War der Ball auf der Linie oder außerhalb des Feldes? Eigentlich sollte sich diese Frage mit der modernen Videotechnik schnell beantworten lassen. Beim Spiel in Mönchengladbach jedoch rätseln gleich vier Unparteiische nach dem Führungstor für Borussia Dortmund über die Bilder - und treffen schließlich den einzig richtigen Entschluss.

Alex Feuerherdt
Eine Kolumne
von Alex Feuerherdt, Schiedsrichter-Coach und freier Publizist

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Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um sich vorzustellen, wie erleichtert man bei der DFL und dem DFB war, dass die meistdiskutierte Entscheidung des letzten Bundesliga-Spieltags nicht von Bedeutung für die Frage war, wer Deutscher Meister wird.

Zumal es um eine sogenannte faktische Entscheidung ging, bei der es regeltechnisch keinen Graubereich gibt, sondern nur schwarz oder weiß, nur richtig oder falsch, und die deshalb theoretisch gar nicht zu Diskussionen führen sollte.

Konkret ging es um das Führungstor für Borussia Dortmund kurz vor der Pause der Partie bei Borussia Mönchengladbach (2:0). Hatte der Ball zuvor die Torauslinie überschritten oder nicht?

Eine Frage, die sich, so könnte man annehmen, mit den Mitteln, die dem Video-Assistenten zur Verfügung stehen, schnell und eindeutig beantworten lassen sollte. Doch dem war nicht so.

Keine Kameraperspektive lieferte eindeutige Bilder

Denn keine Kamera lieferte Bilder, die zweifelsfrei zeigten, ob der Ball kurz im Toraus war, bevor ihn Marco Reus vor das Gladbacher Tor hob und Jadon Sancho traf.

Man könnte vermuten, dass die beste Perspektive jene der Torkamera war, die genau auf der Höhe der Torlinie angebracht ist und im Rahmen der Torlinientechnik eingesetzt wird.

Doch diese Kamera nimmt nicht den gesamten Bereich zwischen den Eckfahnen auf, sondern kaum mehr als den Raum zwischen den Torpfosten. Die fragliche Szene in Mönchengladbach spielte sich außerhalb dieses Raumes ab, der Ball war nicht im Bild.

Andere Kameraeinstellungen zeigten den entscheidenden Moment jeweils aus einem Blickwinkel, der keinen klaren Aufschluss zuließ. Denn auch, wenn man ein kleines Stückchen Rasen zwischen Torlinie und Ball sieht, bedeutet das nicht automatisch, dass die Kugel außerhalb des Spielfeldes war.

In den Regeln heißt es nämlich, dass das nur dann der Fall ist, wenn der Ball die Linie vollständig überquert hat. "Vollständig" bedeutet: Kein Teil des Balles ragt am Boden oder in der Luft über diese Linie.

Gleich vier Unparteiische schauten sich die Bilder an

Schiedsrichter Manuel Gräfe war damit in einer schwierigen Situation. Sein Assistent an der Seitenlinie hatte den Ball innerhalb des Feldes gesehen, Gräfe selbst hatte deshalb den Treffer anerkannt.

Diese Entscheidung hätte nur dann geändert werden dürfen, wenn der Video-Assistent anhand der Bilder zu der Ansicht gelangt wäre, dass diese Entscheidung eindeutig falsch war, weil der Ball die Torauslinie zuvor überschritten hatte. Aber das zeigten die Bilder eben nicht zweifelsfrei.

Gräfe schaute sich die Sequenz sogar selbst noch einmal am Bildschirm an, gemeinsam mit seinem Assistenten. Bei Schwarz-weiß-Entscheidungen ist das ungewöhnlich, normalerweise beurteilt der Video-Assistent sie alleine.

Doch die Regularien sehen vor, dass in potenziell spielentscheidenden Situationen der Unparteiische die Bilder auch selbst unter die Lupe nehmen und dabei weitere Spieloffizielle zu Rate ziehen kann.

Auf diese Weise soll die Akzeptanz einer Entscheidung erhöht werden. Das erste Dortmunder Tor wurde deshalb gleich von vier Referees überprüft: vom Video-Assistenten und vom Schiedsrichter sowie jeweils von deren Assistent.

Gräfe: "Der Ball ist nun mal rund"

Manuel Gräfe selbst sagte nach der Partie: "Wir wollten es auf dem Platz entscheiden." Zwar habe es sich um eine faktische Entscheidung gehandelt, die im Normalfall in der Kölner Videozentrale getroffen werde. Aber weil sie so eng gewesen sei und es " um Meisterschaft und Champions League ging", habe er sich entschlossen, die Bilder auch selbst zu begutachten. Es gebe eben "leider keine Torlinienkamera".

Die Entscheidung, das Tor zu geben, war für Gräfe jedenfalls alternativlos. Zwar sei "ein bisschen Grün zu sehen am Boden", aber es gelte eben, was schon Sepp Herberger gesagt habe: "Der Ball ist nun mal rund." Und deshalb sei er "nicht komplett im Aus" gewesen.

Gräfe zog ein nachdenkliches Fazit. Die Technik sei in diesem Fall an ihre Grenzen gestoßen und müsse "weiterentwickelt werden", sagte er. Aufgefallen ist ihm zudem, dass "die Spieler mittlerweile auch genervt sind".

DFB und DFL müssten entscheiden, "ob der Mehrwert an vermeintlicher Gerechtigkeit es wert ist, dafür dem Spiel etwas zu nehmen, was es über Jahrzehnte ausgezeichnet hat". Andererseits habe sich der Fußball "immer weiterentwickelt".

Nach dem Spiel war für Marco Reus der Ball im Aus

Als Marco Reus die Bilder vom ersten Tor des BVB gezeigt bekam, sagte er unterdessen: "Für mich war er im Aus. Aber der Schiedsrichter hat so entschieden. Für uns war es Glück."

Wäre die Entscheidung anders ausgefallen, wenn der Nationalspieler diesen Eindruck bereits auf dem Feld gehabt und dem Unparteiischen mitgeteilt hätte?

Das ist einerseits fraglich, denn Reus wäre aufgrund der Geschwindigkeit des Balles, aber auch wegen seines Blickwinkels ebenfalls nicht in der Lage gewesen, ohne Zweifel zu urteilen.

Auf der anderen Seite hätte sich eine solch selbstlose Aussage schwerlich vom Referee ignorieren lassen. Aber dazu kam es letztlich gar nicht erst.

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