch handelt es sich um ein klares, gelbwürdiges Foul. Der Schiedsrichter pfeift jedoch nicht, und auch der Video-Assistent rät nicht zur Korrektur dieser Entscheidung, obwohl es sehr gute Gründe gibt, sie für eindeutig falsch zu halten.

Videobeweis verhindert Fehlentscheidung nicht

Warum hier kein Strafstoß für den BVB gegeben wurde, lässt sich nur vermuten. Wahrscheinlich war Günter Perl der Überzeugung, dass sein Kollege auf dem Platz keinen klaren Fehler begangen hatte.

Das ist immer auch eine Frage der Interpretation der Bilder aus 21 verschiedenen Kameraperspektiven. Aus diesen muss ein technischer Assistent unter großem Zeitdruck bis zu vier möglichst aufschlussreiche Einstellungen auswählen.

Zusätzlich kann der Eindruck, den die Normalgeschwindigkeit vermittelt, vom Eindruck aus den Zeitlupen abweichen.

Trotzdem ist das Urteil, dass der Videobeweis hier einen spielentscheidenden Fehler des Referees nicht verhindert hat, gewiss nicht abwegig. Das sollte zumindest selbstkritisch aufgearbeitet werden.