Nach dem Bundesligaaufstieg von RB Leipzig scheinen zwei Szenarien unvermeidbar zu sein: Der Hass auf die "Roten Bullen" wird steigen, deren Erfolg aber auch.

In Leipzig wurde der Sonntag gefeiert, in vielen anderen Fußball-Städten verflucht. RB Leipzig hat den Aufstieg in die Bundesliga perfekt gemacht. Ein Blick auf die Facebook-Seite des Vereins zeigt, dass hier offenbar der meistgehasste Bundesligist aller Zeiten heranwächst.

Kommentare, in denen der Verein runtergemacht wird, wurden meist weitaus häufiger gelikt als Gratulationsbekundungen. Bereits in der 2. Liga gab es zahlreiche Protestaktionen gegnerischer Fans - bis hin zum vollständigen Boykott. Dass ein Fußballverein als Marketing-Instrument des Getränkeherstellers Red Bull fungiert, stößt den Traditionalisten übel auf.

Zwar gibt es auch andere Vereine wie den VfL Wolfsburg oder Bayer Leverkusen, die einen reichen Konzern hinter sich haben. Doch hatten Volkswagen und Bayer ihren Verein über mindestens 20 Jahre lang gefördert, sodass sie von der 50+1-Ausnahmeregelung profitierten und alle Anteile übernehmen durften. RB Leipzig hingegen wurde auf Initiative der Red Bull GmbH gegründet.

Viel Gegenwind bei den Leipzigern

Selbst in Leipzig waren die "Roten Bullen" lange verhasst. Ersatztorhüter Benjamin Bellot ist der einzige Akteur im Kader, der seit der Vereinsgründung im Jahre 2009 dabei ist. "Es gab von Anfang an viel Gegenwind", sagt er. "Selbst bei unseren Heimspielen war nicht viel los. Die mitgereisten Fans waren oft lauter als unsere eigenen Anhänger, weil wir so wenig Fans hatten. Das war teilweise eine peinliche Stimmung bei unseren Heimspielen."

Peinlich ist die Stimmung in der Red Bull Arena schon längst nicht mehr. Mit 29.167 Besuchern im Schnitt hat der Verein den zweithöchsten Zuschauerandrang der 2. Liga. Nun befindet sich ganz Leipzig im Fußball-Fieber. Kein Wunder: Gab es in der Stadt doch seit knapp einem Vierteljahrhundert keinen erstklassigen Fußball mehr!

Im Fußball-Oberhaus dürfte die Besucherzahl rapide steigen. Nach dem ersten Bundesligajahr soll über eine Erweiterung des Stadions entschieden werden. Die inmitten der Stadt liegende Arena könnte von derzeit 44.345 auf bis zu 57.000 Plätze ausgebaut werden.

Der Traum von RB Leipzig

Der Traum der Leipziger wäre es, in der Bundesliga schnell für Furore zu sorgen. Ein Blick in die kurze Vereinsgeschichte zeigt, dass der Verein nach einem Aufstieg keine Eingewöhnungszeit benötigt. 2013/2014 marschierte der Klub auf Anhieb durch die 3. Liga. Auch in der 2. Liga war er gleich eine Spitzenmannschaft.

Genau das ist es, wovor sich nun viele Bundesligisten fürchten. In einer Zeit, in der Traditionsvereine wie Eintracht Frankfurt, Werder Bremen und der VfB Stuttgart das Budget vielfach zurückfahren müssen und nun sogar mit einem Bein in der 2. Liga stehen, kommt RB Leipzig mit scheinbar unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten daher.

Milliardär Dietrich Mateschitz macht im Sport keine halben Sachen. Das ist in der Formel 1 so und wird in der Bundesliga nicht anders sein. Mit dem Klassenerhalt dürfte sich niemand zufriedengeben. Mittelfristig sieht sich der Verein in der Champions League. Laut Informationen des "Kicker"-Sportmagazins stehen 50 Millionen Euro an Ablösesummen für die Transfer-Offensive im Sommer bereit.

Rund 40 Bundesliga-Profis und 20 bei ausländischen Vereinen beschäftigte Spieler soll die Datenbank der Scouting-Abteilung umfassen. Etwa zehn neue Spieler mit Erstligaformat sollen Medienberichten zufolge verpflichtet werden.

