Die aktuellen Umfragen sehen die Grünen bei bis zu 17 Prozent. Wie ist es zu diesem Höhenflug gekommen? Ein Experte analysiert die Gründe - und gibt einen Ausblick, wie es mit Partei noch weitergehen kann.

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Siebzehn Prozent bedeuten in der deutschen Parteienlandschaft derzeit Freud und Leid zugleich: Für die SPD sind sie ein weiterer Zwischenstand auf ihrer Talfahrt, für die Grünen aber Ausdruck ihres aktuellen Höhenflugs.

Nahezu verdoppelt haben sich die Umfragewerte für die Partei um die Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck seit der Bundestagswahl 2017: Damals holten die Grünen 8,9 Prozent.

Nicht nur die aktuellen Werte der Institute infratest dimap bis Forschungsgruppe Wahlen, die der Partei 15 bis 17 Prozent bescheinigen, sprechen für sich, sondern auch die Beliebtheitswerte im ZDF-Politbarometer: So mauserte sich beispielsweise Cem Özdemir im August zum zweitbeliebtesten Politiker des Landes hinter Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU).

Wird Grün das neue Rot?

"Sie sind wieder wer" schrieb die "Zeit" kürzlich und bei der "Süddeutschen Zeitung" hieß es: "Das große Ziel: Neue linke Volkspartei". Werden die Grünen das neue Rot?

"Die Grünen haben derzeit die Chance, die SPD im Parteiensystem hinsichtlich ihrer Stärke zu beerben", meint auch Politikwissenschaftler Prof. Dr. Lothar Probst von der Universität Bremen, dessen Forschungsschwerpunkte im Bereich der Parteien - und Wahlforschung liegen.

"Das neue Rot" würden die Grünen inhaltlich aber wohl nie werden - trotz einer Präferenz für Rot-Grün als Koalition unter den Anhängern. "Die Grünen haben sich schließlich auch gegen die SPD gegründet und in gemeinsamen Regierungen gab es immer auch Schwierigkeiten", erinnert Probst.

Der Experte tritt auch auf die Euphorie-Bremse: "Umfragen sind nur ein Stimmungsbild für den Moment. Anfang der 2010er Jahre wurden die Grünen in der Presse schon einmal als neue Volkspartei gefeiert, sie lagen in den Umfragen damals bei etwa 20 Prozent. Drei Monate vor der Bundestagswahl 2013 lagen sie bei 14 Prozent, haben aber nur 8,4 Prozent geholt", so der Politikwissenschaftler.

Vier Gründe für die Wiedergeburt

Probst sieht insgesamt vier Gründe, warum die Grünen derzeit in der Öffentlichkeit und in den Umfragen so gut dastehen.

1. Kompromissbereitschaft

"Anders als die FDP, die nicht mehr an die Ergebnisse bei der Bundestagswahl anknüpfen konnte, sind die Grünen gut aus den Sondierungsgesprächen über die mögliche Jamaika-Koalition herausgekommen", analysiert Probst.

Die Grünen hätten gezeigt, dass sie willens sind, konstruktiv an einer Regierungsbildung mitzuarbeiten. "Sie haben in den Arbeitsgruppen voller Ernsthaftigkeit Vorschläge eingebracht und waren kompromissbereit - auch in Fragen, die ihnen selbst wehgetan haben, etwa bei der Asylgesetzgebung", erklärt der Experte.

2. Klimawandel

Den aktuellen Erfolg der Grünen begründet Probst auch mit dem gewachsenen Stellenwert ökologischer Fragestellungen: "Die politischen Konflikte in den Jahren 2015 bis 2017 standen sehr stark im Zeichen der Zuwanderung. Durch den heißen Sommer und die Diesel-Affäre sind Klimafragen aber wieder stärker auf die Tagesordnung gekommen."

Bei Umweltthemen könnten die Grünen nach wie vor die höchste Kompetenz beanspruchen, das sehen auch große Teile der Bevölkerung so.

3. Frische Gesichter an der Spitze

Der Aufwind hat auch personelle Gründe. Was der SPD mit Andrea Nahles nicht gelungen ist, glückte den Grünen mit den neuen Vorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock. "Sie [die Grünen] haben an ihrer Spitze neue frische Gesichter präsentiert", urteilt Experte Probst und ergänzt: "Bislang standen Mitglieder der Bundestagsfraktion als Doppelspitze im Zentrum, jetzt hat sich die Aufmerksamkeit in Richtung Partei verschoben."

Baerbock sei zwar auch im Bundestag, aber keine Fraktionsvorsitzende und Habeck sei überhaupt nicht im Bundestag."Da weht ein neuer Wind: Weniger Trittin, mehr Habeck", beschreibt Probst und übersetzt: "Liberale und pragmatische, aber dennoch konsequent ökologische Politik. Habeck steht für einen ausgleichenden Ansatz, er strahlt etwas Intellektuelles aus." Damit werde man auch der DNA der Grünen als Partei der 68er gerecht.

4. Multikoalitionspartei

Zudem zeigen Schwarz-Grün-Gelb in Schleswig-Holstein, Rot-Grün in Hamburg, Schwarz-Rot-Grün in Sachsen-Anhalt, Ampel-Koalition in Rheinland-Pfalz, Grün-Schwarz in Baden-Württemberg und Schwarz-Grün in Hessen, dass die Grünen inzwischen eine Multikoalitionspartei sind.

"In neun Landesregierungen arbeiten sie in sehr unterschiedlichen Formaten und sind dabei im Grunde die Partei in der Mitte", beschreibt Experte Probst. Die Grünen seien auf jeden Fall eine Scharnierpartei, die für Koalitionen unterschiedlichster Art gebraucht werde.

Der Eindruck "Die Grünen machen es mit jedem" und seien eine Partei der Beliebigkeit habe sich dabei aber nicht durchgesetzt. "Die aufgeklärten Wähler sehen, dass mehr Beweglichkeit von allen Parteien verlangt wird und es manchmal nicht anders als mit Dreier-Konstellationen oder lagerübergreifenden Koalitionen geht", sagt Politologe Probst.

Und dadurch, dass die Grünen in diesen Koalitionen von den anderen Parteien gebraucht würden, könnten sie viel herausverhandeln, analysiert der Experte weiter.

Parteiensystem im Wandel

Werden die Grünen nun also Volkspartei? "Das ist eine Definitionsfrage, über die Politikwissenschaftler streiten. Es ist unklar, ob eine Volkspartei 35 Prozent erreichen, eine bestimmte Mitgliederanzahl haben oder alle Gesellschaftsschichten repräsentieren muss. Das Potenzial zur SPD aufzuschließen, haben die Grünen aber allemal", so der Experte.

"In einzelnen Bundesländern wie in Baden-Württemberg haben sie ja sogar die CDU überholt", so Probst weiter. Insofern hätten die Grünen das Potenzial, in einzelnen Bundesländern auch Volkspartei zu werden - auf Bundesebene sei es seiner Ansicht nach aber noch ein sehr weiter Weg.

"Wir stehen jedoch vor einer grundlegenden Veränderung im Parteiensystem, die klassische Zwei-Parteien-Dominanz gibt es nicht mehr. Künftig werden wir nur eine Führungspartei haben, mehrere Mittelparteien im Kampf um Platz zwei und einige Kleinparteien", so Probst.

Prof. Dr. Lothar Probst ist Mitglied des Instituts für Politikwissenschaft der Universität Bremen und war bis 2016 Leiter des Arbeitsbereichs Wahl-, Parteien- und Partizipationsforschung und Geschäftsführer des Instituts für Interkulturelle und Internationale Studien.

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