Pierre-Emerick Aubameyangs offene Worte über einen möglichen Wechsel eröffnen die Debatte über die Strahlkraft von Borussia Dortmund. Und es bleibt der Eindruck, dass sich der BVB international zwar etabliert hat - zu den ganz Großen aber nicht mehr aufschließen wird.

Vielleicht war die Nacht des 25. Mai 2013 der Wendepunkt. Nur wussten das damals noch nicht alle. Borussia Dortmund hatte das Finale der Champions League gegen den FC Bayern verloren, es war die schmerzhafte Niederlage mitten hinein in die Hochphase der Kloppo-Manie.

Im Vorfeld des Topspiels verteilt Leipzig erste Spitze in Richtung BVB.

Die großen Chancen scheinen vertan

In den beiden Jahren zuvor hatte der BVB einen Lauf und es hatte den Anschein, dass diese Borussia den Bayern tatsächlich dauerhaft gefährlich werden könnte. Mit dieser Mannschaft, diesem Trainer und dieser Infrastruktur, die sich zwar noch im Aufbau befand, aber doch enormes Potenzial versprach.

Dreieinhalb Jahre später ist klar, dass Dortmund nicht heranreicht an die Bayern. Ebenso wenig übrigens wie andere nationale Konkurrenten aus Gelsenkirchen, Wolfsburg oder Leverkusen. Der BVB hat in dieser Nacht von Wembley die womöglich einmalige Chance verspielt, doch mehr zu werden als die viel zitierte "regionale Angelegenheit", wie es Uli Hoeneß ziemlich boshaft formulierte. Ein Sieg in der Königsklasse hätte einiges ändern können.

Seitdem ist eine Menge passiert und die Verantwortlichen haben ganz gewiss artig ihre Hausaufgaben gemacht. Die Internationalisierung des Klubs schreitet massiv voran, die Mitgliederzahlen sind gestiegen, so auch die die Umsatzerlöse.

Und trotzdem gehört der BVB nicht zu den ganz Großen der Szene. Es gibt schlimmere Schicksale als das Dasein im 1B-Regal des europäischen Fußballs. Aber mit den Erfolgen wachsen nun mal die Ansprüche - und im krassen Gegensatz dazu stehen abwandernde oder abwanderungswillige Spieler.

Aubameyang spricht offen über Wechsel

Pierre-Emerick Aubameyangs nassforsche Ankündigung platzte am Montagabend hinein in eine ohnehin schon angespannte Lage beim BVB. "Klar ist: Wenn ich die nächste Stufe erreichen will, muss ich in diesem Sommer gehen. Ich bin 27. Wir werden sehen, welche Angebote es gibt und wo ich spielen werde", sagte der Gabuner einem französischen Radiosender.

Nun sind die Gedankenspiele des Top-Torjägers nicht neu, aber die Vehemenz und Offenheit von Aubameyangs Worten gibt klar die Richtung vor: Borussia Dortmund ist offenbar doch zu klein, um sich einen Spieler dauerhaft leisten oder an sich binden zu können.

Da hilft auch Hans-Joachim Watzke gespielte Nonchalance nicht viel, wenn er sagt: "Aubameyang hat Vertrag bis fast 2100 oder sowas. Es gibt nicht viele Klubs, die mehr Strahlkraft haben als der BVB. Verdienen tut er bei uns auch ganz ordentlich."

Watzke hat Recht damit, wenn er behauptet, es gäbe keinen Druck. Zumindest nicht aus finanzieller Sicht. Aber Mats Hummels, Ilkay Gündogan oder Henrikh Mkhitaryan sind ja zuletzt nicht nur des Geldes wegen gewechselt - sondern weil sie in größeren Klubs bessere Perspektiven sahen als in Dortmund.

Der BVB-Zauber verblasst

Wenn die Bayern oder Real Madrid oder Barcelona oder Manchester United einen Spieler unbedingt halten wollen, dann bleibt dieser Spieler im Normalfall mit verbesserten Bezügen auch bei diesen Klubs. Weil sie bereits ganz oben angesiedelt sind. Den Vorsprung, den sich die Bayern, Real oder Barca in mehreren Jahrzehnten aufgebaut haben, holt kein Klub der Welt so schnell ein.

Und eine neue finanzielle Großmannssucht dürfte allein schon die jüngere Historie des BVB verbieten. Die Spitzenklubs aus England bewegen sich da in einer anderen Liga. Nur mit einem unschlagbaren Gesamtpaket und einem wirklich durschlagenden Erfolg könnte man in die Phalanx der Granden eindringen. So wie es unter Jürgen Klopp einige Jahre den Anschein hatte.

Aber dieser Zauber verblasst immer mehr. Der BVB verwehrt sich zurecht dagegen, als Ausbildungsverein bezeichnet zu werden. Aber die Tendenz der letzten Transfers lässt doch auch darauf schließen, dass sich der Klub eine eigene kleine Nische kratzen muss - eben mit Spielern, die von Dortmund aus den Sprung nach ganz oben schaffen wollen.
An der grundsätzlichen Vereinspolitik wird sich deshalb nichts ändern. Die (vergangenen) Erfolge auf dem Rasen und vor allen Dingen im wirtschaftlichen Bereich geben den Entscheidungsträgern Recht.

Es fehlt die Strahlkraft für Stars

Aber die ganz große Strahlkraft für Stars, egal ob diese zugekauft werden sollen oder bereits im Kader stehen wie Aubameyang oder Marco Reus, der mit dem FC Arsenal in Verbindung gebracht wird, geht von Dortmund nicht aus. Das mag auch damit zu tun haben, dass der Klub nach außen nicht mehr so omnipräsent ist wie zu seiner Glanzzeit vor vier, fünf Jahren.

Und weil die charismatische Gallionsfigur fehlt. Klopp war der BVB, völlig egal welche Spieler gerade Torschützenkönig oder Spieler oder Newcomer des Jahres wurden. Mit der Verpflichtung von Thomas Tuchel hat der Verein einen anderen Weg gewählt.

Tuchel ist noch kein großer Trainer, aber er besitzt ungeheuer großes Potenzial. Wie fast die Hälfte des aktuellen Kaders.
Aber er ist kein extrovertierter Tausendsassa und kein Menschenfänger wie Klopp, der wie eine leistungssteigernde Stimulanz auf Spieler wirken kann. Man kann dem Trainer das nicht zum Vorwurf machen. Aber es ist ein wichtiges Mosaiksteinchen.