Auch an diesem Wochenende haben die Schiedsrichter wieder schwierige Entscheidungen zu treffen: Ein Nürnberger scheint vergessen zu haben, dass Tätlichkeiten im Zeitalter des Videobeweises nicht mehr unentdeckt bleiben. Hertha BSC ärgert sich über einen strittigen Feldverweis. Und in England verweigert ein Torwart seine Auswechslung und kommt ungestraft davon, weil die Regeln es so vorsehen.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Eine der Stärken der Video-Assistenten liegt zweifellos darin, dass sie Tätlichkeiten hinter dem Rücken des Schiedsrichters schon während des Spiels aufdecken. Der Missetäter kann deshalb sofort zur Rechenschaft gezogen werden. Die erfreuliche Konsequenz: Normalerweise versuchen es die Spieler erst gar nicht mehr.

Ab und zu jedoch gibt es eine Ausnahme, so auch am vergangenen Wochenende in der Begegnung zwischen Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Nürnberg (2:1). Da nämlich schlug der Nürnberger Matheus Pereira schon nach zwei Minuten seinem Gegenspieler Niko Gießelmann mit dem Arm in den Unterleib.

Nicht besonders heftig zwar, aber doch an einer besonders empfindlichen Stelle. Gießelmann ging zu Boden. Der Ball wurde währenddessen ganz woanders gespielt, weshalb sich die Szene auch weit außerhalb des Blickfelds von Schiedsrichter Sascha Stegemann zutrug.

Video-Assistentin Bibiana Steinhaus dagegen entdeckte Pereiras Schlag rasch, weshalb sie ihren Kollegen auf dem Feld informierte. Stegemann musste sich die Bilder nicht lange ansehen, um zur einzig richtigen Entscheidung zu gelangen und Pereira vom Platz zu stellen.

Mit Arm und Schulter am Kinn getroffen

Auch im Spiel des FC Bayern München gegen Hertha BSC (1:0) gab es einen Feldverweis wegen einer Tätlichkeit: Nach 84 Minuten traf es den Berliner Karim Rekik. Schiedsrichter Harm Osmers zögerte nicht, zur härtesten aller Sanktionen zu greifen.

Geschehen war dies: Nach einem langen Ball der Bayern in die Hälfte der Hertha kam es etwa 25 Meter vor dem Tor der Gäste zu einem Zweikampf zwischen Rekik und Robert Lewandowski. Beide Spieler gingen zu Boden. In der Abrollbewegung traf der Münchner mit einem Bein – unabsichtlich, wie es aussah – den Kopf des Herthaners. Beide sprangen danach nahezu gleichzeitig wieder auf.

Lewandowski zog es sofort in Richtung Berliner Tor, doch Rekik blockierte den Laufweg des Stürmers mit dem ausgefahrenen linken Arm und der Schulter. Dabei traf er ihn am Kinn. Lewandowski fiel nach hinten auf den Rasen und schlug die Hände vors Gesicht.

Der gut postierte Referee Osmers erkannte in Rekiks Aktion eine Tätlichkeit. Eine solche liegt laut Regel 12 (Fouls und unsportliches Betragen) vor, "wenn ein Spieler ohne Kampf um den Ball übermäßige Härte oder Brutalität gegen einen Gegner, Mitspieler, Teamoffiziellen, Spieloffiziellen, Zuschauer oder eine sonstige Person einsetzt oder einzusetzen versucht".

Waren die Kriterien für eine Tätlichkeit wirklich erfüllt?

Aber waren diese Kriterien wirklich erfüllt? Das ist eine Frage der Wahrnehmung und des Ermessens. Fest steht unbestreitbar, dass es Rekik nicht um den Ball ging, sondern nur darum, Lewandowski aufzuhalten.

Doch wie viel Kraft setzte er dabei mit seinem Arm und seiner Schulter gegen Kopf und Körper des Gegners ein? Handelte es sich um eine Art Revanche für den zuvor erlittenen Treffer am Kopf? Wie viel Wucht resultierte bei der Kollision aus der gegenläufigen Bewegungsrichtung der beiden Spieler? Und wie weit hat Lewandowski die Wirkung des Aufpralls überzeichnet? Das alles ist nur schwer zu sagen und nicht zweifelsfrei zu beurteilen.

Aus der Perspektive des Schiedsrichters, der den gesamten Ablauf des Zweikampfs verfolgt hatte, stellte sich das Vergehen jedenfalls als Tätlichkeit dar. Das war zumindest nicht abwegig und nicht offensichtlich falsch. Deshalb hielt sich Video-Assistent Patrick Ittrich zurück – wie er es wohl auch bei einer Gelben Karte getan hätte.

Die Sturheit des Chelsea-Torwarts wird nicht bestraft

Ein absolutes Kuriosum ereignete sich derweil im englischen Ligapokalfinale zwischen dem FC Chelsea und Manchester City. Nachdem Chelseas Torwart Kepa Arrizabalaga bereits zweimal wegen Oberschenkelbeschwerden behandelt worden war, wollte ihn sein Trainer Maurizio Sarri beim Stand von 0:0 kurz vor dem Ende der Verlängerung auswechseln.

Reservekeeper Willy Caballero stand auch schon an der Seitenlinie bereit. Doch Kepa winkte mehrmals ab und ließ sich einfach nicht dazu bewegen, seinen Posten zu räumen. Schließlich wurde die Auswechslung abgeblasen. Viele wunderten sich, dass der Torwart damit durchkam – nicht nur gegenüber seinem Coach, sondern auch gegenüber dem erfahrenen Unparteiischen Jon Moss.

Doch dem Schiedsrichter waren nach dem Regelwerk die Hände gebunden. Denn dort heißt es lediglich: "Weigert sich ein Spieler, der ausgewechselt werden soll, das Spielfeld zu verlassen, läuft das Spiel weiter."

Der Betreffende kann also nicht zum Wechsel gezwungen werden und es ist grundsätzlich auch keine Gelbe oder gar Rote Karte für ihn vorgesehen.

Darf man beim Elfmeterschießen auswechseln?

Eine Verwarnung würde hingegen fällig, wenn er den Platz absichtlich langsam verließe, um Zeit zu schinden. In der Weigerung aber sehen die Regelhüter keine Unsportlichkeit, sofern sie nicht erkennbar der Spielverzögerung dient.

Chelseas Trainer Sarri geriet über das Verhalten seines Torhüters am Spielfeldrand in Rage, wechselte ihn jedoch auch vor dem Elfmeterschießen nicht aus. Dabei hätte er dazu die Möglichkeit gehabt.

Zwar dürfen am Elfmeterschießen grundsätzlich nur Spieler teilnehmen, die sich beim Abpfiff auf dem Feld befanden oder es, zum Beispiel wegen einer Verletzung, lediglich kurzzeitig verlassen hatten.

Eine Ausnahme wird jedoch gemacht, wenn ein Torwart verletzungsbedingt nicht mehr weiterspielen kann: Sofern das Wechselkontingent noch nicht erschöpft ist, darf er in diesem Fall ersetzt werden. Andernfalls muss ein Feldspieler für ihn ins Tor gehen.

Die Auswechslung des angeschlagenen Kepa Arrizabalaga hätte Referee Moss also sicherlich zugelassen. Doch Coach Sarri beließ den störrischen Schlussmann zwischen den Pfosten. Genutzt hat es nichts: Chelsea verlor das Ligapokalfinale schließlich mit 3:4.

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