Für Chronistinnen geht eine dankbare Woche zu Ende. Bemerkenswerte Wortmeldungen an jeder Ecke. Zum Beispiel Hans-Georg Maaßen, die CDU-Antwort auf den rechtspopulistischen Triumphzug der AfD durch Niederungen protestwählender Merkel-Hasser.

Marie von den Benken
Eine Kolumne
von Marie von den Benken
Diese Kolumne stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Zu Maaßens orchestrierter Empörungsstrategie gehört es, regelmäßig dort Likes einzufangen, wo sich selbst so mancher Bernd-Höcke-Jünger schon lange nicht mehr hin traut. Um dieser Tradition treu zu bleiben, fordert Maaßen diese Woche Gesinnungstests für jeden, der bei der "Tagesschau" arbeitet. Vereinfacht gesagt: Wer Grün wählt, sollte nicht für Deutschlands Nachrichten-Flaggschiff arbeiten dürfen. Wer Maaßen wählt, dagegen vermutlich schon.

Derartige Eskapaden sorgen natürlich zuverlässig für Entrüstung. Es empören sich hochrangige Politiker (nur nicht aus der CDU) und hochrangige Promis (nur nicht Til Schweiger). Kanzlerkandidat Armin Laschet (Sie erinnern sich vielleicht) hüllt sich stets in Schweigen. Ausgerechnet der sonst recht redselige Gute-Laune-Politiker, der keine Talkshoweinladung ausschlägt und uns Klassiker wie "Aus irgendeinem Grund ist das Klimathema plötzlich zu einem weltweiten Thema geworden" am Fließband liefert, gibt sich bei Rechtsaußen Maaßen traditionell wortkarg. Eine Partei, die hinsichtlich einer neuen Generation, die auf tatsächliche Lösungen für Klimawandel oder strukturellen Rassismus beharrt, ohnehin bereits in Panik ausgebrochen ist, zerfleischt sich nicht auch noch selbst.

Kritik ja – aber in Maaßen

Woran mag das liegen? Ist es ein wenig subtiler Versuch, demokratiefeindliche Aussagen von Mitstreitern bis nach der Wahl auszusitzen? Immerhin sind Maaßen-Sympathisanten genauso wahlberechtigt wie Olaf Scholz. Und ist nicht jede Stimme, die nicht an die AfD geht, eine gute? Vielleicht. Allerdings könnte man auf Basis dieser Logik auch argumentieren: Ich zünde gerne Autos an, denn jeder Kilometer, der nicht gefahren wird, ist gut für die Umwelt.

Mit selektiver Ignoranz und PR-Ablenkungsmanövern wird versucht, wenigstens noch mal vier Jahre Kanzleramt zu sichern, bevor noch mehr Jahrgänge an die Wahlurnen treten dürfen, bei denen der Anteil der Laschet-Fans etwa dem Anteil der Wirecard-Fans in der Redaktion des "ZDF-Magazin Royale" entspricht. Massive Schützenhilfe dafür gibt es aus ungewöhnlicher Richtung. Die Grünen erleben gerade eine Götterdämmerung, wie es sie so kurz vor einer Bundestagswahl selten gegeben hat. Beinahe täglich fluten neue Ungereimtheiten zur Vita oder Plagiatsvorwürfe zum Buch von Spitzenkandidatin Annalena Baerbock die Titelseiten.

Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin der Grünen

Bei dem einen Verlag mehr. Da, wo ein Kanzler, der nicht von der CDU kommt, offensichtlich größere Angst auslöst als Klimawandel und marodes Gesundheitssystem zusammen. Bei dem anderen Verlag weniger. Da, wo die Chefredaktion nicht entsetzt auswandert, wenn Armin Laschet nicht Kanzler wird.

Natürlich stecken hinter beiden Mustern bestimmte Motive. So wie in jedem Text – diesem eingeschlossen. Dennoch muss man attestieren: Es liegt nicht allein in der Verantwortung von Verlagen, dass die noch vor einigen Wochen als Sensationskandidatin hofierte Annalena Baerbock inzwischen einen Zustimmungs- und Umfrageabsturz hingelegt hat, gegen den der Karriere-Crash von Michael Wendler wirkt wie ein Wellnessurlaub.

