Angela Merkel hält sich eine erneute Kanzlerkandidatur weiter offen. Eine Entscheidung wird die CDU-Vorsitzende vermutlich im Dezember bekannt geben. Die Debatte, wer außer Merkel noch Kanzlerformat besitzt, hat schon längst begonnen.

Die Kanzlerdämmerung, sie rückt immer näher. Seit 2005 regiert Angela Merkel die Republik, aber vor der Bundestagswahl 2017 ist es zum ersten Mal unklar, ob und wie lange die Regierungschefin die Zügel weiter in der Hand behalten wird.

Ihre Umfragewerte sind in Folge der Flüchtlingskrise deutlich gesunken und vor allem in der CSU gibt es erheblichen Widerstand gegen eine vierte Amtszeit der Ostdeutschen. Sie wolle sich "zum gegebenen Zeitpunkt" entscheiden, sagte Merkel am Sonntagabend im ARD-Sommerinterview. Das betreffe sowohl ihre erneute Kandidatur als CDU-Vorsitzende auf dem Parteitag im Dezember in Essen als auch eine Kandidatur bei der Bundestagswahl.

Kaum gingen diese Sätze über den Äther, wird wieder lebhaft über mögliche Nachfolger diskutiert. Gibt es einen Übergangskanzler Wolfgang Schäuble? Folgt auf Merkel mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen gleich die nächste Frau? Setzt sich der nicht unumstrittene Innenminister Thomas de Maiziere durch? Oder hat gar einer aus dem SPD-Trio um Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Martin Schulz das Zeug zum Regierungschef?

Schäuble als "Reservekandidat"

Ob eine dieser Politikgrößen tatsächlich "Kanzler" kann, darüber wird lebhaft debattiert. Fangen wir bei der CDU an. Er gilt als Kanzler der Reserve und ist einer der beliebtesten Politiker des Landes. Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister, 73 Jahre alt. Dass Schäuble Kanzlerformat besitzt, zweifelt wohl kaum jemand ernsthaft an. Aber würde sich der Politik-Veteran, der wegen gesundheitlichen Gründen 2010 schon einmal kurz vorm Rückzug stand, das Amt auch antun?

Adenauer sei auch so alt gewesen, als er die Regierungsverantwortung übernahm, meinte der dienstälteste Bundestagsabgeordnete aller Zeiten kürzlich. Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Ulrich von Alemann sagte im Gespräch mit unserer Redaktion, Schäuble sei der kurzfristige "Reservekandidat, sollte Frau Merkel was passieren oder es wirklich krachen in der Bundespolitik".

Von der Leyen ist Merkels Favoritin

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen sowie Bundesinnenminister Thomas de Maizière sieht Alemann als "mittelfristige Kandidaten". Von der Leyen ist die Favoritin der Kanzlerin, besitzt aber keine starke Machtbasis in der CDU.

Ihre eigene Partei hat von der Leyen immer wieder gegen den Kopf gestoßen, etwa als Familienministerin beim Thema Kleinkindbetreuung oder Frauenquote. Zudem haben die ständigen Pannen bei der Bundesswehr ihr Ansehen angekratzt.

Dennoch ist die CDU-Politikerin in der Bevölkerung eher beliebt, gilt sogar unter SPD-Anhängern als wählbar, und auch ihr Einblick in unterschiedliche Ressorts sprächen für eine Kanzlerin von der Leyen.

Hinsichtlich der politischen Erfahrung kann es in der CDU nur Innenminister Thomas de Maizière mit seiner Kabinettskollegin aufnehmen. Unter führenden CDU-Mitgliedern werden ihm laut "FAZ" aber geringere Chancen als von der Leyen zugesprochen.

Chaos an den Grenzen, eine überlastete Polizei, steigende Terrorgefahr: Dem Minister wird angelastet, in entscheidenden Momenten immer wieder gezaudert zu haben oder zu führungsschwach zu sein. Manche sprechen ihm die Fähigkeit ab, eigenmächtige Entscheidungen zu treffen.

Gabriel mit miesen Umfragewerten

Noch größere Probleme hat derzeit die SPD, die K-Frage überzeugend zu beantworten. "Sigmar Gabriel ist nicht nur Parteivorsitzender, sondern auch Vizekanzler. Durch diese Doppelfunktion ist er der geborene Kanzlerkandidat der SPD", meint Politologe von Alemann. Formell mag das stimmen, doch die miesen Umfragewerte der SPD lassen daran durchaus Zweifel zu.

Selbst in der eigenen Partei genießt der in der Flüchtlingskrise schwankende Gabriel nicht das uneingeschränkte Vertrauen. Sein Rückhalt? "Schwankend bis schlecht", schrieb die FAZ.

Im ARD-"Deutschlandtrend" sprach sich kürzlich nur jeder dritte Befragte (31 Prozent) für Gabriel als Kanzlerkandidat aus. Unter SPD-Anhängern waren nur 43 Prozent für Gabriel, 69 Prozent stimmten für Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Gabriel selbst bracht im Mai einen Mitgliederentscheid in der SPD über die K-Frage ins Spiel.

Steinmeier in der SPD am beliebtesten

Bei dem hätte wohl Steinmeier die besten Chancen. Der unterlegene Kanzlerkandidat von 2009 führt das Außenamt mit seiner besonnenen und ausgleichenden Art. Ein ganz anderer Stil als beim aufbrausenden Gabriel, der Demonstranten schon mal den Stinkefinger zeigt.

Nicht nur SPD-intern, auch bei bundesweiten Umfragen liegt der frühere Kanzleramtschef deutlich vor Gabriel: 58 Prozent der Deutschen wünschen sich laut "Deutschlandtrend" Steinmeier als Kandidaten. Als weitere Namen wurden in der Vergangenheit Hamburgs Bürgereister Olaf Scholz sowie EU-Parlamentspräsident Martin Schulz genannt.

"Die SPD sollte jetzt nicht einen Kandidaten nach dem anderen diskutieren", erklärt Experte von Alemann. So sei es etwa nicht ratsam, die populären Scholz und Schulz ins Gespräch zu bringen. Während Scholz ohnehin bereits abgesagt hat, werden Schulz zaghafte Ambitionen nachgesagt.

Der Bundestagsabgeordnete Axel Schäfer war jüngst der erste SPD-Politiker, der sich öffentlich für eine Kandidatur von Schulz aussprach. Für Justizminister Heiko Maas oder SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles kommt die Wahl 2017 noch zu früh. Angesichts der seit Jahren schlechten Umfragewerte für die Partei erscheint ein SPD-Kanzler ohnehin sehr unwahrscheinlich.

Die besten Chancen bei der Wahl 2017 hätte - trotz aller Kritik aus der Bevölkerung und der CSU - vermutlich Angela Merkel. Veränderungen kosten bekanntlich Überwindung und so lange es keinen überzeugenden Konkurrenten gibt, hat sie den Trumpf der Gewohnheit.