Die SPD braucht einen neuen Chef, die GroKo neuen Lebensgeist - beides wird vergeblich gesucht bei "Maischberger". CDU-Fraktionschef Brinkhaus will auf die Zähne beißen, ein streitlustiger Alpha-Journalist Neuwahlen.

Eine Kritik
von Christian Bartlau, Freier Autor

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Armin Laschet ist schuld, das immerhin konnte geklärt werden am späten Donnerstagabend bei "Maischberger". Wenn der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und nicht-mehr-ganz-so-heimliche Kanzlerkandidaten-Kandidat der Union nicht hinausposaunt hätte, dass er der GroKo keine Bestandsgarantie gibt, würde die Runde gar nicht beisammen sitzen, enthüllte die Gastgeberin. Reden ist und bleibt eben Silber ...

Was war das Thema bei "Maischberger"?

Als wäre das Ende der GroKo schon beschlossen, wälzt das politische Berlin Alternativen. Die FDP hat sogar bereits hochoffiziell ihre grundsätzliche Bereitschaft für eine Minderheitsregierung mit der Union hinterlegt.

Sandra Maischberger machte lieber den ersten Schritt vor dem zweiten und fragte: "SPD am Boden, CDU unter Druck: Ist die Regierung am Ende?"

Wer waren die Gäste?

Mit dem Abgang von Andrea Nahles geht der Ehrentitel für den glühendsten Verfechter der GroKo über an Ralph Brinkhaus (CDU). Selbst aus ihm spricht aber eher der Pragmatismus: "Alles, was danach kommt, wird ja auch nicht einfacher."

Der Unions-Fraktionschef warb für mehr Geduld mit dem ungeliebten Bündnis, schließlich seien viele Gesetze gerade erst in Kraft getreten. Jetzt schon ein endgültiges Urteil zu fällen und nach neuem Personal zu rufen, das erinnere ihn an den Fußball: "Da kriegen die Trainer auch keine Zeit mehr. Wohin das führt, sieht man beim HSV."

Alles nur Taktik, dröhnte der sehr mitteilungsbedürftige Hans-Ulrich Jörges: "Sie sind nervös. Die CDU hängt noch mehr an der GroKo als die SPD." Jörges' "Stern" hatte erst kürzlich den Mann der Stunde auf dem Cover - Robert Habeck, dazu die Titelzeile "Unser nächster Kanzler?"

Mit den guten Umfragewerten für die Grünen wachse bei der Union die Angst, in Neuwahlen überholt zu werden, meinte Jörges. Abwarten hält er aber genau für die falsche Lösung: "Wer keinen grünen Kanzler will, muss diese Koalition auflösen." Er sei jedenfalls für Neuwahlen.

GroKo: Klimaschutz als Gretchenfrage?

So richtig festlegen wollte sich Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) in der GroKo-Frage nicht, als Mann der klaren Worte erwies er sich nur in der Analyse des Zustands seiner Partei: Eine "Chaoswoche" habe die SPD hingelegt nach der Europawahl, der Abgang von Nahles sei "von allen Seiten alles andere als gut" gelaufen.

Überhaupt müsse Schluss sein mit den ewigen Personaldiskussionen im Willy-Brandt-Haus: "Zuerst steht die Frage: Was ist die richtige Politik?"

Darauf hat Katrin Göring-Eckardt (Grüne) natürlich eine einfache Antwort: Klimaschutz, Klimaschutz, Klimaschutz. Diese zentrale Frage sei aber "bei keiner der beiden Parteien zuhause".

Auch die Art der GroKo-Politik habe sich überholt: "Wir erleben die Koalition nicht als gemeinsame Regierung. Die bringen ein Gesetz ein, der eine sagt das, der andere sagt etwas anderes."

Das seien alles "alte Platten", sagte Göring-Eckardt, und apropos alte Platten: Jan Fleischhauer, scheidender Spiegel-Kolumnist, legte noch einmal die Evergreens aller Grünen-Hasser auf: Veggie-Day, Prenzlauer Berg, Sprachpolizei.

Das war selbst Hans-Ulrich Jörges offenbar so peinlich, dass er auf die anbiedernde Duzerei des Kollegen nicht einstieg und Fleischhauer mit "Sie" anredete - und den Protest ("Vor der Sendung waren wir noch beim 'Du'") konsequent ignorierte.

Was war der Moment des Abends?

