Das Derby im Pott steht unter völlig neuen Vorzeichen: Borussia Dortmund steckt knietief in der Krise, Schalke 04 arbeitet sich Stück für Stück nach oben. Warum der BVB in der Abwärtsspirale hängt und Schalke durchstartet - und welche Rolle dabei die Trainer spielen.

Es ist noch gar nicht so lange her, da galt Borussia Dortmund als die beste Mannschaft und der FC Schalke als gehobenes Mittelmaß. So schnell wie der BVB zum kommenden Meister gekürt war, so schnell hat er sich jetzt offenbar vom Titel verabschiedet.

Es zählt nur der Derbysieg

Seit dem fulminanten, aber eben auch zu einer Sensationsleistung verklärten 6:1 gegen Gladbach hat die Borussia in fünf Ligaspielen einen einzigen Punkt geholt und stürzte von Platz eins auf fünf ab.

Als der BVB die andere Borussia aus dem Stadion schoss, verlor Schalke sein Auswärtsspiel in Hoffenheim. Rang sieben lautete die Zwischenbilanz. Es sollte Schalkes letzte Niederlage sein.

Danach holte Schalke 14 Zähler - und steht jetzt als Tabellenzweiter drei Punkte und drei Plätze besser da als der ewige Rivale. Das beeinflusst das anstehende Derby am Samstag ungemein.

Im Pott wird viel vergeben, wenn das Derby gewonnen wird. Als Dortmunds Spieler nach einem erneut enttäuschenden Auftritt gegen die Tottenham Hotsupr schon vom Rasen des Westfalenstadions schleichen wollten, machten ihnen die Fans auf der Südtribüne nochmal die Priorität klar: Ein Sieg gegen Schalke und sonst nichts.

Es ist einige Jahre her, dass der BVB nicht als Favorit in die Partie ging, zumal im eigenen Stadion. Jetzt ist es soweit.

Domenico Tedesco macht Schalke stark

Schalke nutzt das aus der Wirtschaft bekannte Maximalprinzip derzeit voll aus. Aus den gegebenen Mitteln macht Trainer Domenico Tedesco mehr als man vor der Saison wohl erwarten konnte.

Nach einem etwas rumpligen Start verinnerlicht die Mannschaft immer besser die Prinzipien, nach denen Tedesco spielen lassen will. Das klappt nicht immer reibungslos, Schalke dominiert seine Spiele nur selten - hat aber am Ende doch fast immer die Nase vorn. Auch das ist eine Qualität.

Tedesco hat sich in den Wind gestellt, als er Kapitän und Ikone Benedikt Höwedes nach Turin ziehen ließ. Aber von Höwedes spricht einige Wochen später auf Schalke kaum noch jemand.

Tedesco wollte einen klaren Cut vollziehen und hat dabei auch nicht auf Namen und Verdienste der Vergangenheit Rücksicht genommen.

Peter Bosz kam als Anti-Tuchel

Auch Peter Bosz kam erst im Sommer zum BVB, er folgte auf den streitbaren Geist Thomas Tuchel, der am Ende eine gespaltene Mannschaft hinterlassen hatte. Anders als Tedesco hielt Bosz aber an ebenso streitbaren Spielern fest; Nuri Sahin oder Marcel Schmelzer etwa, erklärte Gegner Tuchels.

Bosz wollte keinen Schnitt, Bosz wollte verdiente Spieler wieder in die erste Reihe bringen. Das ist kein Kardinalfehler, aber eben auch ein Mosaiksteinchen, das zur Krise geführt hat, in der sich die Borussia derzeit wiederfindet.

Nüchterner, pragmatischer Ergebnisfußball

Tedesco richtet seine Ideen und die Verhaltensweisen der Mannschaft ganz konkret am Personal aus. Die tragenden Säulen sind klar definiert, der Rest orientiert sich am jeweiligen Gegner. Das gewährleistet eine gewisse Flexibilität, es macht die Mannschaft auch unberechenbarer.

Schalke spielt dabei keinen spektakulären Hurra-Fußball, die Offensive fußt stets auf einer sehr gut organisierten Defensive. Schalke schießt die mit Abstand wenigsten Tore der Top 6, hat aber nach den Bayern die beste Abwehr der Liga.

Das fängt vorne an mit sehr laufstarken, mannschaftsdienlichen Spielern wie Guido Burgstaller oder Franco di Santo, die den Gegner permanent stressen. Mit dem Pressing steht und fällt das Schalker Spiel. Derzeit steht es außerordentlich stabil.

Falscher Fußball für diesen Kader?

Borussia Dortmund hat grundsätzlich zwar einen deutlich offensiveren Ansatz, das Gegenpressing und die Umschaltmomente in beide Richtungen sind aber ebenfalls entscheidende Ankerpunkte.

Der BVB hat auf dem Papier ganz sicher den besseren Kader als Schalke. Aber es ist ein Kader, der noch von Bosz‘ Vorgänger Tuchel gebaut wurde und auf dominanten Ballbesitzfußball und Positionsspiel ausgelegt war.

Bosz kam aus der Eredivisie, einer deutlich schwächeren Liga. Dort erdrückte Ajax Amsterdam mit dem Bosz-Fußballs die Gegner irgendwann.

Der Niederländer versucht bis jetzt, dieses System auch auf die Spieler beim BVB zu übertragen. Das kann funktionieren, wie der Startrekord gezeigt hat. Gegen stärkere Gegner aber erwies sich der Bosz-Fußball als wenig tauglich.

Dann verletzten sich wichtige Spieler, die Negativspirale setzte sich in Gang und mittlerweile erscheint die Situation völlig verfahren.

Zu viele Brandherde beim BVB

Bosz hat die wackelige Hierarchie in der Mannschaft ganz offenbar unterschätzt. Während sich auf Schalke schnell neue Anführer herauskristallisierten, fallen die vermeintlichen Leader beim BVB gerade reihenweise um.

Als es gut lief, glänzten fast alle Spieler. Jetzt, da der Karren tief im Dreck steckt, ist keiner da, an dem sich der Rest aufrichten könnte.

Dazu kommen individuelle Fehler, die man von einer Mannschaft dieses Kalibers nur selten sieht, Debatten um Torhüter Roman Bürki und die Eskapaden Pierre-Emerick Aubameyangs.

Dass nun auch noch Chefscout Sven Mislintat, einer der BVB-Helden im Hintergrund, nach London flüchtet, macht das Bild komplett. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc stehen in der Kritik - während es auf Schalke nahezu gespenstisch still ist.

Selbst die üblichen Sticheleien vor einem Derby verkneifen sich die Verantwortlichen. Tedesco tritt kräftig auf die Euphoriebremse, Manager Christian Heidel hat keinen Sinn für Spott und Häme für den Kontrahenten.

"Wir wollen Schalke nach vorne bringen, nicht Dortmund nach hinten", sagte er am Donnerstag.

Mit einem Schalke-Sieg im Derby wäre das allerdings der Fall. Und danach sieht es nach momentanem Stand auch aus.

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