Die Vierschanzentournee: Es ist der Klassiker im internationalen Wintersport zwischen Weihnachten und den Heiligen Drei Königen. Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen - zwischen Allgäu und Salzburger Land messen sich rund um Silvester die besten Skispringer der Welt.

Ein Interview

Vierschanzentournee: Jens Weißflog gewann den Klassiker viermal

1984, 1985, 1991 und 1996 - gleich viermal gewann Jens Weißflog die Tournee. Unvergessen sind die Wettkämpfe Anfang der 1990er Jahre, als der heute 57-jährige Sachse gemeinsam mit Dieter Thoma das Springerfeld dominierte. Bis heute beobachtet Weißflog, der ein Hotel in Oberwiesenthal im Erzgebirge betreibt, die Entwicklungen in "seinem" Sport genau.

Im Interview spricht er vor dem Tournee-Auftakt über die Stärken des Weltcup-Führenden Karl Geiger, die Herausforderer des DSV-Adlers - und den richtigen Moment für den Absprung am Schanzentisch.

Herr Weißflog, die deutschen Wintersport-Fans sehnen einen Tournee-Sieg herbei. Sven Hannawald war 2002 der letzte Gewinner aus dem DSV-Team. Aktuell führt Karl Geiger (28) den Gesamtweltcup an.

Jens Weißflog: Karl Geiger ist schon letztes Jahr als Favorit in die Tournee gegangen. Wenn jemand als Führender im Gesamtweltcup anreist, kann man diese Rolle nicht wegdiskutieren. Aber: Er ist einer der Favoriten, nicht DER Favorit. Wir hatten in dieser Saison bei den Springen bisher viele verschiedene Sieger, die allesamt immer oben stehen können.

Vierschanzentournee: "Karl Geiger hat großen Druck"

Sechs Sieger bei neun Springen, um genau zu sein. Ist Geigers ärgster Rivale nicht dennoch der Japaner Ryoyu Kobayashi? Er gewann die Vierschanzentournee 2018/19 und in dieser Saison schon drei Springen.

Er hat zumindest nicht diesen großen Druck wie Geiger, der nach 20 Jahren der erste deutsche Tournee-Sieger wäre. Die Erwartung an Geiger ist, dass endlich wieder ein Deutscher gewinnt.

Wer kann den Beiden den Tournee-Sieg streitig machen?

Es gibt einige Herausforderer. Vor allem den Norweger Halvor Egner Granerud darf man nicht außer Acht lassen. Wenn er seine Sprünge runterbekommt. Herrscht Rückenwind, kann man die Norweger vergessen. Wenn er, wie in Klingenthal (2. Platz), ein minimales Lüftchen von vorne hat, ist er stark.

Warum gerade dann?

Die Technik der Norweger ist auf diese Windbedingungen ausgelegt. Granerud und Marius Lindvik haben ihre Technik darauf perfektioniert. Bei vielen anderen bricht unter diesen Bedingungen dagegen das System zusammen.

Vierschanzentournee: Jens Weißflog erklärt Vorteil von Karl Geiger

Wie ist es bei Karl Geiger? Hat er seine Technik modifiziert, nochmal einen Schritt nach vorne gemacht?

Im Vorjahr hatte er ausgerechnet kurz vor der Tournee einen Hänger. In dieser Saison ist er dagegen sehr stabil. Er kann seinen Sprungstil, im Vergleich zu anderen Springern, allen Windbedingungen anpassen. Egal, aus welcher Richtung der Wind weht, er hat keinen Nachteil. Das liegt an seinem Absprung, er bringt den nötigen Druck auf die Schanzentisch-Kante. Er springt immer sehr genau ab, geht nie zu spät vom Schanzentisch.

Und er geht im richtigen Moment aus der Hocke hoch?

Genau. Er kommt gut und hoch in die Flugbahn hinein.

Was ist mit Deutschlands Nummer zwei, Markus Eisenbichler? Vom Sieg, über das Podest bis zu einem regelrechten Absturz im zweiten Durchgang ist bei ihm für gewöhnlich alles drin.

Dadurch hat er zumindest keinen Druck (lacht). Er ist kein Mitfavorit, niemand erwartet von ihm, dass er die Tournee gewinnt. Das kann ihn beflügeln. Der Absprung, wie er in den Flug übergeht, das ist bei ihm eine Lotterie. Manchmal zieht er eine Niete, manchmal funktioniert es richtig gut. Kobayashi und Geiger sind die Favoriten, ja, aber andere - wie Eisenbichler – können angreifen. Eisenbichler ist nicht so stabil wie Geiger, hat aber auf jeden Fall das Potenzial, auch mal bei einem Springen um den Sieg mitzuspringen.

Nicht stabil, weil er Nerven zeigt?

Er hat mit Weltmeistertiteln nachgewiesen, dass er Belastung aushalten kann. Das Problem ist, dass er momentan nicht in jedem Springen konstant auf seine Technik zurückgreifen kann. Seine Sprünge wirken nicht automatisiert. Manchmal denkt er auf dem Schanzentisch etwas zu viel nach.

Vierschanzentournee: Weißflog mahnt vor Oberstdorf-Springen

Beginnen wird die Vierschanzentournee traditionell in Oberstdorf. Geiger hat das Auftaktspringen im Vorjahr gewonnen. Er ist im Allgäu geboren und aufgewachsen, lebt mit seiner Frau Franziska und seiner kleinen Tochter dort.

Er kennt die Schanze. Oberstdorf hat aber immer gezeigt, dass man hier auch Glück braucht. Schon viele Favoriten sind in Oberstdorf gescheitert. Hier hast du gerne wechselnde Bedingungen, oft Rückenwind. Gerade auf dieser Schanze kann ein Favorit schon im ersten Springen um seine Chancen gebracht werden.

Weil es die kniffligste Tournee-Schanze ist?

Die letzten Jahre war das immer Innsbruck. Das Wetter ist dort unbeständig. Einmal gab es plötzlich einen Föhn (warmer Fallwind, d. Red.), ein anderes Mal waren die Windbedingungen den ganzen Wettbewerb über nicht berechenbar. Das hängt mit der Lage der Schanze zusammen. In Innsbruck steht diese auf dem Bergisel sehr exponiert. Hier kann der Wind angreifen. Die Veranstalter haben letztes versucht, mit Windnetzen das Springen sicherer zu machen. Ganz sicher ist aber letztlich keine Schanze.

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