Bayern München und Thomas Tuchel – das hakt auch nach einigen Monaten und vielen Spielen noch immer mehr, als es den Verantwortlichen lieb sein kann. Die Leistung der Mannschaft schwankt unerklärlich heftig.

Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht von Steffen Meyer dar. Informieren Sie sich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.

Der FC Bayern kann insgesamt zufrieden sein mit den letzten Wochen. Zwei Siege in der Champions League, weiter im Pokal, ein klarer Sieg gegen Bochum und immerhin zwei Unentschieden gegen die starken direkten Konkurrenten Leipzig und Leverkusen in der Bundesliga. Doch blickt man genauer hin, wird deutlich, dass der Gewöhnungsprozess zwischen Trainer Thomas Tuchel und der Mannschaft auch nach einem halben Jahr noch immer nicht wirklich abgeschlossen ist.

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Zu oft funktioniert Tuchels Plan A aktuell nicht. Zu groß sind noch die Schwankungen in den Spielen, wie beim wilden 4:3 gegen Manchester United oder beim durchaus glücklichen 2:2 gegen Leipzig, als die Mannschaft einen Zwei-Tore-Rückstand aufholen musste. Und auch gegen Kopenhagen unter der Woche lief der FC Bayern nach durchwachsenen 60 Minuten einem Rückstand hinterher.

Tuchel bemühte sich zuletzt, das Positive zu sehen. In der Vorsaison hätte man Spiele wie gegen Kopenhagen oder Leipzig möglicherweise noch verloren. Das stimmt. Die Grundtendenz ist positiv, aber intern wird er sicher auch auf Ursachensuche gehen, warum sein Team zuletzt zweimal starke Impulse von Außen gebraucht hat, um in die Spur zu kommen.

Der Plan A funktioniert nicht immer

Gegen Leipzig lag der Rekordmeister am vergangenen Wochenende zur Pause verdient mit 0:2 zurück. Hier wirken die Münchner nicht wirklich vorbereitet auf das disziplinierte Pressing der Leipziger. Die Elf von Marco Rose lief zwar beide Innenverteidiger im Spielaufbau energisch an, blieb dahinter allerdings extrem konsequent in der Position. Statt mit Risiko auf einen frühen Ballgewinn zu spekulieren, ließ sich Leipzig nicht locken. Die Folge: Das Leipziger Zentrum um Xaver Schlager bot keinen Platz in den für die Münchner so wichtigen Achter-Räumen.

Die richtige Reaktion wäre gewesen, den Ball länger in einer tiefen Position zu zirkulieren und geduldig zu bleiben, bis Leipzig sich zwangsläufig doch einmal aus der Position locken lässt. Stattdessen spielten die Münchner, wie sie es seit der Zeit unter Hansi Flick gewohnt waren, sehr aggressiv und vertikal nach vorne. Ohne die nötigen Räume waren so gegen zweikampfstarke Leipziger Ballverluste und Gefahr durch Umschaltmomente vorprogrammiert. Nach einer Großchance von Musiala nach wenigen Minuten kam Bayern über weite Strecken überhaupt nicht mehr in den gegnerischen Strafraum.

Beim Stand von 0:2 stellte Tuchel zur Pause um und brachte Guerreiro für Goretzka als echten Achter vor Joshua Kimmich. Die Flügelspieler konnten so breiter bleiben, da mit Musiala und Guerreiro nun zwei Spieler die Halbräume vor Kimmich bespielten. Die Positionierung im Aufbau wechselte von einem 3-2 auf ein 4-1 oder 2-3.

Tuchel machte das Spiel damit einfacher und positionstreuer, ging damit jedoch ein deutlich höheres Risiko ein, weil eine zusätzliche Absicherung im Mittelfeldzentrum fehlte. Dem riskanten vertikalen Spiel der Münchner kam dies jedoch entgegen. Mithilfe von Guerreiro und vielen Dribblings verlagerten die Gäste das Spiel sukzessive in die Hälfte der Leipziger und bauten so Dauerdruck auf. Die zweite Hälfte verlief deutlich besser als die erste und Bayern kämpfte sich zurück. Ein so hohes Risiko ist jedoch für Tuchels Spielweise eher eine Notlösung und kein geeignetes Mittel im Tagesgeschäft.