Teamgeist hat Priorität

Für RB-Macher Ralf Rangnick besteht die Herausforderung darin, die Mannschaft so zu verstärken, dass die Aufstiegshelden nicht vor den Kopf gestoßen und der gute Teamgeist nicht beschädigt wird.

Die Leipziger richten den Fokus auf junge Spieler, die die beste Zeit ihrer Karriere noch vor sich haben. Der Vorteil: Das Gehaltsgefüge wird nicht allzu sehr durcheinandergebracht. Zudem hat der zukünftige Trainer Ralph Hasenhüttl beim FC Ingolstadt bewiesen, dass er junge Spieler weiterentwickeln kann. Dass große Talente auf dem Transfermarkt teuer sind, fällt dank des Konzerns Red Bull (Jahresumsatz rund 5,9 Milliarden Euro) nicht ins Gewicht.

Das zeigte sich zum Beispiel vergangenes Jahr an der Verpflichtung des Sturm-Talents Davie Selke, der für acht Millionen Euro von Werder Bremen geholt wurde.

Der Spieleretat soll laut "Bild"-Zeitung von 20 auf rund 40 Millionen Euro verdoppelt werden. Damit dürfte sich RB Leipzig ungefähr auf einem Niveau mit dem Hamburger SV bewegen. Ein weiterer Traditionsverein muss also befürchten, dass ihm von RB Leipzig der Rang abgelaufen wird. Top-Verdiener in Leipzig ist laut der "Bild" momentan Emil Forsberg mit einem Jahresgehalt von rund drei Millionen Euro. Gut möglich, dass er diesen "Titel" bald an einen hochkarätigen Neuzugang abtreten muss.

Mittelfristig möchte RB Leipzig die Stars selber ausbilden. Auch hier wurden keine Kosten gescheut. Das 13.000 Quadratmeter große Leistungszentrum, selbstverständlich mit den neuesten Technologien ausgestattet, ist für rund 30 Millionen Euro errichtet worden. Von der Deutschen Fußball Liga gab es gleich das Prädikat "Exzellent" und drei Sterne.

Rund zwei Dutzend Juniorennationalspieler hat RB Leipzig bereits beisammen - Tendenz steigend. Dieter Hoeneß erzählte in den "Stuttgarter Nachrichten": "Ich war neulich bei einem Junioren-Länderspiel zwischen Österreich und Deutschland. Die besten Spieler kamen auf der einen Seite von Red Bull Salzburg, auf der anderen von RB Leipzig. Ist das Zufall?" Vermutlich nicht. In Leipzig entsteht offenbar eine große Mannschaft. Groß genug, um ein Konkurrent des FC Bayern München zu werden? Die Fans scheinen davon überzeugt zu sein. "Zieht den Bayern die Lederhosen aus", sangen die Anhänger, als die RB-Spieler auf einem Doppeldecker-Bus den Aufstieg feierten.

München freut sich über Rivalen

Im München wurde bereits Ende 2014 erkannt, dass in Leipzig ein Rivale entstehen könnte - angeblich mit Vorfreude. "Ich hoffe sogar, dass Leipzig zum Konkurrenten für Bayern wird", sagte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge damals in der "Sport Bild". "Konkurrenz bedeutet Emotionalität – und die macht den Fußball aus. Ich glaube, dass in Leipzig unabhängig vom Geld gut gearbeitet wird."

Auch Matthias Sammer äußert sich positiv über das Projekt aus Leipzig. "Ein paar Traditionalisten werden wieder rumschreien und weinen, aber das ist nicht in Ordnung. Wenn es Lok und Chemie Leipzig nach der Wende nicht geschafft haben, ihre Kraft im Interesse des Fußballs vor Ort zu bündeln - dann gibt es immer einen lachenden Dritten", sagte der Vorstand im NDR. Er sieht die Fußballer sogar als Konjunkturhilfe für die Region: "Das schafft natürlich auch Arbeitsplätze. Dementsprechend bin ich dem immer positiv gegenübergestanden." Ob die Meinung noch immer so positiv ausfällt, wenn RB tatsächlich am Thron des Rekordmeisters rüttelt, ist allerdings fraglich.