• Nach Italien hat es auch England ins Endspiel der EM 2021 geschafft.
  • Unser EM-Kolumnist Olaf Thon freut sich auf ein "spektakuläres" Finale - und prophezeit, wer zu dessen Helden werden wird.
  • Zuvor aber wirft der Weltmeister von 1990 einen kritischen Blick auf die Entscheidungen des Schiedsrichters im Halbfinale England gegen Dänemark.
Olaf Thon
Eine Kolumne
von Olaf Thon
Diese Kolumne stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Der Sieg der Engländer hat ein Geschmäckle. Da war zum einen vor dem Elfmeter für England der zweite Ball im Spiel. Eine Kann-Entscheidung des Schiedsrichters, das Spiel zu unterbrechen. Aber ich hätte mir gewünscht, dass er sich die Szene, die zu seinem Elfmeterpfiff geführt hat, nochmal am Monitor anschaut. Das war kein Elfmeter. Das ist jedoch die Grauzone beim Einsatz des VAR.

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Es könnte sein, dass es nach der Szene gegen Harry Kane eine Konzessionsentscheidung war. Das passiert oft. Schiedsrichter sind auch nur Menschen. In der Szene aber hat er wahrgenommen, dass Raheem Sterling von zwei Dänen in die Zange genommen wurde. Und er wurde ja auch ein bisschen getroffen. Der Schiedsrichter aber hat mehr gesehen, als es tatsächlich war. Diese leichte Berührung hat mit einem Foulspiel nichts zu tun. Es ist aber eine Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters.

Dietmar Hamann hat kein Verständnis für den Elfmeter für England gegen Dänemark

Sky-Experter Dietmar Hamann ist sich sicher: Der zweifelhafte Elfmeterpfiff im Halbfinale der EM in London gegen England hat Außenseiter Dänemark die Chance genommen, ins Elfmeterschießen zu kommen. "Und dann hätte Dänemark in Kasper Schmeichel den besseren Torwart gehabt." Englands Sieg sei nicht verdient. (Teaserbild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Laurence Griffiths) © Sky

Olaf Thon: "Die Dänen tun mir leid, dürfen sich aber nicht beschweren"

Die Dänen haben darunter leiden müssen und tun mir deswegen sehr leid. Doch wer defensiv im eigenen Sechzehner steht, darf sich nicht beschweren, wenn so etwas mal passiert. Sie haben ja auch die Chance, im gegnerischen Sechzehner aufzutauchen.

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Aber dann gab es diese totale Unsportlichkeit gegen Kasper Schmeichel, die Attacke aus dem Publikum mit einem Laserpointer. Das hat den Torhüter aber wohl nicht beeinflusst. Denn er hat den Ball ja auch gehalten. In dieser Szene wird das Fair Play, ansonsten in England großgeschrieben, mit Füßen getreten.

Du kannst aber nicht bei 60.000 oder mehr Fans jeden einzelnen unter Kontrolle haben. Es gab in der Bundesliga schon Masseure, die sich dazwischengeschmissen haben, um ein Tor zu verhindern, man hat Flitzer gesehen, man hat Leute gesehen, die mit einem Fallschirm ins Stadion geflogen sind. Es kann so viel passieren, was man nicht verhindern kann.

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Olaf Thon: "Damit haben die Engländer mich beeindruckt"

Unter dem Strich waren die Engländer aber einfach besser. Sie wirkten frischer. Obwohl sie mit 0:1 zurücklagen, hat man immer das Gefühl gehabt, dass sie noch zulegen können. Die Dänen haben vor allem nach ihrem 1:0 zu wenig nach vorne gemacht.

Womit mich die Engländer beeindruckt haben, war ihre taktische Glanzleistung zu Beginn der zweiten Halbzeit. Sie ließen die Dänen in den ersten fünf Minuten kommen, um dann wieder zu attackieren. Sie hätten auch permanent auf dem Gaspedal bleiben können. Sie haben sich aber gesammelt, um dann wieder auf Attacke umzuschalten. Sie haben verdient gewonnen.

