• Sarah-Lee Heinrich und Timon Dzienus sind die neuen Bundessprecher der Grünen Jugend.
  • Auf dem Bundeskongress der Jugendorganisation setzte sich Dzienus gegen zwei Mitbewerber durch, Heinrich hatte keine Gegenkandidaten.
  • Welche politischen Positionen vertreten die beiden? Und wie wirkt sich das auf die Ampel-Verhandlungen aus? Die beiden Jungpolitiker im Portrait.

Mehr zur Bundestagswahl 2021 finden Sie hier

Die Politik in der Bundesrepublik wird jünger. 49 der 206 SPD-Abgeordneten des frisch gewählten Bundestages gehören den Jusos an und von den 118 Grünen-Abgeordneten sind immerhin 27 Vertreter der Grünen Jugend. Diese Jugendorganisation, die mehr als 18.000 Mitglieder zählt und dem linken Parteiflügel nahesteht, hat mit Sarah-Lee Heinrich (20 Jahre alt) und Timon Dzienus (25) nun zwei neue Bundessprecher.

Die Vorsitzenden der Jugendorganisationen der anderen Parteien sind allesamt älter. Nicht einmal Deutschlands wohl berühmtester Jungpolitiker, Kevin Kühnert, war zum Zeitpunkt der Übernahme des Bundesvorsitzes der Jusos jünger (28 Jahre).

So jung die beiden neuen Sprecher, so deutlich sind auch die Ansagen zur Bundespolitik.

Sarah-Lee Heinrich: Von Hartz IV an die Spitze der Grünen Jugend

Heinrich stellt kurz nach ihrer Wahl gegenüber "tagesschau.de" klar: "Wir machen Regieren nur mit, wenn sich wirklich was ändert." Wer ihre umjubelte Bewerbungsrede auf dem Bundeskongress gehört hat, die mit den Worten "Hartz IV ist der größte Scheiß" begann, weiß, wo die Reise hingehen soll.

Das Thema soziale Gerechtigkeit hat sich Heinrich, auch resultierend aus eigener Lebenserfahrung, auf die Fahnen geschrieben. Sie wuchs als Tochter einer alleinerziehenden Hartz-IV-Bezieherin auf. "Wir sind Kinder, die ihren Eltern dabei zuschauen, wie sie still schlechte Arbeitsbedingungen ertragen, weil die Alternative Hartz IV noch viel schlimmer wäre", sagt sie.

Bundessprecherin Heinrich: Klimawandel als soziale Frage begreifen

Konsequenterweise versteht die 20 Jahre alte Sozialwissenschafts-Studentin (Abitur 1,2) den Klimawandel als soziale Frage. "Viele Menschen haben Angst, dass Klimaschutz bedeutet, dass es ihnen schlechter gehen wird. Das kann ich verstehen, denn auch sie wissen, wie löchrig unser Sozialstaat ist und dass sie, sobald sie arbeitslos werden, in dieser Gesellschaft nichts mehr wert sind", sagte Heinrich in ihrer Bewerbungsrede.

Schon kurz nach ihrer Wahl hat Heinrich aber mit einem Shitstorm zu kämpfen. Sie hatte mit 14 Jahren problematische Tweets verfasst und dabei unter anderem die Worte "behindert" und "schwul" als Beleidigungen genutzt. Sie entschuldigte sich für die schon länger gelöschten Tweets, erhält nun aber sogar Morddrohungen und zieht sich "zu ihrer eigenen Sicherheit für ein paar Tage" zurück, wie das Büro der Grünen Jugend mitteilt. Danach werde sie sich zu den Vorfällen äußern.

Verhandlungen mit FDP und SPD: Macht die Grüne Jugend Probleme?

Währenddessen laufen die Verhandlungen zwischen Grünen, FDP und SPD weiter. Wenig überraschend hat die Grüne Jugend hier eine klare Position und erteilt jedenfalls einer Jamaika-Koalition mit CDU/CSU und FDP eine Absage. Im Dringlichkeitsantrag des Vorstandes wird der Union eine "zukunftsfeindliche Politik" vorgeworfen.

Heinrich stellt gegenüber "tagesschau.de" zu möglichen Koalitionsverhandlungen klar: "Wir schließen Jamaika aus, aber nicht die Ampel." Allerdings unter Vorbehalt der Wahrung sozialer Gerechtigkeit: "Wenn die FDP versucht, Fragen von höheren Löhnen, Fragen von Ausbildungsplatz-Garantie abzuräumen, weil sie den Arbeitgebern nicht zu sehr auf die Füße treten möchte, dann werden wir auf jeden Fall da sein und laut sein."

Bundessprecher der Grünen Jugend: Dzienus schießt gegen die FDP

Ähnlich äußert sich auch ihr Partner, der 25 Jahre alte Politikwissenschafts-Student Timon Dzienus gegenüber RTL/ntv in der Sendung "Frühstart": "Das sind einfach harte Brocken mit der FDP, wo sich die Grünen und die SPD an vielen Stellen durchsetzen müssen." Und er geht sogleich in die Offensive und wirft der FDP Marktgläubigkeit bei Klima- und Mietpolitik vor:

"Wir sehen in vielen Bereichen, zum Beispiel in der Klimapolitik, dass das nicht funktionieren wird. Deswegen sind wir ja gerade in der Misere, in der wir stecken." Den FDP-Parteichef Christian Lindner hatte er im Kontext der Regierungskrise in Thüringen, als sich der FDPler Thomas Kemmerich mit Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen hatte lassen, als "rechten Kotzbrocken" bezeichnet.

