Baerbock stolpert, Laschet schwächelt - im Kanzlerkandidatenrennen rückt plötzlich ein seriöser Olaf Scholz in besseres Licht. Die SPD kommt in Umfragen den Grünen immer näher. Gibt es am Ende doch noch ein Comeback für den schon abgeschriebenen Finanzminister? Ausgerechnet Söder macht ihm eine besondere Hintertür auf.

Dr. Wolfram Weimer
Eine Kolumne
von Wolfram Weimer
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Die SPD wittert Morgenluft. Armin Laschet macht eine unglückliche Figur in der Flutkatastrophe, Annalena Baerbock kommt aus den Peinlichkeiten und Fehltritten ihres Wahlkampfs nicht heraus. Plötzlich wirkt Olaf Scholz wie der seriöse Kanzlerkandidat vom Dienst. Seine Umfragewerte steigen langsam, aber sicher.

Könnten die Deutschen ihren Kanzler oder ihre Kanzlerin direkt bestimmen, würden sich nach den Daten des jüngsten ARD-Deutschlandtrends inzwischen die meisten für Olaf Scholz (SPD) entscheiden: 29 Prozent (+3 Punkte im Vergleich zum Vormonat). Für Armin Laschet (CDU) würden 28 Prozent stimmen (-1), Annalena Baerbock (Grüne) käme nur auf 18 Prozent.

Olaf Scholz wirkt kanzlertauglich

Auch die chronisch angeschlagene SPD verbessert sich - in der dieswöchigen Insa-Umfrage haben die Sozialdemokraten die Grünen sogar eingeholt. Der Rückstand von der SPD zu den Grünen ist binnen zwei Monaten von damals 10 bis 12 Prozentpunkten damit pulverisiert. Aus der SPD posaunen erste Wahlkämpfer: "Neben einer grünen Hochstaplerin und einem schwarzen Karnevalisten wirkt nur unser Olaf Scholz wirklich kanzlertauglich."

Das ist frech und übermütig zugleich, denn die SPD hat in den Umfragen nur halb so viel Zuspruch wie die Union - und doch zeigt es, dass man in der SPD wieder an die eigene Chance glaubt. Für die Sozialdemokraten geht es bei dieser Wahl auch um die strategische Weichenstellung, wer künftig in Deutschland die Volkspartei der linken Mitte sein wird.

Im Willy-Brandt-Haus keimt Hoffnung auf

Monatelang steckten die Sozialdemokraten abgeschlagen und aussichtslos hinter den Grünen fest. Nun keimt plötzlich Hoffnung im Willy-Brandt-Haus, denn es fehlt nicht mehr viel, und die alte Tante SPD überholt die junge grüne Nichte wieder. Olaf Scholz kam neben Annalena Baerbock lange Zeit wie ein rot-dröger Aktenordner daher - neben dem grün-leuchtenden Smartphone. Nachdem sich ihr Coolness-Akku aber schlagartig entleert hat, wirkt der Aktenordner plötzlich irgendwie solide und handfest.

Im Willy-Brandt-Haus verbreiten sie nun sogar Kanzlerhoffnung. Es reiche der SPD, die 20-Prozent-Marke zu erklimmen und die Grünen knapp zu überholen. Dann gebe es mit der FDP eine Regierungsoption - die Ampelkoalition wie in Rheinland-Pfalz.

Im Gegensatz zum desaströsen Absturz der Grünen absolviert die SPD tatsächlich einen bislang fehlerfreien Wahlkampf. Vom Generalsekretär bis zu den Ministern und Ministerpräsidenten wirkt die SPD-Formation geschlossen und professionell wie seit Jahren nicht mehr. Während Baerbock Nebeneinkünfte, Lebenslaufoptimierungen und Buchplagiate erklären musste, während Laschet sich mit Hans-Georg Maaßen herumschlug, landete Olaf Scholz mit seinem internationalen Mindeststeuerabkommen einen harten politischen Erfolg.

Im Kontrast zu den Peinlichkeiten der grünen Kanzlerkandidatin wirkt der regierungserfahrene Scholz vor allem eines - seriös. Anders als die Grünen und die Union, die ihre Spitzenkandidaten möglichst wenig auf Wahlplakaten zeigen wollen, setzt die SPD daher ganz auf den Vizekanzler.

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Markus Söder: Ausgerechnet er reicht dem "Schlumpf" die Hand

Trotzdem sind Wahlforscher skeptisch, ob die positiven SPD-Signale tatsächlich für ein veritables Comeback ausreichen. Die SPD sei zu lange schon in der Großen Koalition und könne ihre Kernwähler kaum mehr mobilisieren. Zugleich fehle Scholz die emotionale Begeisterungsfähigkeit. In den Medien wird er ob seiner hanseatisch-drögen Art gerne als "Scholzomat" verunglimpft, der Tagesspiegel brachte sogar das Wort "Autist" in Umlauf. Zudem fehlt der SPD noch der thematische Wahlkampfkracher - die Forderung nach 12 Euro Mindestlohn verfängt nicht wirklich.

Doch nun macht ausgerechnet der alte Intimfeind Scholz eine machtpolitische Tür auf. Bayerns Ministerpräsident, der Scholz schon mal als "Schlumpf" abqualifiziert, reicht ihm in der Flutkatastrophe medienwirksam die Hand. Bei einem Besuch in Schönau am Königssee in Bayern machen sich Markus Söder und Olaf Scholz demonstrativ zusammen ein Bild von dem Ausmaß der Zerstörung durch das Hochwasser, trösten Flutopfer und verkünden Hilfen. Der gemeinsame Auftritt in Bayern ist bemerkenswert und wird in der SPD wie in der Union als genau das Signal verstanden, das es sein soll. Söder will Scholz im Koalitionsverbund halten. Schwarz-grün soll nicht als Selbstläufer und einzige Option für CDU/CSU gesehen werden.

Söder kann sich eine Fortsetzung der Großen Koalition ebenso vorstellen wie eine Deutschland-Koalition aus Union, SPD und FDP. Für Scholz hat diese Perspektive einen gewissen Reiz. Denn so könnte er - selbst bei einer Wahlniederlage - Vizekanzler bleiben. Und auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dürfte seiner SPD - wie 2017 - abermals den Verbleib in der Regierung empfehlen - schon, um selbst im Amt zu bleiben. Die Karten von Olaf Scholz im Kanzlerkandiatenpoker werden besser.

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