Wenn schon Personalspekulationen, dann wenigstens auf offener Bühne: Jan Fleischhauer und Hans-Ulrich Jörges machten sich einen regelrechten Spaß daraus, Stephan Weil zum neuen SPD-Chef zu schmeicheln.

Weil wiegelte mit einem freundlichen Lächeln ab: "Ich bin heilfroh, dass wir der Versuchung widerstanden haben, das nächste Kaninchen aus dem Zylinder zu zaubern."

Einen echten Hauptstadtjournalisten stachelt so etwas natürlich nur an: "Der Zylinder in Berlin ist leer", dozierte Jörges. "Am Ende können Sie sich dem nicht entziehen. Sie werden, vermute ich mal, Parteivorsitzender werden, aber nicht allein, weil das geht gar nicht, dann ist vielleicht Malu Dreyer neben Ihnen."

Sprach's, und ließ es nicht klingen wie eine Analyse, sondern wie eine Empfehlung, der die SPD besser folgen sollte - ein bemerkenswerter Einblick in das Selbstverständnis von Deutschlands Talkshow-Alphas.

Was war das Rededuell des Abends?

Wie lange kann man ein simples "Ja" hinauszögern? Zweimal hatte Sandra Maischberger schon Ralph Brinkhaus gefragt, ob Annegret Kramp-Karrenbauer die Spitzenkandidatin der Union sein wird, beide Male wich er mit einem längeren Vortrag aus, der die Fragezeichen weiter wachsen ließ.

"Wenn ich früher einem CDU-Fraktionsvorsitzenden die Frage gestellt habe, ob die Parteivorsitzende auch Kanzlerkandidatin ist, war die Antwort ein 'Ja'", sagte eine sichtlich irritierte Sandra Maischberger schließlich.

Brinkhaus verwies auf seine Pressemitteilungen, die nächste Ablenkung, die Maischberger wieder parierte. "Sie sollen für alle Zuschauer, die ihre Pressemitteilungen nicht lesen, sagen, ob sie es ist oder nicht." Und da war es dann: "Ja natürlich." Warum das wohl so eine schwere Geburt war?

Wie hat sich Sandra Maischberger geschlagen?

Wir müssen reden. Nicht über Sandra Maischberger, die eine aufgeregte Runde routiniert sortierte. Aber über Hans-Ulrich Jörges und Jan Fleischhauer. Und über Robin Alexander, Julian Reichelt und all die anderen Selbstdarsteller, die als Journalisten oder Experten eingeladen werden, um einzuordnen, zu analysieren, zu argumentieren - und viel zu oft so wirken, als gäbe es was zu gewinnen, als müssten sie Punktsiege erringen mit ihren allumfassenden Weisheiten.

Natürlich kann man die spöttelnde Arroganz von Jan Fleischhauer unterhaltsam finden, und Jörges‘ "Ich rasiere alle"-Attitüde für kritisch halten. Aber wenn Journalisten in so einer Runde keine einzige Frage formulieren, keinen Hauch eines Zweifels zulassen, wenn sie nichts wissen wollen von den anderen Gästen, auch nicht stellvertretend für die Zuschauer, dann sitzen sie in den Talkshows nicht als Experten, sondern in eigener Sache. Und das kann mitunter nerven.

Was ist das Ergebnis?

Die entscheidenden Fragen des Abends harren einer Antwort: Ist Annegret Kramp-Karrenbauer wirklich ohne Wenn und Aber die Kanzlerkandidatin der Union? Wer übernimmt das Himmelfahrtskommando SPD-Vorsitz? Und wie lange hält die angeschlagene große Koalition?

Immerhin deutete SPD-Mann Stephan Weil an, auf welchem Feld sich die Entscheidung über Wohl oder Wehe der GroKo abspielen könnte: beim Klimaschutz. Da gebe es einige Teile der Koalition, die "voll auf der Bremse stehen", und Weil nannte sogar Namen - Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Verkehrsminister Andreas Scheuer. "Das ist die Nagelprobe, ob wir gemeinsam etwas erreichen", sagte Niedersachsens Ministerpräsident.

Raphael Brinkhaus zeigte sich optimistisch: "Im Herbst werden wir uns im Klimaschutz geeinigt haben, das kriegen wir hin." Wenn nicht, droht nicht nur das Ende der GroKo - sondern auch die nächste kräftige Watschn vom Wähler.

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