• Seit dem umstrittenen Foul im Topspiel zwischen dem FC Bayern und dem BVB wird wieder heftig über den Video-Schiedsrichter debattiert.
  • Rekordnationalspieler Lothar Matthäus schlägt vor, ehemalige Spieler in den Kölner Keller zu setzen.
  • Schiedsrichter-Experte Alex Feuerherdt hält nicht viel von dieser Idee.

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59. Minute: Beim Stand von 2:1 dribbelt sich Dortmunds Jude Bellingham nach vorn, in den Strafraum, Bayern-Verteidiger Benjamin Pavard kommt mit einer Grätsche, bringt ihn zu Fall. Foul-Elfmeter? Nach Rücksprache mit dem Video-Assistenten entscheidet sich Schiedsrichter Daniel Siebert dagegen. Der DFB hat inzwischen zugegeben: Es war eine Fehlentscheidung.

Hätte Borussia Dortmund ausgeglichen, wäre das Spiel womöglich anders ausgegangen. Stattdessen schoss der FC Bayern noch ein Tor und sicherte sich vorzeitig die Deutsche Meisterschaft. Es ist die Szene, über die Fußballfans und die Liga seit Wochen diskutieren. Dabei rückt die eigentliche Szene in den Hintergrund – und die Diskussion um den Video Assistent Referee (VAR) in den Vordergrund. Debatten wie diese nach dem 31. Spieltag gibt es häufig, in der Bundesliga und der zweiten Bundesliga.

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Trotz Videoschiedsrichter im Kölner Keller gäbe es noch zu viele Fehlentscheidungen. Für Rekordnationalspieler und "Sky"-Experte Lothar Matthäus seien diese Entscheidungen "einfach nicht mehr zu akzeptieren". Er schlägt deshalb vor, ehemalige Fußballprofis als Unterstützung für den Video-Schiedsrichter vor. Auch Rudi Völler, Weltmeister von 1990 und Sportdirektor von Bayer Leverkusen, meinte nach einem heftig diskutierten Foulelfmeter im Spiel Werder Bremen gegen Schalke im Dezember bei "Sport Bild": "Inzwischen bin ich der Meinung, dass ein Ex-Profi mit Erfahrung in vielen Situationen vielleicht eine Hilfe sein könnte." Eine gute Idee?

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Ex-Profis: Ein gutes Gespür für den Fußball, aber nicht für die Regeln

Ehemalige Fußballprofis, zum Beispiel ehemalige Bundesliga-Spieler, könnten gemeinsam mit dem Video Assistent Referee im Kölner Keller sitzen und bei strittigen Szenen darauf hinweisen, wenn er eine Fehlentscheidung des Schiedsrichtergespanns befürchtet. In anderen Sportarten, etwa beim Eishockey oder in der Formel 1, ist es üblich, dass ehemalige Profis den Unparteiischen oder der Rennleitung assistieren.

Schiedsrichter-Experte Alex Feuerherdt sieht neben den Vorteilen aber auch einen entscheidenden Nachteil: "Ex-Profis haben zwar ein gutes Gespür für den Fußball, aber oft nicht für das Regelwerk", sagt er. Sie seien nicht so tief im Schiedsrichterwesen wie Unparteiische, die Lehrgänge dafür absolviert hätten.

Aus diesem Grund sollten ehemalige Spieler – wenn sie in Spiele einbezogen werden – als Assistenz des Video-Schiedsrichters involviert sein und nicht als zusätzlicher Referee.

Abseits und Foul im Strafraum: Entscheidungen sind nicht immer schwarz-weiß

Das Problem sei, dass es immer Situationen geben wird, bei denen darüber diskutiert werden kann, ob der Video Assistent Referee eingreifen sollte oder nicht – und die entsprechend auch für den Schiedsrichter auf dem Platz klar entschieden werden könnten. Feuerherdt zählt dazu etwa Abseitsstellungen oder Foulspiele inner- oder außerhalb des Strafraums.

Bei vielen Entscheidungen sei das aber nicht so einfach, etwa bei der Härte von Foulspielen. "Es wird immer wieder Streitfälle geben", sagt Feuerherdt, der selbst 20 Jahre als Schiedsrichter tätig war. "Die Frage ist, ob Ex-Profis etwas an der Situation ändern könnten."

Statt Ex-Profis: Mehr Personal und mehr Spezialisierung?

Für die sinnvollere Lösung hält er es, wenn generell mehr Spezialisten den Schiedsrichtern während eines Spiels assistieren – wie bei einer Welt- oder Europameisterschaft. Hier gibt es beispielsweise noch zusätzliche Assistenten und einen Supervisor. Für realistisch hält er das aktuell aber nicht: "Es gibt zwei Probleme: Der Keller ist zu klein. Und: Wo sollen wir die Leute hernehmen?"

Seit Jahren ist die Zahl der Schiedsrichter laut NDR in vielen Landesverbänden rückläufig. Zu hoher zeitlicher Aufwand, zu geringe Bezahlung – hinzu kommen Pöbeleien auf dem Feld oder eben Diskussionen um falsche Entscheidungen. Der Druck für Schiedsrichter ist ohnehin schon groß.

Ein leichter umsetzbares Ziel könnte laut Feuerherdt sein, häufig dieselben Schiedsrichter-Teams zu Spielen zu schicken. Der Schiedsrichter auf dem Platz und der Video Assistent Referee seien besser aufeinander abgestimmt, so könne es womöglich zu weniger falschen Entscheidungen kommen. Das setzt allerdings auch voraus, dass sich manche Unparteiische mehr auf die Arbeit im Kölner Keller fokussieren – und vielleicht sogar noch spezieller dafür ausgebildet werden müssten.

Dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und die Deutsche Fußball-Liga (DFL) in den kommenden Jahren einiges ausprobieren werden, hält er für wahrscheinlich. Vielleicht ja auch ein VAR-Praktikum für Ex-Profis.

Über den Experten:
Alex Feuerherdt ist Fußball-Schiedsrichter seit 1985 und hat selbst Spiele bis zur Oberliga geleitet. Er lebt in Köln und ist dort seit vielen Jahren verantwortlich für die Aus- und Fortbildung der Unparteiischen. Außerdem wird er als Schiedsrichter-Beobachter in Spielklassen des DFB eingesetzt und arbeitet auch als Schiedsrichter-Coach. Für unsere Redaktion schreibt Feuerherdt nach jedem Bundesliga-Spieltag eine Analyse, in der er Entscheidungen der Unparteiischen vom Wochenende analysiert.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Alex Feuerherdt
  • rp-online.de: Die Schiedsrichter-Not in den Fußballkreisen
  • ndr.de: Fußball klagt über zu wenig Schiedsrichter im Land
  • dfb.de: Schiedsrichter-Statistik 2019/20
  • bild.de: Völler fordert: Ex-Profis in den Video-Keller
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