Das Europa-League-Qualifikationsspiel in Wolfsberg war für einige Spieler von Borussia Dortmund auch ein Fingerzeig, wie wenig sich Thomas Tuchel um Namen schert und das Kollektiv über alles stellt. Mit Kevin Großkreutz legte sich der Coach sogar verbal an, die Zeit des Ur-Dortmunders beim BVB neigt sich offenbar dem Ende zu.

Dass sich einiges ändern wird unter Thomas Tuchel, das war allen klar. Borussia Dortmunds neuer Trainer hat in den ersten paar Wochen seiner Amtszeit einige Veränderungen durchgeführt, starre Strukturen aufgebrochen und mit eingeschliffenen Abläufen gebrochen.

Wie weit das neue Borussia Dortmund schon ist, konnte man in einer stattlichen Zahl an Testspielen sehen und in Ansätzen auch bei Tuchels erstem BVB-Pflichtspiel. Das 1:0 in der Europa-League-Qualifikation gegen den Wolfsberger AC konnte man getrost auch als weiteres Testspiel ansehen; so mittendrin in der Vorbereitungszeit und gegen einen eher schwächer eingeschätzten Gegner.

Tuchel wählte eine Mischform aus dem, was sich an bevorzugten Spielsystemen in den vergangenen Wochen herauskristallisiert hatte. Der BVB spielte mit dem unter Jürgen Klopp gewohnten 4-2-3-1, aber er interpretierte diese generelle Ausrichtung doch sehr anders.

Wie erwartet, kam es zu vielen Überzahlsituationen und damit Durchbruchversuchen an den Flügeln, die Mannschaft kombinierte sich flach über mehrere Stationen bis in die gefährlichen Zonen des Gegners.

Aber: Trotz drückender Überlegenheit gerade in den 45 Minuten reichte es nur zum knappsten aller Ergebnisse und am Ende musste der BVB sogar froh sein, gegen einen allenfalls zweitklassigen Gegner überhaupt zu gewinnen.

Hauptsache gewonnen

"In dieser Saisonphase ist ein dreckiger Sieg manchmal wichtiger als ein leicht herausgespielter. Mir war bewusst, dass wir hinten raus Stehvermögen brauchen", versuchte Tuchel sich in einer Erklärung. Und er hatte bereits im Vorfeld der Partie darauf hingewiesen, dass seine Mannschaft mit allerhand Widrigkeit würde umgehen müssen.

Dass die meisten davon aber weder dem Gegner, noch dem ungünstigen Spieltermin geschuldet waren und auch der immer schlechter werdende Platz kaum als Entschuldigung herhalten konnte, blieb auch Tuchel nicht verborgen.

Seine Mannschaft zeigte in einer dauerhaften Schwächephase ab Mitte der zweiten Halbzeit einige Abstimmungsprobleme in der Defensive. Besonders bei defensiven Standards wackelten die Gäste gegen immer mutiger werdende Österreicher einige Male bedenklich und konnten sich bei Torhüter Roman Bürki bedanken, dass sie ohne Gegentreffer blieben. Oder bei Henrikh Mkhitaryan, der einmal auf der Linie retten musste.

Auf der anderen Seite versäumten es die Dortmunder einmal mehr, aus einer beachtlichen Zahl an Chancen bereits in der ersten Halbzeit alles zu regeln. Auch das ist ein Relikt aus den alten Tagen, das Tuchel wohl noch eine ganze Weile begleiten dürfte. Nach der Partie rückten aber die Leistung seiner Mannschaft und das nicht minder wichtige Ergebnis in den Hintergrund.

Tuchel überraschte in seiner Startelf mit der Nominierung der Youngster Jonas Hofmann und Julian Weigl. Letzterer war zwar einer der großen Gewinner der Vorbereitung, ein Startplatz im ersten Pflichtspiel der Saison für den 19-Jährigen war aber nicht unbedingt zu erwarten. Zumal in Sven Bender und Gonzalo Castro dafür zwei gestandene Bundesligaspieler nur auf der Bank Platz nehmen durften.

Youngster statt millionenteure Stars

Hofmann wiederum stahl Shinji Kagawa bzw. Kevin Kampl den Platz im offensiven Mittelfeld. Tuchel setzte auf zwei Billiglösungen, der aus Mainz zurückgekehrte Hofmann und 2,5-Millionen-Mann Weigl stachen dabei die teuren Stars kurzerhand aus. Für Castro (elf Mio.), Kampl (zwölf Mio.) und Kagawa (acht Mio.) hat der BVB einst viel Geld bezahlt, gegen Wolfsberg kamen sie als Trio erst spät ins Spiel.

Ein Trend zeichnet sich damit vielleicht noch nicht ab, immerhin aber war es auch ein Fingerzeig des Trainers: Namen und frühere Verdienste zählen nicht. Der nächste Gegner und die passgenaue Ausrichtung auf diesen ist von Relevanz. Genauso wie der aktuelle Leistungsstand und die Art, wie der Spieler dem Team derzeit helfen kann.

Kevin Großkreutz der große Verlierer der BVB-Saison bislang

Kevin Großkreutz gehört im Moment nicht zu diesen Spielern. Der Nationalspieler kämpft nach seiner Verletzung immer noch um den (sportlichen) Anschluss und wurde - quasi zeitgleich zum Anpfiff in Wolfsberg - mit ziemlich deutlichen Worten in der "Bild" zitiert. Gefragt nach einer möglichen Vertragsverlängerung antwortete Großkreutz barsch. "Die nächsten Wochen werden zeigen, ob ich weiter für Borussia spielen werde oder nicht. Ich bin tief enttäuscht, dass schon seit Wochen in Dortmund keiner mehr mit mir geredet hat."

Tuchels Replik ließ nicht besonders lange auf sich warten. Und die hatte es in sich. "Da meint er wohl einen anderen Klub. Das kann ich so definitiv nicht bestätigen, und das enttäuscht mich auch ein bisschen. Es ist jetzt das zweite Mal, dass er den Weg über die Öffentlichkeit wählt. Das ist nicht, was wir vereinbart hatten, wie wir miteinander umgehen wollen, und deshalb enttäuscht es mich."

Auch von Sportdirektor Michael Zorc gab es die entsprechende Antwort. "Ich kann das nicht verstehen, wir haben immer Kontakt. Es gibt derzeit auch kein spezielles Gesprächsthema. Wenn er den Wunsch hat zu reden, stehen wir ihm zur Verfügung. Wir drängen nicht auf einen Wechsel. Er soll sehen, dass er wieder in Form kommt und nach seiner Verletzung wieder die Trainingseinheiten absolviert."

Noch tief in der Nacht relativierte Großkreutz seine Aussagen auf seinem "Instagram"-Account ein wenig, schrieb davon, falsch verstanden worden zu sein. Missverständnis oder nicht: Die latente Unzufriedenheit und der neue Fußball unter Tuchel lassen Großkreutz' Chancen auf einen Verbleib bei seinem BVB auf ein Minimum schrumpfen. Es deutet einiges auf einen Wechsel hin.

Dass sich einiges ändern wird unter Thomas Tuchel, das war allen klar. Jetzt könnte der Ur-Dortmunder und Publikumsliebling Kevin Großkreutz einer der Leidtragenden der neuen Entwicklungen sein.