Von Balljungen wird viel erwartet. Sie sollen schnell sein, konzentriert, immer auf der Höhe des Spiels - und natürlich fair. Doch sie haben auch eine gewisse Macht. Denn sie können den Spielfluss durch gezieltes Zurückhalten der Bälle verlangsamen. Oftmals wird sogar vermutet: auf Anweisung der Klubs. Ist dem tatsächlich so? Wir sind dieser Frage nachgegangen.

Torhüter Thomas Kraft von Hertha BSC war nach der 0:1-Niederlage beim FC Augsburg kaum zu beruhigen. Sein Ärger galt allerdings weder der schlechten Chancenauswertung seiner Mannschaft noch dem fragwürdigen Elfmeter, der den Augsburgern den Sieg beschert hatte. Kraft ärgerte sich über die Balljungen. "Was da passiert ist, ist eine Ungehörigkeit. Erst reichen die Balljungen die Bälle nicht heraus, sagen zu mir: 'Besorg' dir einen anderen'. Dann beschimpft er mich auch noch. Das gehört sich einfach nicht. Aber das kommt ja nicht von den Balljungen, das wird vom Verein gesteuert", warf Kraft dem FCA via "bild.de" vor.

Hertha-Torwart Kraft erhebt Vorwürfe gegen FCA-Balljungen.

Eine heftige Anschuldigung, die der Koordinator der Balljungen des FC Augsburg, Michael Hofmann, ebenfalls auf "bild.de" zu entkräften versuchte: "Ich lege die Hand dafür ins Feuer, dass keiner der Balljungen Kraft beleidigt hat. Das kam von den Fans." Doch bei einem Vorwurf lenkte er ein. Es stimme schon, dass die Balljungen den gegnerischen Torwart manchmal langsamer bedienen als sein Gegenüber. Diese Ansage stamme noch aus der Zeit, als Hertha-Trainer Jos Luhukay bei Augsburg auf der Trainerbank saß: "Das ist doch legitim und in anderen Stadien genauso". Eine etwas blauäuige Aussage, die der FC Augsburg auf Nachfrage unseres Portals inzwischen revidiert hat. Der Verein weist den Vorwurf von Herthas Torhüter Thomas Kraft zurück. "Seien Sie versichert, dass es keine Anweisung unserer Verantwortlichen gibt, den Gegner zu benachteiligen oder gar zu beschimpfen."

Balljungen im Fokus

Es ist nicht das erste Mal, dass Balljungen in den Fokus rücken. Beim Spiel Hannover 96 gegen den VfB Stuttgart der Saison 2009/10 wirft ein Balljunge den Ball rotzfrech einfach über Torhüter Jens Lehmann hinweg. Im Ligapokal-Spiel des FC Chelsea in Swansea im Januar 2013 tritt Eden Hazard den am Boden liegenden Balljungen Charlie Morgan. Der 17-Jährige hatte den Ball beim Stand von 0:0 nicht schnell genug herausgerückt. Der Balljunge hatte vor dem Spiel via Twitter angekündigt: "Der König der Balljungen ist für eine letzte Vorstellung zurück #gebraucht #zum #Zeitschinden".

Legendär ist auch diese Aussage von Trainer Friedhelm Funkel: "Als Balljunge der Heimmannschaft, die führt, muss man das Spiel verzögern!", schimpfte der damalige Aachen-Coach. Dass von den Balljungen erwartet wird, zur Heimmannschaft zu helfen, scheint also kein so abwegiger Gedanke zu sein.

Eine Umfrage unseres Portals bei den deutschen Erst- und Zweitligisten zeigt jedoch: Die Vereine distanzieren sich klar von derartigen Vorgaben. Meinolf Sprink von Bayer Leverkusen teilt mit: "Wir geben keinerlei Anweisungen dieser Art, weil es nicht sportlich ist. Sonst muss man generell die Kirche im Dorf lassen und nicht Verdachtsmomente aussprechen, die man nicht beweisen kann. Ob ein Balljunge/-mädchen manchmal in die eine oder andere Richtung 'begriffsstutzig' ist, ist ein anderes Thema." Bei Borussia Dortmund hatte man "bisher nie Probleme mit unseren Balljungen". Und auch auch von königsblauer Seite heißt es: "Es gibt beim FC Schalke 04 keinerlei Anweisungen an die Balljungen, auf das Spiel in irgendeiner Form einzuwirken."

