Die Kader sind beinahe komplett, die Spielpläne stehen: Am Freitag startet die Bundesliga-Saison 2020/21. Die neuen Heimtrikots sorgen schon jetzt für Gesprächsstoff – und lassen ein paar spannende Rückschlüsse zu.

Anja Delastik
Eine Kolumne
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

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"Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten." In Zeiten, in denen die Welt Kopf steht und der Begriff Normalität wie ein Anachronismus wirkt, klingt der legendäre Satz von Sepp Herberger fast schon tröstlich. Fußball als feste Größe und willkommene Ablenkung – inmitten all der Unsicherheit, all des Wahnsinns.

Am Freitag startet die Bundesliga-Saison 2020/21. Für alle, die sich heute schon darauf einstimmen wollen: eine nicht ganz ernstgemeinte Stil-Analyse der neuen Heimtrikots.

Unsichere Zukunft, traditioneller Look

Die meisten Vereine gehen in dieser Saison auf Nummer Sicher, allen voran der FC Bayern München. Der Rauten-Look, inspiriert von der Außenfassade der Allianz-Arena, ist von den Heim-Jerseys verschwunden, die neuen Trikots sind schlicht, aber wenig ergreifend: rot mit weißen Bündchen. Der traditionelle Retro-Look als Hommage an die guten, gar nicht mal so alten Zeiten? Je unsicherer die Zukunft, desto lieber schaut man zurück.

Rückbesinnung auch bei Eintracht Frankfurt und dem VfB Stuttgart, garniert mit ein bisschen Lokalpatriotismus: In den klassischen rot-schwarzen Längsstreifen lassen sich die stilisierten Zinnen des Frankfurter Römers erahnen, das weiße Trikot der Stuttgarter ist von den Jerseys der Saison 87/88 inspiriert. Der typische rote Querstreifen ist jedoch etwas höher gerutscht und lässt athletische Spielerbrüste noch stolzer wirken. Im dem Nacken prangt der VfB-Schriftzug, in der Innenseite das Ortsschild von Bad Cannstatt. Mit breiter Brust und gestärktem Rücken wird schon nichts schiefgehen, oder?!

Sanfte Veränderungen

Rote Lippen, schlechte Zeiten: Das zumindest besagt der sogenannte Lippenstift-Index. Gemäß (frei erfundenem) Heimtrikot-Index ist indes sanfter Optimismus angesagt: Komplett rote Shirts sind in dieser Saison größtenteils passé, sogar bei Union Berlin und Mainz 05.

Obwohl beide ihrer Vereinsfarbe treu bleiben, sorgen weiße Akzente für softe Brüche. Bei den Nullfünfern erstreckt sich ein stilisiertes M über die Vorderseite, die Ärmel ziert ein rot-weißes Muster, die subtilen goldene Rückenpaspeln wirken wie ein zarter Lichtstreif am Horizont.

In den Vereinsfarben Weiß-Rot steht künftig der SC Freiburg auf dem Platz, auch hier sorgen subtile Details für optische Zerstreuung: der Greif, das Wappentier des Clubs, ist in den Stoff geprägt, die gewichtigen Worte "Heimat, Leidenschaft, Zukunft" finden sich versteckt in der Innenseite des Kragens.

Das Heimtrikot von Hertha BSC ist derweil weiterhin blau-weiß, die Streifen sind nun jedoch schmaler und werden durch einen schwarzen Streifen ergänzt. Veränderungen gerne, aber bitte ganz sachte.

Im Zweifel einfach Schwarz tragen

Ein bei Investment-Bankern, Konzeptkünstlern und TEDx-Talkern beliebtes Mode-Gebot lautet: "When in doubt, wear black" – also im Zweifel einfach Schwarz tragen. Denn das gibt Sicherheit, wirkt seriös, souverän und kompetent.

Kein Wunder also, dass auch Bayer 04 Leverkusen künftig nicht mehr in Rot, sondern in edlen schwarzen Nadelstreifen auflaufen wird. Auch Aufsteiger Arminia Bielefeld trägt neuerdings Schwarz – und möchte damit die Vereinsfarben komplettieren. Nostalgie auch hier: Das diagonale weiß-blaue Band, soll an eine Schärpe aus alten Zeiten erinnern. Früher war alles besser? Na ja, nicht unbedingt.

Grün ist die Hoffnung

Denn glücklicherweise schauen zwei Bundesligisten ganz klar in die Zukunft: der TSG 1899 Hoffenheim und der VfL Wolfsburg. Das blaue Heimdress der Kraichgauer ist modisch unspektakulär, hat’s aber in sich: Es besteht erstmalig aus recyceltem Polyester, hergestellt aus Plastikflaschen. Außen grün, innen grün: Auch neuen Jerseys der Wolfsburger sind nachhaltig und zu 100 Prozent aus recycelten Materialien genäht.

Grün steht für Natur, Wachstum, Hoffnung – und den SV Werder Bremen. Der präsentiert sich in einem Rautenmuster aus verschiedenen Grüntönen mit weißen Elementen.

Der FC Augsburg verabschiedet sich hingegen von seinem weiß-grünen Outfit und spielt zuhause künftig ganz in Weiß; ohne Blumenstrauß, aber mit ein paar dezenten Retro-Elementen. Doch nicht nur das Trikot der Augsburger ist bewusst schlicht gehalten.

Modisches Understatement

Bescheidenheit oder Sparsamkeit? Auch RB Leipzig startet diesmal in reduziertem Design. Die seltsamen hellgrauen "Schwitzstreifen" sind verschwunden, was bleibt ist schlichtes Weiß mit einigen roten und gelben Details. Ähnliches bei den Königsblauen: Im Vergleich zum Achtzigerjahre-Speedo-Look der Vorsaison, wirkt das neue Heimdress des FC Schalke 04 fast schon untertrieben zurückhaltend.

Auch Borussia Mönchengladbach verzichtet in dieser Saison auf abgefahrenen Design-Experimente. Statt grün-schwarzer Rauchschwaden gibt’s das traditionelle Borussia-Weiß im beliebten Rautenmuster, eine Hommage an das Borussia-8-Grad Gebäude, auf dem sich aber gar keine Rauten befinden. Mysteriös. Weniger rätselhaft das Trikot des 1.FC Köln: weiß mit vertikalen Mittelbalken in Rot – so sieht modisches Understatement aus.

Ideen statt Einheitsbrei

Nur ein Bundesliga-Verein kann mit alledem offensichtlich gar nichts anfangen: Borussia Dortmund. Das auffällige schwarz-gelbe Zebra-Muster wirkt wild, dynamisch, angriffslustig ­– und hebt sich komplett vom traditionell-klassischen Einheitsbrei der anderen Heimtrikots ab. Dafür winkt dem BVB schon jetzt der Meistertitel, zumindest der modische.

Gerade in düsteren Zeiten braucht es unkonventionelle Ideen und Mut, auch abseits der Mode. Gäbe das Gros der neuen Heimdresse jedoch tatsächlich Hinweise auf die Lage der Nation, müsste man sich noch mehr Sorgen machen als ohnehin schon. Aber wie sagte der heutige Hertha-Trainer Bruno Labbadia einst so treffend? "Das wird alles von den Medien hochsterilisiert."

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