Armin Laschet geht nun sogar ins Kloster. Die CSU lädt den Kanzlerkandidaten zur Klausurtagung ins bayerische Seeon und setzt auf ganz leise Töne. Zwischen Söder und Laschet herrscht erstaunliche Ruhe und von Wahlkampf merkt man kaum etwas - auch weil Landesgruppenchef Dobrindt zum Strategen der Union wächst und einen Plan hat.

Dr. Wolfram Weimer
Eine Kolumne
von Wolfram Weimer
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Kanzlerkandidat Armin Laschet macht bislang den leisesten Bundestagswahlkampf aller Zeiten. Wie im Schlafwagen mit zugezogenen Fenstern und Filzpantoffeln im Abteil rollt er von Düsseldorf dem Berliner Kanzleramt entgegen. Die Flüsterzug-Strategie funktioniert bislang verblüffend gut - aus drei Gründen.

Zum einen, weil die Deutschen nach der Pandemie mehrheitlich einfach keinen neuen Stress und Schlammschlachten im Wahlkampf haben wollen. Zum anderen rollt Laschets Flüsterbahn voran, weil der grüne Baerbock-Zug krachend entgleist und SPD-Schaffner Olaf Scholz wie im Bahnhof der Emotionen einbetoniert wirkt. Da der politische Fahrplan der Macht immer auch eine Frage der Relativität ist, steigt mit der Schwäche seiner Konkurrenten automatisch die Chance des NRW-Ministerpräsidenten in ultra-ruhiger Fahrt nach Berlin durchzukommen.

Der dritte Grund für Laschets steigende Umfragewerte liegt in Bayern. Der Machtkampf mit Markus Söder um die Kanzlerkandidatur hatte die Union ins Wanken gebracht, die CSU drohte für Laschet eine offene Flanke und das größte Risiko im Wahlkampf zu werden. Tatsächlich aber hat Söder mit Laschet inzwischen seinen Frieden gemacht. Aus Bayern wird nicht mehr quergeschossen. Und so macht Laschets Schlafwagen in dieser Woche gemütlich Halt bei der CSU.

CSU-Klausurtagung: Ab ins Kloster

Die CSU-Landesgruppe lädt zur Klausurtagung ins Kloster Seeon und startet damit ihren Wahlkampf - das Kloster passt zum Schlafwagen. Seeon ist eine idyllische 600-Seelen-Bilderbuchgemeinde am Chiemsee, umgeben von Mooren und Wäldern. Über 40 Libellenarten kann man hier beobachten. Mozart schrieb hier ein Offertorium mit dem für Laschet kitschig passenden Titel "Steig empor zur Schwelle des Himmels".

Wenn Laschet und Söder nun klösterliche Eintracht demonstrieren, so steht im Hintergrund der Mann, den sie den Strippenzieher des Unionsfriedens, den Architekten der Geschlossenheit oder kurzerhand auch "den schwarzen Abt" nennen: Alexander Dobrindt.

Der CSU-Landesgruppenchef Dobrindt fungiert - wie immer - als offizieller Gastgeber in Seeon. Doch in Wahrheit ist seine Rolle heuer deutlich wichtiger geworden. Er ist seit einigen Tagen amtlicher CSU-Spitzenkandidat zur Bundestagswahl und innerhalb der Union, die sich im Wahljahr auch machtpolitisch neu sortiert, einer der großen Gewinner. Selbst die links-liberale Wochenzeitung "Die Zeit" porträtierte ihn dieser Tage wohlwollend als Mann der Zukunft.

Während Horst Seehofers Macht erlischt, Andreas Scheuers Karriere am Ruin entlang schrammt, Manfred Webers Chancen im Europaparlament zerstäuben und Gerd Müllers politischer Weg weit weg zur Uno strebt, hat Dobrindt seine Machtposition deutlich verbessert. Im absolutistischen Machtgefüge der CSU ist er neben Söder zur Nummer 2 der Partei aufgestiegen, zum unumstrittenen Berliner Kopf der Christsozialen.

