• Eine idiotische Minderheit pfeift bei der Hymne der Dänen, ein einzelner Fan richtet den Laserpointer im Moment des Elfmeters auf Dänemarks Keeper: England schämt sich dafür, sagt Fußball-Kommentator Kevin Hatchard.
  • Das Land ist geteilt. Daran sind die Befürworter des Brexits schuld.
  • Eine junge Nationalmannschaft, die nach dem Austritt aus der EU nach dem EM-Titel greift, sendet eine einende Botschaft vom grünen Rasen.
Kevin Hatchard
Gastkommentar
von Kevin Hatchard

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Im Leben müssen wir uns oft entscheiden, ob wir uns auf das Positive oder das Negative konzentrieren. Für diejeningen, die gerade über die England-Fans diskutieren, die sich während des dramatischen und kraftraubenden EM-Halbfinals gegen Dänemark daneben benommen haben, ist es auch immer wichtig zu unterstreichen, dass wir dabei über eine idiotische Minderheit sprechen.

Die Buh-Rufe bei der dänischen Nationalhymne, die Laserattacke auf den dänischen Torwart Kasper Schmeichel und die vereinzelt aufgetretenen Pöbeleien gegen dänische Fans in Wembley beschämen die englische Fanbasis und das ganze Land.

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Dennoch möchte ich glauben, dass diese Flecke nicht einmal ein Tausendstel des wahren Bildes besudeln. Es gibt die Hoffnung, dass dieser schwindelerregende Lauf der englischen Nationalmannschaft bis in ihr allererstes EM-Finale eine einigende Kraft in einem geteilten Land sein könnte, das vom Brexit und allem was folgte ausgelaugt ist.

Es ist völlig klar, dass sich die gesellschaftlichen Probleme und Ungleichheiten nicht einfach in Luft auflösen, sollte Harry Kane am Sonntag tatsächlich ein Stück Silber in den Himmel recken. Jedoch wäre es die Krönung für ein Team, auf das England stolz sein kann.

Hier können Sie den Text im englischen Original lesen.

Die Regenbogenpresse wird bei Englands Jungstars Abbitte leisten müssen

Junge Fußballer wurden in England oft verteufelt: Sie geben zu viel Geld aus, sie haben keine Ahnung von normalen Leuten, und sie sind ein schlechtes Vorbild für die Jugend. Sie waren eine einfache Beute für die Regenbogenpresse. Unter der Führung von Gareth Southgate hat dieses Team dazu beigetragen, dass diese Geschichten ein Ende haben.

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Marcus Rashfords Bestrebung, Armut und Ungleichheit zu bekämpfen, hat zu Recht Schlagzeilen gemacht. Der Kniefall vor dem Anpfiff ist ebenfalls typisch für die Anstrengungen dieses Teams, einen positiven Wandel einzuleiten - trotz lächerlicher Versuche mancher Menschen, dieses Zeichen als eine Art marxistischen Waffenappell zu verunglimpfen. Sie haben die Buhrufe und die Possen und Querschüsse aus der rechten Ecke gehört, und sie haben sie einfach ignoriert. Es ist ihre Bühne, ihre Plattform, ihre Chance, etwas zu bewirken.

Phil Foden, James Reece, England, Schottland, Wembley, Kniefall, Gruppe D, EM 2021
Phil Foden, links, und James Reece setzen vor dem Anpfiff des EM-Gruppenspiels gegen Nachbar Schottland im Wembley-Stadion mit ihrem Kniefall ein Zeichen gegen Diskirminierung und für Vielfalt und Toleranz in der Gesellschaft.

Warum es dieses Mal anders ist

Der TV-Experte und ehemalige Nationalspieler Gary Neville hatte schon Recht, als er darauf hinwies, dass es der britischen Regierung an ehrlichen Führungspersönlichkeiten mangle, obwohl er natürlich sofort von einigen darauf hingewiesen wurde, doch bitte "die Politik aus dem Fußball herauszuhalten". Obwohl diese Wahrheit manchen vielleicht weh tut, so ist das Argument doch nachweislich richtig. Wenn die Regierung dabei erwischt wird, wie sie Lüge um Lüge verzapft, dann kommt ein freundlicher und rücksichtsvoller Anführer wie Southgate natürlich umso besser weg.

