Bayern München und der FC Barcelona prägen die Champions League auf fast schon beängstigende Weise. Einiges deutet auf ein anstehendes Duell der Großmächte hin - aber wer hätte dann die besseren Karten?

Es sind nicht nur die Zahlen, die so bemerkenswert sind. Der FC Bayern und der FC Barcelona sind durch ihre jeweiligen Gruppen in der Vorrunde der Champions League nur so durchgeschnitten. Beide Mannschaften haben sich nicht nur einen Spieltag vor Schluss locker für die K.o.-Runde qualifiziert, sie haben dabei auch eindrucksvoll gezeigt, wer derzeit die beiden besten Mannschaften des Kontinents stellt.

Die Gruppenphase ist für Klubs wie die Bayern und Barca schon seit Jahren allenfalls noch eine lästige Pflichtaufgabe.

Am Dienstagabend haben sich beide Teams in einer Art Fernduell zu Kantersiegen hochgeschaukelt, gegen den jeweils angeblich härtesten Kontrahenten in der Gruppe gab es dann ein 4:0 (Bayern gegen Piräus) und ein 6:1 (Barca gegen den AS Rom).

Phasenweise hatte man das Gefühl, beide wollten schon jetzt - ein knappes halbes Jahr vor dem Finale im Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion - ihr Revier abstecken.

Sie bewerkstelligten das mit einem unverschämt perfekten Angriffsfußball, so schön und dominant und tödlich für ihre Gegner, dass diese am Ende froh sein mussten, nicht gleich zweistellig verloren zu haben.

In der Champions League, dem wichtigsten und hochkarätigsten Wettbewerb der Fußballwelt. Die Bayern und Barca dominieren ihre Ligen und walzen nur so durch die Königsklasse, dass es momentan eigentlich nur eine logische Finalpaarung geben könnte - sollten beide Klubs nicht schon vorher einander zugelost werden.

Der FCB droht dem FCB

"Das nächste wichtige Spiel findet im März statt", gab Philipp Lahm zum Besten. Dann geht es in der Champions League in die Achtelfinal-Rückspiele.

Die Hinspiele sind noch für den Februar datiert. Das alleine zeigt schon, mit welcher Selbstverständlichkeit die Bayern unterwegs sind: Bis zum Viertelfinale, wenn dann auch die ganz großen Kaliber gelost werden können, gibt es keinen Stolperstein. Von da an könnte Barca den Bayern drohen. Oder eben die Bayern könnten Barca dann drohen.

Die Münchener stellen das beste Kollektiv des gesamten Wettbewerbs, ein Komplettpaket der Extraklasse. Die Bayern sind in der Spitze und in der Breite besser aufgestellt als in den Jahren davor, sie sind unter Pep Guardiola so flexibel unterwegs wie nie.

Im dritten Jahr des Katalanen in München erreichen die Bayern noch einmal eine neue Dimension fußballerischer Qualität, "wir sind viel besser als die Jahre zuvor", sagt der gewiss nicht lautsprecherische Guardiola selbst.

Das Spiel der Münchener ist kaum zu greifen, die unzähligen Facetten, die problemlosen Systemumstellungen, die Qualität und Tiefe auf der Bank, die Gier auf den Henkelpott - das alles macht die Bayern zum Topfavoriten.

Als problematisch hat sich zuletzt zweimal der Spannungsabfall im Frühjahr erwiesen. Der Schlendrian hat den Bayern da gepaart mit einer ordentlichen Portion Verletzungspech den Zahn gezogen. Das soll in dieser Saison nicht noch einmal vorkommen.

Auch deshalb rotiert Guardiola bereits jetzt hart, Verletzungen wichtiger Schlüsselspieler soll so gegengesteuert werden. Auch wenn das nicht immer möglich ist, wie die erneuten Ausfälle von Arjen Robben oder Thiago zeigen.

Immerhin: Mit Franck Ribery haben die Bayern noch quasi einen Neuzugang in der Hinterhand, der auf diesem Niveau sofort und entscheidend helfen kann.

Barcas individuelle Qualität ist unerreichbar

Und Barcelona? Die haben gezeigt, dass sie sich sogar vom Über-Star Leo Messi für einige Zeit emanzipieren können. Der Argentinier fehlte einige Wochen, die Mannschaft siegte trotzdem munter weiter.

Luis Suarez und Neymar erzielten in den letzten 16 Pflichtspielen unfassbare 29 Tore, Andres Iniesta spielte zuletzt im Clasico so betörend schönen, intelligenten Fußball, dass er im Bernabeu von den Real-Fans mit stehenden Ovationen verabschiedet wurde.

Und jetzt kommt auch noch Messi zurück und füllt den besten Sturm der Welt wieder zum gefürchteten Sturmtrio MSN auf. Individuell gibt es nichts Vergleichbares auf dem Planeten, mit den Dribbelkönigen Messi und Neymar und einem Suarez, der ein Tor nach dem anderen wegknipst.

So einer geht den Bayern ab, trotz der formidablen Thomas Müller oder Robert Lewandowski: Wenn es in den engen Spielen drauf ankommt, muss der erste Schuss sitzen. Suarez bringt diese Qualität mit, Lewandowski oder Müller erlauben sich noch eher einen Fehlschuss.

Trainer Luis Enrique hat es tatsächlich geschafft, die Spielidee deines Kumpels Guardiola aufzugreifen und zu verfeinern. Das große Aber: Barca steht als Kollektiv in der Defensive nicht so kompakt wie die Bayern. Die stellen mit Jerome Boateng und Javi Martinez die beste Innenverteidigung der Welt.

Dazu erscheint Manuel Neuer als letzte Instanz gefestigter als sein deutscher Kollege Marc-Andre ter Stegen im Barca-Tor.

Barca hat den besten Angriff, die größte Erfahrung und so viel individuelle Klasse,

dass einem angst und bange werden könnte. Die Bayern setzen ihr Kollektiv dagegen, ihre Geschlossenheit und Unberechenbarkeit im Angriff. Am Ende entscheidet womöglich der unbedingte Wille ein mögliches Gigantentreffen.

Und wenn aus bayerischer Sicht alles nichts mehr hilft, dann macht vielleicht ein Blick in die Geschichtsbücher Mut. Bisher ist es jedenfalls noch keiner Mannschaft gelungen, den Champions-League-Titel zu verteidigen.