Das ist beruhigend, dennoch haben die Vereine natürlich im Spiel nur wenig Möglichkeiten auf ihre Balljungen einzuwirken. Doch von einzelnen Vorkommnissen auf gezielte Absprachen zu schließen, das scheint dann doch etwas weit hergeholt.

Die gesammelten Aussagen der Vereine:

Verein

Aussage zu Balljungen

Borussia DortmundWir hatten mit unseren Balljungen bisher nie Probleme.
FC Schalke 04Es gibt beim FC Schalke 04 keinerlei Anweisungen an die Balljungen, auf das Spiel in irgendeiner Form einzuwirken.
Bayer 04 LeverkusenWir geben keinerlei Anweisungen dieser Art, weil es nicht sportlich ist. Sonst muss man generell die Kirche im Dorf lassen und nicht Verdachtsmomente aussprechen, die man nicht beweisen kann. Ob ein Balljunge/-mädchen manchmal in die eine oder andere Richtung "begriffsstutzig" ist, ist ein anderes Thema.
TSG 1899 HoffenheimEine solche "Vorgabe" an die Ballkinder gibt es seitens der TSG 1899 Hoffenheim nicht.
Hannover 96Eine solche Anweisung gibt es bei Hannover 96 nicht.
1. FSV Mainz 05Unsere Balljungen rekrutieren wir aus den Jugendteams der U14 bis U16. Die Jugendspieler werden darauf hingewiesen, sich angemessen zu verhalten, es wird auch über die möglichen negativen Folgen, auch die öffentlichen, eines Fehlverhaltens gesprochen. Es gibt keine Anweisungen, auf das Spiel Einfluss zu nehmen oder Teams unterschiedlich zu behandeln. Wir gehen davon aus, dass die im Nachwuchsleistungszentrum gelebten Werte wie Fairness oder Gastfreundschaft auch im Verhalten der Balljungen zu erkennen sind.
VfL WolfsburgBeim VfL Wolfsburg gibt es keinerlei Anweisungen an die Balljungen.
VfB StuttgartDie Balljungen bei den Spielen des VfB Stuttgart kommen nicht aus der eigenen Jugend, sondern es können sich Regionalmannschaften bewerben. Natürlich erhalten die Balljungen keinerlei solche Anweisungen. Beide Balljungen-Mannschaften werden vor jedem Spiel in ihre Arbeit eingewiesen. Da gibt es keine Anweisungen, Teams zu bevorzugen.
FC AugsburgWir weisen den Vorwurf von Herthas Torhüter Thomas Kraft klar zurück. Seien Sie versichert, dass es keine Anweisung unserer Verantwortlichen gibt, den Gegner zu benachteiligen oder gar zu beschimpfen.
1. FC KaiserlauternEine derartige Anweisung an die Balljungen gibt es beim 1. FC Kaiserslautern nicht. Auch sind uns keine Vorfälle dieser Art bekannt.
FC St. PauliBei uns gibt es keine derartigen Aufforderungen für unsere Balljungen.
Karlsruher SCBei uns werden die Balljungen (dies sind hier immer wechselnde Jugendmannschaften bis zur C-Jugend aus der Region) dahingehend angewiesen, unauffällig zu agieren, nicht am Spielfeldrand zu jonglieren und den Ball so hineinzugeben, dass der Spielfluss und Spielverlauf aufrechterhalten wird. Da die Balljungen aufgrund des oben angesprochenen Wechsels immer einigermaßen aufgeregt und mit Feuereifer bei der Sache sind, funktioniert das auch nahezu durchgängig.
Union BerlinZunächst muss man sagen, dass es sich bei Balljungen tatsächlich um Kinder handelt, die meist so um die zwölf Jahre alt sind. Sie machen das in ihrer Freizeit und erhalten keine Anweisungen. Aber natürlich gibt es eine Einweisung, und die besagt, dass sie sich im Sinne des Fair Play verhalten und den Spielverlauf nicht durch eigenes Handeln beeinflussen sollten. Ein anderes Verhalten ist mir bislang bei unseren Balljungen auch nicht aufgefallen.
SV Darmstadt 98Bei uns gibt es diese Anweisung definitiv nicht. Derartiges ist uns auch nicht bekannt bei unseren Gegnern.
SV SandhausenBeim SV Sandhausen gibt es eine solche Anweisung nicht – im Gegenteil: Wir halten unsere Kinder und Jugendlichen dazu an, nach dem Fairplay-Gedanken zu handeln. Unsere Balljungen sollen ihre Aufgabe erfüllen, ganz gleich, ob es sich um die Gast- oder Heimmannschaft handelt.