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Dass die Innenministerin Priti Patel den Kniefall als "Politik der Gesten" abtut, nur um sich dann an den Erfolg des Teams zu schmiegen wie an einen geklauten Mantel, zeigt den feigen Opportunismus, gegen den Englands junge Helden in einer Post-Wahrheits-Gesellschaft ankämpfen müssen. Für diejenigen unter uns, die sich für den Brexit schämen, war es schön zu sehen, dass man England eben auch mit einer Botschaft der Toleranz, Hoffnung und Bescheidenheit repräsentieren kann - anstelle von bombastischem Nationalismus.

Aber kommen wir zum Fußball selbst. England hat mit einer Gelassenheit und Geschlossenheit gespielt, die fast schon erschreckend war. Als die Ziellinie gegen erschöpfte Dänen in Sichtweite war, blieb England in Ballbesitz, mit einer Reife und einem Selbstvertrauen, das selbst langjährige Fans so noch nie gesehen hatten. So spielten doch normalerweise Spanien oder Italien, aber nicht England.

Das sind Englands Helden

Helden gibt es dabei genug. Die Innenverteidiger Luke Shaw und Kyle Walker haben jeden Test bestanden, sie haben Joshua Kimmich, Robin Gosens und Joakim Maehle ausgeschaltet und auch die Offensive bereichert. Harry Maguire ist ein Defensiv-Koloss, gebieterisch in der Luft und schlau mit dem Ball am Fuß. Kalvin Phillips und Declan Rice haben für Energie und Stärke im Mittelfeld gesorgt und zu einem unglaublichen Defensivrekord beigetragen.

Raheem Sterling, aufgewachsen in Sichtweite von Wembley, hat noch jedem Verteidiger im Verlauf des Turniers einen Knoten in die Beine gespielt. Sein Pass auf Kane gegen die Ukraine, sein Trauma-vergessen-machendes Tor gegen Deutschland und sein entschlossener Lauf, der zum Elfmeterpfiff gegen Dänemark führte, waren alles unfassbar wichtige Momente auf Englands Weg in die Unsterblichkeit.

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Kane, in der Gruppenphase bleifüßig und nicht gut aufgelegt, ist genau dann lebendig geworden, als es darauf ankam - wie es alle Weltklassestürmer eben so machen.

Seine klugen Bewegungen und die Fähigkeit, sich zurückfallen zu lassen, könnten gegen Italiens erfahrene Innenverteidiger entscheidend sein.

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Die Bilanz der Spiele zwischen Italien und England.

Die Wiederaufstehung des italienischen Fußballs

Gegen das wiederauferstandene Italien hat England nun seinen bisher schwersten Gegner vor der Brust. Roberto Mancini hat eine Nation, die nach der verpassten WM 2018 am Boden lag, aufgehoben. Er hat den uralten italienischen Prinzipien einen modernen Twist verpasst. Er hat ein Team geformt, das solide verteidigt und atemberaubend hart arbeitet - und dennoch attraktiven Fußball spielen will. Mancini gibt freimütig zu, dass ihn seine eigene Unbeständigkeit die Chance gekostet hat, als Spieler auf internationalem Boden wirklich zu glänzen. Er ist ein Mann mit einer Mission. Es mag ein Klischee sein, doch das italienische Team fühlt sich wirklich an wie eine Klubmannschaft, bei der alle am gleichen Strang ziehen. Keine Diven, keine kindischen Wutanfälle.

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Das Mittelfeld ist wunderschön ausgeglichen. Jorginho ist das Metronom, Marco Verratti der Befreiungskünstler, der sich aus den engsten Räumen herausmanövrieren kann. Und könnte man die Energie von Nicolo Barrella irgendwie bündeln, Kohlekraftwerke wären längst Geschichte.

Federico Chiesa im Angriff ist ein großer Teamplayer, einer, der unter Druck immer noch einen drauf legt. Lorenzo Insigne ist eine kleine Rakete, der noch ein Tor davon entfernt ist, dass sie ihn in ganz Italien mit einer solchen Inbrunst lieben, wie das in Neapel schon lange der Fall ist.

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Es wird in jedem Fall ein enges Finale, das perfekte Ende für einen Monat der Freude. England will seine bereits 55 Jahre andauernde Wartezeit auf einen großen Titel endlich beenden. Aber so, wie sich das Team und auch England bisher dargestellt haben, haben die Spieler und ihr Manager vielleicht schon einen Sieg errungen.

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