Die Kanzlerin ist so populär wie lange nicht mehr. Angela Merkel erhält Zuspruch von SPD-Wählern, aus dem Ausland und der Mehrheit der Deutschen. Nur eine Partei hadert öffentlich immer wieder mit der Kanzlerin: ihre eigene. Die Gründe für den Unmut von CDU und CSU liegen auf der Hand.

Wer in den letzten Monaten die Nachrichten verfolgte, der konnte leicht den Eindruck bekommen, da gehe eine Kanzlerin sehenden Auges in den eigenen Untergang. Die Kritik an Angela Merkels Politik in der Flüchtlingskrise schien vor allem aus ihrer eigenen Partei zu kommen.

Horst Seehofer übte sich in täglich neuen Widersprüchen gegen die Regierung, an der er als Parteichef der CSU unmittelbar beteiligt ist. Von einer fortgesetzten "Herrschaft des Unrechts" war die Rede, von Putsch-Gedanken innerhalb der CDU/CSU in den Medien zu lesen.

In der Partei brodelt es. Und Gabriel ist die Symbolfigur der Krise.

Aus Merkels eigener Partei war immer wieder zu hören, dass die Kanzlerin nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung vertrete, ein mögliches Misstrauensvotum geisterte durch das politische Berlin.

Merkel ist so beliebt wie lange nicht mehr

Und heute? Eine Umfrage des Instituts Forsa für den Stern und RTL kommt zu dem für viele überraschenden Ergebnis: Angela Merkel ist so beliebt wie lange nicht mehr. Würde sie von den Wahlberechtigten direkt gewählt werden, käme sie auf über 50 Prozent der Stimmen.

Das ist der höchste Wert für die Kanzlerin in diesem Jahr - und das nicht trotz, sondern gerade wegen ihres Verhaltens in der Flüchtlingskrise.

Denn es fällt auf, dass Merkels Union bisher überhaupt nicht von der großen Beliebtheit der Kanzlerin profitieren kann. Die CDU/CSU liegt weiter mit 35 Prozent weit hinter den Werten für Angela Merkel. Die große Diskrepanz zwischen beiden Werten könnte eine einfache Ursache haben.

Merkel ist wahrscheinlich die erste CDU-Chefin in der Geschichte der Bundesrepublik, die auch für weite Teile des Spektrums links der CDU wählbar ist.

Wer in den sozialen Netzwerken oder bei Twitter stöbert, entdeckt schnell, dass Merkel für ihre Politik in der Flüchtlingskrise einen überwältigenden Zuspruch von Anhängern der SPD, der Grünen und sogar von Wählern der Links-Partei bekommt.

Dazu passt, dass der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann sich im baden-württembergischen Landtagswahlkampf geradezu provokativ für ihre Politik begeistert und im Berliner Tagesspiegel mit den Worten zitiert wird, "ich bete jeden Tag, dass die Kanzlerin gesund bleibt".

Und auch bei den SPD-Anhängern hat Merkel laut Forsa die Nase vorn: Für sie würden laut der aktuellen Umfrage 38 Prozent der SPD-Anhänger stimmen. Für den sprunghaften Sigmar Gabriel dagegen sprechen sich nur ganze 36 Prozent der eigenen Gefolgschaft aus.

Lob für die Kanzlerin kommt auch von vielen internationalen Organisationen, zum Beispiel vom UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, der Merkel als eine "wahre moralische Stimme in der Welt" ehrte. Für den Friedensnobelpreis war sie auch bereits im Gespräch.

Merkel erscheint bei soviel Zuspruch manchmal wie eine Art Heilige - eine "heilige Angela der politischen Schlachtfelder".

Es bleibt die Frage, warum diese Kanzlerin ausgerechnet aus ihrer eigenen Partei so wenig Zuspruch erhält. Warum freut sich die CDU/CSU nicht einfach über die Beliebtheitswerte ihrer Kanzlerin. Die Antwort liegt jenseits der konkreten politischen Positionen darin begründet, dass die Union kaum von Merkels Popularität profitiert.

Werte der CDU/CSU eher mager

Im Gegenteil: Die CDU/ CSU Umfrage-Werte fallen nicht nur in der aktuellen Umfrage eher mager aus. Noch besorgniserregender für viele Unions-Abgeordnete ist das Erstarken der AfD, die zuletzt in Hessen in vielen Kommunen zweistellige Ergebnisse errang.

Denn richtig ist, dass sich diejenigen, die sich offenen gegen die Kanzlerin und ihre Flüchtlingspolitik stellen, zu einem großen Teil aus dem Wählerspektrum der Unionsparteien speisen - und weniger aus dem der SPD oder gar den Grünen bzw. der Linkspartei.

Es war in der Geschichte der Bundesrepublik stets das erklärte Ziel aller CDU/CSU-Vorsitzenden, eine Partei rechts der Union durch eine Einbindung der entsprechend orientierten Wähler zu verhindern.

Mit Merkels Flüchtlingspolitik könnte genau diese lange erfolgreiche Strategie nicht mehr aufgehen.

Wenn Männer wie Horst Seehofer fast täglich neue vergiftete Grußadressen gen Berlin schicken, ist das nicht immer einer eigenen Überzeugung geschuldet. Im Gegenteil: Vieles spricht dafür, dass auch der intelligente bayrische Ministerpräsident weiß, dass zum Beispiel geschlossene Grenzen in allererster Linie bayrischen Unternehmen schaden würden.

Und gerade der Freistaat Bayern zeigt in der Unterbringung und Versorgung der Schutz suchenden Menschen eine große Kompetenz, Flexibilität und viel guten Willen. Aber in Bayern sind in zwei Jahren Landtagswahlen. Und nichts fürchtet Seehofer mehr, als eine starke AfD, die der CSU am Ende sogar die absolute Mehrheit rauben könnte.

So wie ihm geht es vielen CDU-Ministerpräsidenten und Spitzenkandidaten. Und auch Angela Merkel selbst kann kein Interesse daran haben, dass eine dauerhaft starke Partei rechts der CDU der Volkspartei langfristig eine komfortable Mehrheit kosten könnte.

Wenn man so will, kommt das Dauer-Sperrfeuer aus der eigenen Partei sogar der Kanzlerin zugute. Denn es bindet diejenigen CDU-Wähler wenigstens vorerst, die mit der Politik der Kanzlerin überhaupt nicht einverstanden sind.

Gleichzeitig kann Angela Merkel auf Stimmenfang bis weit hinein in die Wählerkreise der Parteien links der Mitte gehen.

Ein politisches Abbild dieser neuen, Milieu übergreifenden Aufstellung der Union steht noch aus, könnte allerdings bald Wirklichkeit werden. Einer schwarz-grünen Koalition auf Bundesebene dürfte mit dieser Kanzlerin wahrscheinlich nicht mehr viel entgegenstehen.