Grüne Nachwuchs-Hoffnung Dzienus: Kampf für gerechte Welt

Dzienus, der in Lemwerder in Niedersachsen aufgewachsen ist, machte schon mit 14 Jahren Wahlkampf und legte einen rasanten Aufstieg hin. 2010 trat er der Grünen Jugend bei, war von 2014 bis 2015 Beisitzer im Vorstand, sowie von 2017 bis 2019 Sprecher der Grünen Jugend Niedersachsen. Er war Mitarbeiter von Ex-Landwirtschaftsminister Christian Meyer, sowie Schatzmeister der Grünen Jugend – und ist nun deren Bundessprecher.

Das Nachwuchs-Talent der Grünen steht jetzt voll im Rampenlicht. So titelt die "Bild" am 1. Oktober 2021: "Grüne Hardliner entscheiden am Ende, wer Deutschland regiert". Eine Urabstimmung über einen möglichen Koalitionsvertrag soll es ohnehin geben. Doch die Grüne Jugend will natürlich Einfluss auf mögliche Koalitionsverhandlungen nehmen. So warnt Dzienus vor zu vielen Zugeständnissen an die FDP: "Wir werden den Kampf für eine gerechtere Welt nicht fürs Kiffen verramschen, liebe FDP."

Sarah-Lee Heinrich: Kampf gegen Hartz IV statt Astrophysik

Während Dzienus‘ Weg in die Politik logisch erscheint, hätte es bei Heinrich auch anders laufen können. Der Zeitung "Neues Deutschland" erzählte sie, sie habe zu Schulzeiten eigentlich Astrophysikerin werden und deshalb ein Praktikum im Bereich Quantenphysik an der TU Dortmund absolvieren wollen.

Ein Engagement im Willkommenscafé für Geflüchtete in Unna führte sie dann zu den Grünen. Sie trat 2017 der Grünen Jugend bei, gründete deren Gruppe in Unna und wird 2018 über Twitter bekannt.

Schon damals ging es Heinrich um soziale Gerechtigkeit: "Hartz IV ist der größte Scheiß. Als Kind von ALG2 Empfänger*innen, darf man für nicht mehr als 100 Euro im Monat arbeiten, alles darüber wird zu 80 Prozent abgezogen. Kann mir jemand erklären, wie man sich einen Auszug leisten soll, wenn man nichts zurücklegen kann?", twittert sie damals.

2019 wurde sie Sprecherin der Grünen Jugend Ruhr und im selben Jahr in den Bundesvorstand der Grünen Jugend gewählt.

Linke Sozialpolitik, liberalere Flüchtlingspolitik

Nun stehen Heinrich und Dzienus gemeinsam an der Spitze der Grünen Jugend und werden Druck in Richtung links machen. Es ist kein Geheimnis, dass die beiden eine Rot-Rot-Grüne Koalition bevorzugt hätten. So hatte Heinrich im ZDF bei Maybrit Illner unlängst klargestellt: "Mit der Linkspartei haben die Grünen deutlich mehr gemeinsam als mit der FDP."

Sozialpolitik, besser bezahlte Nebenjobs für Studierende, mehr Ausbildungsplätze, die Forderung nach kostenlosem öffentlichen Nahverkehr und der Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus einen die beiden. Sie werden bei all diesen Themen auch in Zukunft den Finger in die Wunde legen, wie Dzienus zuletzt pointiert in Bezug auf die Forderung nach einer liberaleren Flüchtlingspolitik sagte: "Ich finde das so perfide: Die einen gehen Jachten shoppen, die anderen gehen unter in Schlauchbooten."

Kühnert rechnet mit Ampel-Koalition noch in diesem Jahr

SPD-Vize Kevin Kühnert rechnet damit, dass sich SPD, Grüne und FDP noch in diesem Jahr auf einen Koalitionsvertrag einigen werden.

Quellen:

  • dpa
  • gj-nds.de: Neue Doppelspitze: Carolin Miesner und Timon Dzienus
  • nd.de: „Ich schäme mich nicht mehr“
  • ntv.de: Dzienus im "Frühstart": "Das sind harte Brocken mit der FDP"
  • rnd.de: Ampelsondierungen: Grüne Jugend will Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit „zu 100 Prozent“
  • tagesschau.de: "Mitregieren ist kein Selbstzweck"
  • twitter.de: Sarah-Lee Heinrich
  • zdf.de: Maybrit Illner
Interessiert Sie, wie unsere Redaktion arbeitet? In unserer Rubrik "Einblick" finden Sie unter anderem Informationen dazu, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte kommen.
JTI zertifiziert JTI zertifiziert

"So arbeitet die Redaktion" informiert Sie, wann und worüber wir berichten, wie wir mit Fehlern umgehen und woher unsere Inhalte stammen. Bei der Berichterstattung halten wir uns an die Richtlinien der Journalism Trust Initiative.