Vor dem Auftakt der deutschen Nationalmannschaft bei der Handball-EM gegen Spanien sprach Weltmeister Michael "Mimi" Kraus mit unserer Redaktion über verpasste Chancen des deutschen Handball, Kabinen-Selfies und peinlichen Zwist in der Verbandsspitze.

Ein Interview

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Michael "Mimi" Kraus ist das vielleicht bekannteste Gesicht des deutschen Handballs. 2007 führte er das DHB-Team im eigenen Land als überragender Spielmacher zu WM-Gold. Bei der EM, die für Deutschland an diesem Samstag mit dem Vorrundenspiel gegen Spanien (18.30 Uhr) beginnt, ist der 32-jährige Rückraumspieler von FrischAuf Göppingen diesmal nur Zuschauer. Im Interview mit unserer Redaktion sprach Kraus über Typen im Handball, Kabinen-Selfies - und die Chancen des DHB-Teams beim Turnier in Polen.

Herr Kraus, Sie haben immer wieder gesagt, welch‘ große Ehre es ist, das Nationaltrikot zu tragen - ein Erfolgsfaktor?
Michael Kraus: Absolut, es ist das Größte, für sein Land auflaufen zu dürfen und da ist es klar, dass man immer alles gibt, um das Spiel zu gewinnen.

Das DHB-Team wird sich darauf besinnen müssen. Silvio Heinevetter, Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki, Paul Drux – sie alle fehlen. Gemessen an der individuellen Qualität sieht’s gegen Spanien nicht gut aus.
Sicherlich ist man beim Auftaktspiel vom Papier her nicht der Favorit, trotzdem wird sich das deutsche Team auf seine Tugenden besinnen und ein gutes Spiel zeigen. Ob es gegen Spanien zum Sieg reicht, wird davon abhängen, wie unsere Torhüter ins Spiel und das Turnier finden.


Es kommt auf den Bundestrainer an. Dagur Sigurdsson ist für seine taktische Raffinesse bekannt, bringt gerne den siebten Feldspieler oder lässt mit zwei Kreisläufern angreifen. Kann im Handball ein Trainer ein Spiel entscheiden?
Der Trainer kann, wie jeder andere Teil der Mannschaft, seinen Teil dazu beitragen. Die Mannschaft muss es dann auf dem Spielfeld umsetzen. Jeder Trainer handelt und dirigiert nach bestem Wissen und da ist es auch normal, dass man mal daneben liegt. Von daher kann ein Trainer allein kein Spiel entscheiden.

Sigurdsson überraschte vor dem Turnier. Er lässt den langjährigen Stammkeeper Heinevetter zu Hause und damit eine echte Type. Fehlen Deutschland die sogenannten "aggressive leader" wie beim WM-Sieg 2007 etwa Markus Baur einer war?
Die aktuelle Mannschaft hat eine komplett andere Struktur als das Team zu Daniel Stephans oder Markus Baurs Zeiten. Die Mannschaft damals hatte einen sehr gefestigten Kern, der über Jahre hinweg zusammen spielte, diese Mannschaft wurde nicht von einem Einzelnen geführt. Jeder wusste, was und wann er es zu tun hatte. Das aktuelle Team ist auf dem Weg dorthin.

Mit Ihnen wird aber der Stimmungsmacher nicht dabei sein. Legendär sind Ihre Kabinen-Selfies auf Social Media. Sowas kennt man sonst nur aus dem Fußball. Wäre es nicht auch für den Handball an der Zeit, in der Vermarktung neue Wege zu gehen?


Nun ja, mich nur auf den Stimmungsmacher zu reduzieren, wäre sicherlich falsch. Bei der letzten WM in Katar bin ich sozusagen noch in letzter Minute auf den WM-Zug aufgesprungen, obwohl ich davor lange verletzt war und konnte somit keine wirkliche Leistung zeigen. Aber sie haben schon Recht, vermarktungstechnisch müsste man sich von anderen Sportarten abheben, dazu braucht man natürlich Gesichter, die sich dafür eignen.

Es passt ins Bild. Der Handball muss sich den Vorwurf gefallen lassen, seit dem WM-Sieg 2007 zu viele Chancen liegen gelassen zu haben. Sie waren damals einer der Helden.
Wir sind 2008 in Norwegen durch eine unglückliche Niederlage gegen den späteren Europameister nur knapp an einer Medaille vorbeigeschrammt. 2009 waren wir auch nicht weit von einer Medaille entfernt. Hätten wir bei diesen Turnieren Edelmetall geholt, wäre sicherlich einiges anderes gelaufen, aber so ist der Sport.

Sie sagen es: Erfolge der Nationalmannschaft hätten Signalwirkung. Doch seit Jahren verpasst das DHB-Team den Sprung zurück in die Weltspitze. Woran liegt’s?
Das letzte Quäntchen Glück, der letzte entscheidende Schritt, blöde Verletzungen, ein kleiner Umbruch, um in die Weltspitze vorzudringen, muss einfach alles passen und da darf man sich keine Schwächephasen erlauben, sonst wird das bestraft.


Vielleicht auch wegen internen Querelen? In zuverlässiger Regelmäßigkeit geht die Spitze des DHB, wie auch immer besetzt, auf sich, Partner und deren Ideen los.
Das ist für die Außendarstellung fürchterlich, da man sich auch gegen andere aufstrebende Sportarten behaupten muss. Man sollte, egal in welcher Position man agiert, immer ehrlich miteinander umgehen und offen für Neues sein. Man darf nicht vergessen, dass wir alle an einem gemeinsamen Ziel arbeiten und das ist: Erfolg für den deutschen Handball.

Bob Hanning, Vizepräsident Leistungssport, war im Sommer der Sieger in einem Machtkampf mit Weltmeistertrainer Heiner Brand. Ist er der Mann der Zukunft?
Ich kenne beide Seiten gut und weiß, dass beide große Handballfachmänner sind. Was dort intern genau vorgefallen ist, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass man es hätte anders lösen können. Bob ist sicherlich ein Baustein für die Zukunft, aber er wird alleine nichts bewegen, das weiß er aber besser als jeder andere.

Hanning traut Deutschland das Halbfinale zu, Brand spricht sogar von einer Medaille. Und das, obwohl Nationen wie Spanien, Dänemark, Kroatien, Polen und vor allem Frankreich weit weg wirken. Was ist drin?
Dasselbe wie jedes Jahr. Das deutsche Team ist für Überraschungen gut und ich traue ihm auch ohne die verletzten Spieler einiges zu. Ich hoffe, dass Heiner am Ende Recht behält, auch die anderen Nationen müssen erst einmal ins Turnier finden und haben ebenfalls Verletzungssorgen.


Das große Projekt aber ist die Handball-WM 2019 im eigenen Land. Wird dieses Turnier das große Comeback des deutschen Handballs?
Ich hoffe, dass genau dieser Satz 2019 durch die Medien geistert: "Gold - das große Comeback des deutschen Handballs!"

Michael Kraus ist einer der bekanntesten deutschen Handballer. 2007 führte er das DHB-Team im eigenen Land als überragender Spielmacher zu WM-Gold.
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