Gute Quoten, schlechte Quoten

Wäre die Kandidatur von Annalena Baerbock das TV-Format "GZSZ", würde auf RTL um 19:40 Uhr längst irgendwas mit Daniel Hartwich und Murmeln laufen. Quoten-Notbremse. Nun ist Annalena Baerbock aber nicht Jo Gerner – und somit bleibt der einzige Ausweg eine großangelegte Verteidigungskampagne. Mitglieder und Sympathisanten werden angehalten, sich überall fleißig pro Baerbock zu äußern. Auch als aus der Lappalie um ein paar nicht als Zitat gekennzeichnete Passagen in ihrem Buch signifikante Urheberrechtsverletzungen wurden, blieb das mit dem Klärschlamm einer Trollarmee bewaffnete Kanonenfutter auf Social Media beinahe sklavisch bei der Stange.

Verteidigung um jeden Preis. Da wird dann Armin Laschet auch schon mal persönlich für die Klimatoten der Hitzewellen in Kanada verantwortlich gemacht. Man kann Laschet für viel kritisieren. Ich bin die Erste. Seine Motivation zu ernsthafter Klimapolitik entspricht etwa der Motivation von Andi Scheuer, bei der lupenreinen Aufklärung des Maut-Fiaskos mitzuwirken. Wer allerdings auf die Idee kommt, ihn für Tote in Kanada persönlich verantwortlich zu machen, bei dem sind die Synapsen dann aber auch schon lange nicht mehr auf akkurate Einsatzfähigkeit überprüft worden.

Ein Fiasko in neun Akten

Und so geht er weiter, der unrühmliche Schlagabtausch im öffentlichen Raum, bei dem jedwedes Fingerspitzengefühl für die Dynamik von Social Media fehlt. Absurder wäre nur noch, sich als Kommunikations- und Social-Media-Experte zu gerieren und dann seine Expertise ausgerechnet damit untermauern zu wollen, auf Twitter beleidigende Hashtags als Krone der Kommunikationskunst zu feiern. Was uns zu einem weiteren Highlight der Woche bringt. Das von einem Business-Coach namens Mathias Priebe auf Twitter lancierte Tutorial, wie man seine Reputation innerhalb von wenigen Stunden verspielen kann. Ein Drama in neun Akten:

1. Social-Media-Experte Priebe entdeckt das Hashtag #HaltDieFresseLauterbach.

2. Social-Media-Experte Priebe findet Karl Lauterbach blöd und außerdem gibt es für Anti-Lauterbach-Content immer anständig Likes aus der Schwurblerszene.

3. Social-Media-Experte Priebe gibt sich Mühe, möglichst oft das Hashtag #HaltDieFresseLauterbach zu verwenden.

4. Postwendend entsteht auf Twitter als Antwort das Hashtag #HaltDieFressePriebe.

5. Social-Media-Experte Priebe hasst Karl Lauterbach doch nicht so sehr, wie er sich selber überschätzt und kündigt vollmundig an, er würde seinen Twitter-Account sofort stilllegen, wenn es #HaltDieFressePriebe in die Trends schaffte.

6. Social-Media-Experte Priebe stellt fest: #HaltDieFressePriebe ist in den Trends.

7. Social-Media-Experte Priebe entscheidet, dass er das doch anders gemeint hatte und legt seinen Account nicht still.

8. Social-Media-Experte Priebe wundert sich, dass er doch nicht schlauer als das Internet ist und ruft sich zum Opfer einer Hetzkampagne aus.

9. Social-Media-Experte Priebe stellt fest, dass man ihn auf Google negativ bewerten kann (sogar ich!) und reagiert souverän mit der Androhung von rechtlichen Schritten.

Selbstherrliche Totalüberschätzung funktioniert in der Emphase der sozialen Netzwerke zumeist nicht gut. Herr Priebe wird daher zum Buhmann der Woche abgestempelt. Aber immerhin hat ihn niemand für Klimatote in Kanada verantwortlich gemacht. Angesichts der Hysterie in der Echauffierungsindustrie hätte mich das auch nicht mehr gewundert.

Baerbock bleibt!

Aber zurück zum Thema: Ungeachtet dessen, dass sogar innerhalb der Grünen langsam erste Stimmen laut werden, ob Robert Habeck nicht eventuell doch die bessere Wahl gewesen wäre, wird Annalena Baerbock zum großen Bedauern einiger Medienhäuser vermutlich nicht auf den letzten Metern abgelöst. Das wäre auch ein bisschen so, als hätte man Jogi Löw nach dem Ungarn-Spiel kurzfristig durch Lothar Matthäus ersetzt. Wir dürfen uns also auf weitere Wochen des amerikanisierten Wahlkampfes freuen, in dem es in erster Linie um Diskreditierung seiner Gegner geht – und eigentlich kaum um eigene Inhalte, Lösungsvorschläge oder Ideen. Es bleibt also spannend! Bis nächste Woche!

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