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Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es ein Vorteil ist, wenn man die eigenen Fans bei so einem Spiel im Rücken hat. Während der WM-Vorrunde 1990 haben wir in Mailand gespielt. Das waren für uns Heimspiele. Das führte dazu, dass wir im Achtelfinale gegen Holland knapp, aber verdient gewonnen haben.

Die Fans geben einem die zweite Luft. Das könnte das Plus für England im Endspiel werden - obwohl die Italiener einen Tick besser sind. England hätte aber auch außerhalb Wembleys gewonnen. Dass die Engländer jetzt im Halbfinale und im Finale Heimrecht haben, das ist so. Das muss man akzeptieren. Das hat mit Wettbewerbsverzerrung überhaupt nichts zu tun.

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Ich weiß aber nicht, was die Leute zu Buh-Rufen gegen die Hymne des Gegners antreibt oder dagegen anzusingen. Das ist für mich unverständlich und krass unsportlich. Wir müssen uns aber daran gewöhnen, dass wieder Zuschauer in den Stadien sind. Und wir müssen uns vor allem nach anderthalb Jahren Corona auch damit auseinandersetzen, dass auf den Rängen Missstimmung aufkommt.

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an meine Zeit bei der Bundeswehr. Das war vor der WM 1986. Ich war bei der Luftwaffe in Essen-Kupferdreh stationiert. Nach einem Länderspiel fragte mich der Bataillonskommandeur, ob ich denn die Hymne singen könne. Und wenn das so sei, dann sollte ich sie doch lauter singen. Ich habe dann versucht, impulsiver mitzusingen.

Der damalige Teamchef Franz Beckenbauer hat allen Nationalspielern geraten, die Hymne zu singen. Vor Beckenbauers Amtsantritt 1984 haben die Nationalspieler die Hymne höchstens gesummt. Beckenbauer sagte: "Ich kann Euch das nicht befehlen. Ihr müsst das voller Überzeugung machen." Wenn einer für sein Land spielt, dann muss er auch dessen Hymne voller Überzeugung singen müssen. Warum spielt er sonst für dieses Land?

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Olaf Thon: "Keiner singt Italiens Hymne inbrünstiger als Chiellini"

Die Italiener spielen nicht nur am besten. Sie singen auch voller Power ihre Hymne, inbrünstig angeleitet von ihrem Kapitän Giorgio Chiellini. Die Mehrheit der Engländer im Wembley-Stadion wird vor dem Endspiel die Minderheit auspfeifen, die versuchen wird, die italienische Hymne zu diffamieren. Ich hoffe, dass daraus ein Hype für Solidarität entsteht, eine interne Reglementierung der Pfeifenden. Frei nach dem Motto: "Du bist ein Engländer, akzeptiere die Hymne der anderen."

Eine andere Sache ist die Schauspielerei der Italiener. Um ihr zu begegnen, ist der Videobeweis so wichtig. Und zu den Ellenbogenchecks der Engländer, wie Harry Maguire sie gegen Dänemark ausgepackt hat: Das ist Kindergeburtstag im Vergleich zu dem, was wir in den 80er-Jahren mitgemacht haben. Von daher nicht der Rede wert.

Italien wird das Endspiel gewinnen, weil ich das so will. Ich bin ein Freund der Italiener. Sie waren schon nach dem ersten Spiel mein Favorit, meine Turniermannschaft. Sie haben mir in allen Mannschaftsteilen gefallen: Donnarumma im Tor, der Ausstrahlung hat. Kapitän Chiellini und Leonardo Bonucci in der Verteidigung. Die beiden machen einfach Spaß. Oder auch Lorenzo Insigne und Immobile. Ciro Immobile wird der Mann des entscheidenden Tores im Endspiel. Das ist meine Orakel-Entscheidung. Ich freue mich auf ein spektakuläres Endspiel zwischen Italien und England.

Protokoll mit Olaf Thon von Jörg Hausmann

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