Auch gegen Kopenhagen hakte es

Gegen Kopenhagen lagen die Probleme woanders. Hier kontrollierten die Münchner zwar über weite Strecken die Partie, kamen gegen kompakte und laufstarke Dänen aber lange Zeit nicht wirklich in gefährliche Räume in Tornähe. Dieses Mal durfte Laimer in einer vorgerückten Rolle neben Kimmich agieren. Wenn die Räume allerdings eng werden wie gegen Kopenhagen, ist Laimer nicht unbedingt der Richtige, um eine kompakte Defensive zu knacken.

Hier brauchte es eine Einzelaktion von Musiala zum 1:1 und einen Dreifachwechsel von Tuchel in der 77. Minute (Müller, Tel, Goretzka), um das Spiel am Ende noch zu drehen. Vor allem Müller brachte viel Energie und neue, überraschende Laufwege mit aufs Feld und half damit, Kopenhagen stärker aus der Komfortzone zu bringen. Auf Dauer sollten sich die Münchner jedoch nicht darauf verlassen, mit gewagten Umstellungen Spiele zu drehen.

Abwehrkette funktioniert noch nicht

Auch die Defensive hat sich unter Tuchel noch nicht komplett gefunden. Tuchel betont weiterhin das Fehlen eines defensiven Sechsers. Durch die Abgänge im Sommer und einige kleinere und größere Verletzungen hat Tuchel defensiv zudem wenig Auswahl. Im Pokal gegen Münster mussten mit Mazraoui und Goretzka sogar zwei völlig Fachfremde in der Innenverteidigung ran.

Derzeit sind Dayot Upamecano und Min-Jae Kim in den wichtigen Spielen in der Innenverteidigung gesetzt. Beide überzeugen bisher jedoch weder individuell noch im Zusammenspiel restlos. Immer wieder gibt es Probleme mit der Tiefenstaffelung - also der gegenseitigen Sicherung durch versetztes Verteidigen. Vor dem 0:1 gegen Leipzig ging das gewaltig schief, als Upamecano und Kim zunächst beide aus der Kette vorrückten und dann gegen einen Steilpass gegen den pfeilschnellen Openda nicht optimal positioniert waren. Tuchel wirkte nach dem Spiel genervt von der Situation und bemängelte, dass sich seine Innenverteidiger in der Szene exakt so verhalten hätten, wie er eigentlich nicht verteidigen will.

Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Generell ist auch hier noch eine sichtbare Lücke zwischen Tuchels Vorstellung und der Umsetzung auf dem Platz zu erkennen. Das Verhalten der beiden Innenverteidiger vor dem 0:1 gegen Leipzig tritt nämlich durchaus häufiger auf, weil beide gern mutig nach vorne verteidigen und die Absicherung manchmal vernachlässigen. Nur kaschieren sie das gegen den Großteil der Gegner mit ihrer enormen Geschwindigkeit.

Erschwerend kommt aktuell hinzu, dass die Außenverteidiger Davies und Mazraoui beide noch nicht konstant in Topform agieren. Auf Rechts muss auch deshalb regelmäßig Laimer aushelfen. So bleibt die Viererkette mit der bekannten Problematik eines fehlenden defensiv denkenden Sechsers davor absehbar eine Baustelle.

Wer erwartet hat, dass nach der ersten vollen Saisonvorbereitung unter Thomas Tuchel irgendetwas Klick macht beim FC Bayern, das das Spiel auf eine neue Stufe hebt, sieht sich aktuell noch getäuscht. Die Entwicklung ist leicht positiv und die individuell starke Offensive sorgt dafür, dass die Münchner in jedem Spiel eine gute Chance auf einen Sieg haben werden. Trotzdem muss man nach der Anfangsphase der Saison konstatieren: Tuchel hat den FC Bayern im Herbst 2023 noch nicht ganz da, wo er ihn haben will.

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