Der Rücktritt von Mesut Özil und seine Rassismus-Vorwürfe an den DFB haben auch in Europa zu einem Medienecho geführt. Hier wird vor allem die politische Dimension betont.

Den Rückzug von Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft kommentiert auch die europäische Presse. Dabei gibt es viel Verständnis für den Weltmeister von 2014.

Internationale Pressestimmen zum Rücktritt von Mesut Özil

Türkei

"Sabah" erklärt, dass "Mesut Özil das schönste Tor gegen den Rassismus geschossen" habe. Er habe "Stopp" gesagt gegen die zunehmende Migranten-Feindlichkeit und den Rassismus in Europa und dem "rassistischen Gesicht" des Westens den Spiegel vorgehalten.

"Takvim" bezieht Stellung: "Wir sind an Deiner Seite, mein Bruder!". Özil habe dem Druck nicht standhalten können. Auch "Fanatik" unterstützt Özil: "Du bist nicht alleine."

Alles begann mit diesem Foto und wurde zu einer Debatte über Rassismus.

"Habertürk" schreibt, das Ziel, Mesut Özil aus der deutschen Nationalmannschaft zu drängen, sei erreicht worden. Der "rassistische Kopf", der in Deutschland noch immer im Hintergrund agiere, habe Özil "regelrecht zu dieser Entscheidung gezwungen".

Der staatliche Sender TRT Spor warnt davor, nur über "die Deutschen" zu reden. In der Kritik stehe vor allem der DFB und eine Gruppe von Deutschen. "Man darf nicht verallgemeinern. Das ist eine Falle des Rassismus."

CNN Türk meint, Özil habe der deutschen Gesellschaft "ein wichtiges Signal" gegeben. In Zukunft würden sich deutsch-türkische Fußballer jedoch eher für die türkische Nationalmannschaft entscheiden.

Großbritannien

"Guardian": "Özil ist der Inbegriff des Migranten, der nicht reinpasst. Seine Eltern kommen aus der Schwarzmeerstadt Zonguldak, wuchsen aber im westdeutschen Gelsenkirchen auf. Er ist ein Superstar bei Arsenal, der seine Antwort auf einen deutsch-türkischen Streit auf Englisch twittert. Indem sie von ihrer gegenseitigen Kritik zehren, um die in der Mitte zu isolieren, zeigen die Reaktionen der Hardliner auf beiden Seiten eine Symbiose. Deutschland und die Türkei ähneln sich darin, dass in beiden Ländern Ideen von 'Rasse' und 'Blut' weiterhin die Nation definieren."

"Telegraph": "Mit der extremen Rechten in Frankreich, die sich beschwert, dass 15 Spieler der 23-köpfigen Mannschaft des Landes afrikanische Wurzeln (meist in den ehemaligen französischen Kolonien) haben, sowie Lukaku, der auf die Vorurteile hinweist, mit denen er in Belgien zu kämpfen hatte (auch Großbritannien hat bedeutende Probleme mit einem abwegigen Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit), zeigt der Fußball nicht den Weg für die Politik, sondern geht in ihren Flammen auf."

"Daily Mail": "Mesut Özils Rückzug aus dem internationalen Fußball ist das tragische Ende einer glorreichen Karriere. (...) Einer der besten Mittelfeldspieler Deutschlands wurde von einem Symbol der Integration zu einer Gestalt der toxischen öffentlichen Debatte."

Österreich

"Kurier": "Es ging am Ende nicht mehr darum, dass Özil sich im türkischen Wahlkampf mit einem Autokraten fotografieren ließ, der Gegner seiner Politik einsperren lässt. Vielmehr warf man Özil vor, kein echter Deutscher zu sein, sich nicht mit seinem Geburtsland zu identifizieren. Plötzlich war Nationalismus der übelsten Sorte im Spiel, der, wie eigentlich immer, am Ende in Rassismus umschlug."

"Standard": "Um Erdogan geht es aber vor allem auf den zweiten Blick. Vielmehr geht es um gekränkten Nationalstolz, eine beleidigt geführte Integrationsdebatte und um blanken Rassismus. Nicht weniger. Mit dem Foto zertrümmerten Özil und Gündoğan jene Integrationsluftschlösser, deren Fundament vielmehr Assimilation ist."

Schweiz

"Neue Zürcher Zeitung": Sportler in anderen Ländern mögen hin und wieder ähnliche Erfahrungen machen. Aber die Art und Weise, wie die deutsche Öffentlichkeit ihre Athleten vereinnahmt und verurteilt, ist eine besondere. Als drei Schweizer Nationalspieler bei der WM die Doppeladler-Geste machten, ein bekanntes Zeichen albanischer Nationalisten, gab es im Land zwar eine hitzige Diskussion. Die hat sich aber vergleichsweise schnell beruhigt, und alle Beteiligten spielen nach wie vor für die Schweiz.

"Tagesanzeiger": "Jetzt steht dieser Spieler für die bange Frage von Grünen-Politiker Özdemir, ob Deutschtürken künftig noch einen Platz im deutschen National-Team finden würden. Und er steht für sein dumpfes Gefühl, trotz aller sozialen Dienste, die er für das Land erbrachte, auf Ablehnung zu stoßen. Und auf Rassismus."

Spanien

"El País": "Die Vorwürfe des Fußballers zeigen, dass die Grundlage der ethnischen und kulturellen Integration, die das Bild des Siegers von 2014 zeigen sollte, nicht wirklich solide ist. Der Aufstieg der extremen Rechten, die sich in den 90 Sitzen zeigt, die die AfD bei den Bundestagswahlen 2017 gewann, scheinen die bittere Sicht des Fußballers zu stützen."

Polen

"Gazeta Wyborcza": "Der Fall schockiert, weil er einen Schatten auf die ganze deutsche Nationalelf wirft. (...) Das (multiethnische) Team sollte der Beweis für die Offenheit gegenüber Einwanderern sein. Dieses Bild hat Özil durch die Rede von Rassismus in der Fußballwelt zerstört. Und das geschieht in einem Moment, in dem die Begrenzung der Einwanderung zu einem der Hauptthemen deutscher Politik wird und der Streit darüber, ob Menschen aus Afrika und Nahost automatisch zurückgeschickt oder ins Land gelassen werden sollen, um ein Haar die deutsche Regierung zerstört hat."

Russland

"Sport-Express": "Skandal in der deutschen Nationalmannschaft - Özil hat der Hetze nicht standgehalten. (...) Aber vielleicht überlegt Özil es sich noch einmal nach einem Rücktritt der deutschen Fußballspitze?"

(cai/dpa)