Alexander Dobrindt: Der schwarze Abt sorgt für Ruhe

Dobrindt war einst auf Distanz zu Söder, beide in gegnerischen Machtlagern verankert, doch seit zwei Jahren haben beide zueinander gefunden und erkannt, dass sie im Tandem beide gewinnen. Während Söder die große Orgel bespielt, kümmert sich der schwarze Abt darum, dass im Refektorium das politische Alltagsbrot auch sauber zubereitet wird. Dobrindt verfügt wie wenige in der Union über strategische Intelligenz und langfristiges Kalkül, er kombiniert Machtwillen mit kühler Grundruhe.

Dobrindt hat die CSU-Landesgruppe, die unter seiner Vorgängerin Gerda Hasselfeldt als gefügiger bayerischer Streichelzoo für Merkel schnurrte, zu einer selbstbewussten Truppe mit kantiger Sachkompetenz formiert. Aus ihr werden wahrscheinlich die drei nächsten CSU-Bundesminister kommen.

Denn der Landesgruppenchef ist nicht nur Strippenzieher und Machtorganisator. Er ist auch zum inhaltlichen Stichwortgeber seiner Partei avanciert. Mal schreibt er Grundlagentexte zum modernen Konservativismus und löst damit eine deutschlandweite Feuilletondebatte aus, dann kommentiert er unter dem Gejaule der Sozialdemokratie die SPD-Debatten als "Zwergenaufstand”, schließlich führt er Provokationsvokabeln wie die "Anti-Abschiebe-Industrie” in die Debatte ein. Er ist mächtig und deutungsmächtig zugleich.

Und so bläut er nun seinen Leuten ein, dass Geschlossenheit für die Union jetzt wichtig sei. "Er hält den Laden in Ruhe und spekuliert auf ein Einbinden der FDP in die nächste Regierung", sagt ein Bundestagsabgeordneter. Mit Christian Lindner versteht sich Dobrindt bestens, zur SPD hält er ebenfalls guten Kontakt. Und so liebäugelt der schwarze Abt mit einer "Deutschland-Koalition" aus Union, SPD und FDP oder aber mit Jamaika (Union, Grüne, FDP), um die Grünen einzuhegen.

Wird Dobrindt neuer Bundesfinanzminister?

Die CSUler vertrauen ihm, denn Dobrindt war als Wahlkampfstratege und Generalsekretär einst ungewöhnlich erfolgreich. Unter seiner Regie gewann die CSU die Landtagswahlen 2013 (Wahlergebnis: 47,7 Prozent) und die darauffolgende Bundestagswahl (49,3 Prozent) eindrücklich.

Dobrindt hat nie über große Bühnenspektaktel, TV-Auftritte oder emotionale Selbstinszenierungen nach Sympathiewerten gegiert, er gewinnt seine Autorität wie Wolfgang Schäuble vielmehr über seinen Verstand. Beide - Dobrindt und Schäuble - standen sich im Kandidatenmachtkampf des Frühjahrs am Ende wie die letzten, entscheidenden Duellanten gegenüber.

In der finalen Nachtsitzung kämpfte Schäuble mit harten Bandagen für Laschet, Dobrindt warf alles für Söder in die Waagschale. Er hätte die Machtfrage über eine Abstimmung der Fraktion entscheiden können, alles war vorbereitet. Doch Söder wollte keinen erzwungenen Sieg. Er ließ den beinharten Schäuble über seinen treuen Statthalter Dobrindt obsiegen.

Vielleicht aber - so hört man aus der Fraktion - wird Dobrindt dafür belohnt, indem er im Herbst das Amt des Bundesfinanzministers übernimmt - und damit letztlich Schäuble beerbt. Im Schlafwagen Laschets bekommt der schwarze Abt jedenfalls ein großes Abteil.

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