Die Bayern sind wieder hungrig nach Erfolg. Jupp Heynckes hat es geschafft, seine Mannschaft in der wichtigsten Phase der Saison auf ihr höchstes Leistungsniveau zu treiben - mit handwerklichen und zwischenmenschlichen Kniffen. Wieder einmal.

In Europa gibt es keine Mannschaft mehr, die vom Triple träumen darf - außer dem FC Bayern.

Wer diese vor rund einem halben Jahr als Tipp geäußert hätte, wäre wohl für verrückt erklärt worden. Die Bayern lagen damals im wahrsten Sinne des Wortes am Boden.

Die Nacht von Paris an diesem 27. September 201 war eine denkwürdige, die Standpauke der Bosse nach dem demütigenden 0:3, die Lethargie von Trainer Carlo Ancelotti, der Unmut der Spieler - all das kumulierte im Rauwurf Ancelottis, den dieser geradezu provoziert hatte.

Damals war zeitgleich Borussia Dortmund grandios in die Saison gestartet und manch einer vermutete sogar, dass diese erdrückende nationale Dominanz der Bayern nun endlich aufgebrochen werden könnte.

Dann aber hatte Uli Hoeneß eine Idee. Der alte Freund sollte die brenzlige Situation lösen, die Bayern wieder auf Gefechtslage trimmen und zusätzlich Zeit beschaffen für die Suche nach einem neuen Trainer ab dem Sommer.

35 Pflichtspiele, 100 Tore

Letzteres hat nicht ganz so funktioniert, wie Hoeneß sich das vorgestellt hatte. Die Bayern haben sich nun mittlerweile eine andere Lösung organisiert, das wirkte zwar ein wenig hektisch und überstürzt. Alles andere aber, das sich die Bayern für diese Saison vorgenommen hatten, ist bisher hundertprozentig nach Plan verlaufen.

Mit Heynckes auf der Trainerbank und seinem kongenialen Assistenten Peter Hermann haben die Bayern in 35 Pflichtspielen unglaubliche 100 Tore erzielt, knapp drei pro Partie.

Wie eine Dampfwalze rollt der Rekordmeister durch die nationalen und internationalen Wettbewerbe. Und vor allem: Die Mannschaft baut jenen Spannungsbogen auf, der zu ganz Großem reichen könnte.

Die große Kunst ist es schließlich, in der entscheidenden Phase der Saison auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit zu sein.

Die Bayern unter Pep Guardiola hatten Verletzungspech und trafen falsche Entscheidungen.

Und letzte Saison - darf man Karl-Heinz Rummenigge Glauben schenken - war die eine oder andere Schiedsrichterentscheidung ausschlaggebend. Die kann selbst Heynckes nicht beeinflussen. Was der Trainer aber sehr wohl steuern kann, ist die Belastung seiner Spieler.

Ulreich und Müller als Symbolbilder

Heynckes hat es wieder einmal geschafft, seine Spieler auf ihr Toplevel zu bringen, in der wichtigsten Phase der Saison.

Exemplarisch dafür stehen Torhüter Sven Ulreich und Angreifer Thomas Müller. Ulreich leistete sich unmittelbar vor dem Ancelotti-Aus noch deftige Patzer, galt damals aber ohnehin nur als Übergangslösung - weil alle Beteiligten von einer raschen Rückkehr Manuel Neuers ausgingen.

Ulreich steht auch jetzt noch im Tor und hat Neuer nicht nur würdig vertreten, sondern sich in einem Maße gesteigert, das bemerkenswert ist.

Und Müller? Der hatte im Herbst eine Tor- und Sinnkrise, schlich wie ein Schatten seiner selbst über den Platz. Mittlerweile folgt Müller wieder seinem Instinkt und trifft so beharrlich und regelmäßig wie zu Hochzeiten seiner bisherigen Karriere.

"Alles, was wir derzeit erreichen, ist das Produkt harter Arbeit. Das, was unser Spiel ausmacht, was man in den Partien sehen kann, ist das Ergebnis unserer täglichen Arbeit auf dem Trainingsplatz", nannte Heynckes nach dem 6:2-Kantersieg über Bayer Leverkusen im Pokal-Halbfinale ein paar handwerkliche Gründe.

Aber mindestens genauso wichtig dürfte die Arbeit im zwischenmenschlichen Bereich gewesen sein, gerade bei einer Ansammlung an Stars und großen Egos, ist die Moderation einer Mannschaft von grundlegender Bedeutung.

"Nur Teamplayer, keine Ich-AGs"

"Jeder ordnet sich unter. Wir haben im Moment nur Teamplayer, keine Ich-AGs. Jene Mannschaft, die Homogenität in der Truppe hat, in der die Spieler sich verstehen, akzeptieren und respektieren und in der jeder seine Leistung für die Mannschaft erbringt, gewinnt die Champions League", sagte Heynckes weiter.

Der Ruheständler außer Dienst hat den Bayern wieder diese kollektive Gier vermittelt, die im Herbst zu erschlaffen drohte.

Da war keine Einheit auf dem Platz zu sehen. Die Spieler beschwerten sich bei den Bossen über den damaligen Trainer und dessen zu lasches Training.

Die Abläufe auf dem Platz, welche von Guardiola auf ein Weltklasseniveau gehoben worden waren, verwässerten immer mehr. Jetzt sind die Bayern wieder kampfbereit. Das ist Heynckes‘ Werk und das seines Trainer- und Betreuerstabs.

Heynckes ist kurz davor, sein eigenes Denkmal in München noch größer zu bauen. Die Wiederholung des Triples - ein Erfolg, den selbst die vom Erfolg verwöhnten Bayern nur ein einziges Mal geschafft haben - ist längst keine Utopie mehr.

Nimmt man die Leistungsexplosion der letzten Wochen, mit Kantersiegen gegen Dortmund, Augsburg, Gladbach und Leverkusen in den heimischen Wettbewerben sowie die dosierten Auftritte gegen Sevilla als Grundlage, dann reift die Erkenntnis: Die Bayern nähern sich auf ihrem Weg kontinuierlich dem Leistungshöhepunkt.

Am nächsten Mittwoch gegen Real Madrid sollten sie zeigen, dass sie ihn erreicht haben.